Wirtschaftspolitischer Beitrag

Eine Pandemie der Ungeimpften kann für Deutschland teuer werden

Kiel Focus

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Lena Merkel
Natalie Baier
Natalie Baier

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Sollte sich die Impfquote in Deutschland nicht rasch noch weiter steigern lassen, muss in den kommenden Herbst- und Wintermonaten wieder mit einer starken Belastung deutscher Krankenhäuser durch Covid19 gerechnet werden.

Die Corona-Impfquote in Deutschland ist im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern niedrig und scheint seit Anfang August fast zu stagnieren, wie in Abbildung 1a dargestellt. Zudem ist in Deutschland ein größerer Teil der Ungeimpften bisher nicht in Kontakt mit dem Virus gekommen. Nur 5 Prozent gelten als genesen – weniger als halb so viele wie in Belgien, Frankreich, Portugal und Spanien, wo das Virus in früheren Infektionswellen stärker gewütet hat (Abb. 1b). Wegen der niedrigeren Genesenenrate wiegt der geringere Anteil Geimpfter in Deutschland umso schwerer. In den kommenden Monaten muss Deutschland mehr als andere westeuropäische Länder eine "Pandemie der Ungeimpften" fürchten, wie jüngst auch das Robert-Koch-Institut (RKI) prognostizierte [1].

Abbildung 1: Impfquote der vollständig Geimpften (a) und Anteil der Bevölkerung (b), die seit Anfang 2020 mit Covid-19 infiziert war (gemeldete Covid-19-Infektionen abzüglich der an oder mit dem Virus Verstorbenen) [2]

Auch wenn es keinen weiteren bundesweiten Lockdown mehr geben sollte, kann die Pandemie der Ungeimpften noch hohe volkswirtschaftliche Kosten verursachen, insbesondere auch im deutschen Gesundheitswesen. Wir stehen vor dem ersten Winter, in dem das Infektionsgeschehen von der viel ansteckenderen Delta-Variante getrieben wird.

Hohe Ausgaben für Ungeimpfte in stationärer Versorgung

Kommt es in den kommenden Monaten zu dem prognostizierten Anstieg der Neuinfektionen, ist mit deutlich steigenden Krankenhauseinweisungen zu rechnen. Schon seit Anfang August 2021 handelt es sich bei dem Großteil der hospitalisierten Covid-19-Fälle um Ungeimpfte. Mehr Krankenhauseinweisungen gehen einher mit steigenden Ausgaben des Gesundheitswesens, die gerade bei Covid-19 zu einem sehr großen Teil in der stationären Versorgung entstehen.

Abbildung 2 zeigt den Anteil wahrscheinlicher Impfdurchbrüche an der Gesamtzahl hospitalisierter Fälle in wöchentlichen Intervallen. Er betrug seit Anfang August im Schnitt 19,5 Prozent bei den über 60-Jährigen und 5,9 Prozent bei den 18–59-Jährigen. Der Anteil Ungeimpfter in stationärer Behandlung betrug demnach 84,5 Prozent. Da allen Erwachsenen bis Ende Juli ein Impfangebot gemacht wurde, ist davon auszugehen, dass ein überwiegender Teil der Ausgaben für die stationären Behandlungen vermeidbar gewesen wäre.

Abbildung 2: Anzahl hospitalisierter Covid-19-Fälle nach Impfstatus inklusive approximierter Nachmeldungen [3]

Multipliziert man die Hospitalisierungszahlen des RKI, aus denen die wahrscheinlichen Impfdurchbrüche bei vollständig Geimpften herausgerechnet wurden, mit den durchschnittlichen Behandlungsausgaben, die von der AOK-Krankenkasse mit 10.200 Euro beziffert werden, ergeben sich allein für die Monate August und September 2021 bereits Ausgaben von mehr als 160 Millionen Euro für die stationäre Behandlung ungeimpfter Erwachsener.

Die Zahlen des RKI zu Hospitalisierungen sind mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Sie basieren auf klinischen Informationen, die zum Zeitpunkt der Meldung eines Covid-19-Falles vorliegen. Kommt es zu einem späteren Zeitpunkt zu einer Hospitalisierung, werden die Daten zeitverzögert korrigiert. Dies kann bis zu drei Wochen in Anspruch nehmen [4]. Basierend auf den klinischen Daten des RKI lassen sich die zu erwartenden Nachmeldungen für die Kalenderwochen 37 bis 39 approximieren, wie in Abbildung 2 dargestellt. Bezieht man diese Fälle mit ein, lagen die Ausgaben für die stationäre Behandlung ungeimpfter Erwachsener um 20 Millionen Euro höher.

Hinzu kommt, dass sich die Altersstruktur von Covid-19-Fällen in stationärer Behandlung verändert hat. Während zu Beginn der Pandemie vor allem Ältere, über 80-Jährige, intensivmedizinisch behandelt werden mussten, werden die Intensivbetten jetzt zunehmend von Jüngeren belegt [5]. Deren Überlebenschancen sind jedoch deutlich besser, sodass ihre Behandlung seltener durch Tod endet und sie tendenziell länger auf der Intensivstation verbleiben, wodurch insgesamt höhere reale Ressourcenaufwendungen entstehen können. Daher ist anzunehmen, dass die kalkulierten durchschnittlichen Behandlungskosten steigen werden und in mehr Fällen Behandlungsausgaben in der Spitzenkategorie von mehr als 77.700 Euro erreicht werden. Der Anteil von Covid-19-Fällen, für die der Spitzenkostensatz anfällt, liegt nach Angaben der AOK derzeit bei 10 Prozent [6].

Sollte die Impfquote auf ihrem aktuellen Niveau verharren, ist laut Prognose des RKI [1] im Winter mit einem Anstieg der Inzidenz auf bis zu 400 pro 100.000 Einwohnern und einer entsprechenden Steigerung der Krankenhauseinweisungen zu rechnen. Dann könnten pro Woche so hohe Ausgaben für die stationäre Behandlung von Covid-19-Fällen auf das Gesundheitswesen zukommen wie in den vergangenen zwei Monaten insgesamt. Dann müssten wohl auch einige der in früheren Covid-19-Infektionswellen verschobenen Krankenhausbehandlungen für andere Krankheiten, die zurzeit nachgeholt werden, erneut verschoben werden, zumal die Personalknappheit in den Intensivstationen vieler Krankenhäuser inzwischen noch zugenommen hat.

Was folgt daraus für die kommenden Monate?

Bei weiteren Lockerungen der Präventionsmaßnahmen für bereits Geimpfte darf die Pandemie der Ungeimpften nicht außer Acht gelassen werden. Schon allein die hohen Ausgaben für die stationäre Versorgung ungeimpfter Infizierter rechtfertigen weitere Anstrengungen zur Erhöhung der Impfquote, die Ausweitung gezielter Präventionsmaßnahmen für Ungeimpfte und eine Verbesserung der Daten, mit denen sich der Verlauf der Pandemie möglichst zeitnah erfassen und regional sowie nach Impfstatus und anderen medizinischen und sozioökonomischen Gesichtspunkten differenziert prognostizieren lässt. Dazu braucht es nicht zuletzt auch eine Stärkung des öffentlichen Gesundheitsdienstes, der relevante Daten erhebt. Ein Fehler ist es, das Angebot kostenloser Corona-Schnelltests für Ungeimpfte auslaufen zu lassen, die in den vergangenen Monaten signifikant zur Erfassung des Pandemieverlaufs beigetragen haben.

Denn als Leitindikator der Pandemie hat die Hospitalisierungsinzidenz nicht nur wegen der zeitlichen Verzögerung zwischen Infektion und Hospitalisierung, sondern zusätzlich auch wegen einer zeitlichen Verzögerung in der Meldung zuverlässiger Hospitalisierungsdaten nur eine schwache Aussagekraft. Sie trägt nur begrenzt dazu bei, das aktuelle Pandemiegeschehen abzubilden. Sollten die Datenprobleme nicht zeitnah bereinigt werden, ist sie als alleiniges Instrument zur Steuerung von Präventionsmaßnahmen kaum akzeptabel.

Wie unzuverlässig die Datenlage zum Teil ist, verdeutlichen auch die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage, die laut RKI darauf hindeuten, dass die Impfquote in Deutschland doch schon etwas höher sein könnte als offiziell bekanntgemacht [7]. Aber auch dieses Umfrageergebnis ist mit Vorsicht zu bewerten. Auf jeden Fall liegt die Immunität in der Bevölkerung in Deutschland damit noch immer deutlich hinter den westeuropäischen Vergleichsländern in Abbildung 1a. Sollte sich die Impfquote in Deutschland nicht rasch noch weiter steigern lassen, muss in den kommenden Herbst- und Wintermonaten wieder mit einer starken Belastung deutscher Krankenhäuser durch Covid-19 gerechnet werden.

Literatur

  1. Wichmann, O., S. Scholz, M. Waize, N. Schmid-Küpke, O. Hamouda, L.H. Wieler und L. Schaade (2021). Welche Impfquote ist notwendig, um COVID-19 zu kontrollieren? Epidemiologisches Bulletin (27): 3–13.
  2. Our World in Data: Coronavirus Pandemic (COVID-19). ourworldindata.org/coronavirus (2021). Accessed October 6, 2021.
  3. RKI: Wochenberichte zu COVID-19. www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Wochenbericht/Wochenberichte_Tab.html;jsessionid=F72A614F3426BA8F21376FE366F2F76A.internet052 (2021). Accessed December 5, 2021.
  4. Schwentker B., M. Milatz, C. Cesaro-Tadic: Hospitalisierungsrate zeigt nur noch die Hälfte der Corona-Patienten. www.ndr.de/nachrichten/info/Hospitalisierungsrate-zeigt-nur-noch-die-Haelfte-der-Corona-Patienten,hospitalisierungsrate102.html (2021). Accessed October 5, 2021.
  5. Schadwinkel, A.: Immer mehr jüngere Menschen erkranken schwer an Covid-19. www.spektrum.de/news/corona-immer-mehr-juengere-menschen-erkranken-schwer-an-covid-19/1917562.
  6. Kunz, A., L. Meyer: Die wahren Kosten der Ungeimpften. www.welt.de/wirtschaft/plus233984126/Coronavirus-Die-wahren-Kosten-der-Ungeimpften.html (2021). Accessed October 5, 2021.
  7. RKI: COVID-19 Impfquoten-Monitoring in Deutschland (COVIMO. Report 7. www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Projekte_RKI/COVIMO_Reports/covimo_studie_bericht_7.pdf (2021).

Coverfoto: Bild von Simon Orlob auf Pixabay

In der Reihe Kiel Focus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autorinnen und Autoren alleine verantwortlich zeichnen. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.