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China: BIP etwas stärker, Ausblick bleibt verhalten

15.07.2016

Getrübte Stimmung im Verarbeitenden Gewerbe

Überraschend schwache Entwicklung der privaten Investitionstätigkeit

Einer noch expansiveren Wirtschaftspolitik sind Grenzen gesetzt

Das chinesische Bruttoinlandsprodukt hat im zweiten Quartal um 1,8 Prozent gegenüber der Vorperiode zugelegt. Damit expandierte die Wirtschaft zwar deutlich schneller als noch im ersten Quartal (1,2 Prozent), doch das war auch das schwächste seit Beginn der Veröffentlichung der Reihe im Jahr 2010 gewesen. Im Vorjahresvergleich blieb die Veränderungsrate konstant bei 6,7 Prozent. „Mit einer wesentlichen Beschleunigung der chinesischen Konjunktur ist trotz der jüngsten Zahlen im Jahresverlauf kaum zu rechnen“, sagte Philipp Hauber, Konjunkturexperte am Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel.

Vor allem im Verarbeitenden Gewerbe bleibt die  Stimmung der Unternehmen getrübt. Der Caixin-Einkaufsmanagerindex, der diesen Bereich erfasst, tendierte auch im Juni weiter zur Schwäche und verzeichnete bereits den vierten Rückgang in Folge. Mit 49,2 Punkten befindet er sich derzeit in etwa auf demselben Niveau wie zu Jahresbeginn. Auch die Zunahme der Industrieproduktion – durchschnittlich 6,1 Prozent im zweiten Quartal – blieb verhalten. Bemerkenswert ist vor allem, dass sich die Investitionsschwäche des Privatsektors unvermindert fortgesetzt hat, was aktuell nur durch zusätzliche Investitionsnachfrage des Staates – vor allem durch öffentliche Bauaufträge – kompensiert wird (Abbildung 1).

Abbildung 1: Zusammensetzung der Veränderungsrate
der Anlageinvestitionen

Anzeichen, dass auch der Dienstleistungssektor schwächelt, gibt es bislang hingegen nicht: So konnte der Einkaufsmanagerindex für diesen Bereich einen deutlichen Zuwachs verbuchen (52,7 nach 51,2 im Mai). Er stieg auf den höchsten Stand seit  elf Monaten  Zwar dürfen sprunghafte Entwicklungen von Monat zu Monat nicht überbewertet werden, so Hauber, doch spricht auch der robuste Einzelhandel im zweiten Quartal – mit Expansionsraten von durchschnittlich 10,2 Prozent im Vorjahresvergleich – für eine vergleichsweise starke Entwicklung im Dienstleistungssektor.

Alles in allem bestätigt sich damit die Einschätzung des IfW aus dem Frühjahr, wonach der Staat im Zweifel bereit ist, die Nachfrage zu stützen und eine abrupte Verlangsamung der konjunkturellen Dynamik zu verhindern. „Das Ausmaß der Abkühlung im Privatsektor überrascht jedoch“, stellt Hauber fest. Mit einer wesentlichen Be­schleunigung der Expansionsdynamik ist daher auch für  die kommenden Monate nicht zu rechnen, zumal den chinesischen Behörden bewusst sein dürfte, dass bei einem unver­ändert expansiven Kurs der Wirtschaftspolitik und anhaltend schneller Kreditexpansion das Risiko abrupter, krisenhafter An­passungen oder langjähriger Stagnation zunehmen würde. Bedenklich ist in diesem Zusammenhang die  hohe  – und weiter steigende – Gesamtverschuldung in der chinesischen Volkswirtschaft von annähernd 220 Prozent in Relation zur Wirt­schaftsleistung Da­rüber hinaus kann auch das mittelfristige Ziel der Regierung in Gefahr geraten, den Struk­turwandel der chinesischen Volkswirtschaft voranzutreiben und für ein zwar niedrigeres, dafür aber nachhaltiges Wachstum zu sorgen.

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