Asiens Demografie bedroht die Weltwirtschaft

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Erst kürzlich wurde Deutschland wegen seiner extrem niedrigen Geburtenrate als die Nummer 2 alternder Länder hinter Japan ausgemacht. Dieser Engpass für die künftige wirtschaftliche Entwicklung wäre jedoch deutlich geringer, könnte das Qualifikationsniveau von Kindern mit Migrantenhintergrund verbessert werden. Asiens Volkswirtschaften haben diese Option nicht. Sie haben sich bislang einer Einwanderung von Ausländern strikt verweigert. Und so wird die Alterungswelle, getrieben von niedrigen Geburtenraten und steigender Lebenserwartung, diese Länder in absehbarer Zeit erreichen.

Erst kürzlich wurde Deutschland wegen seiner extrem niedrigen Geburtenrate als die Nummer 2 alternder Länder hinter Japan ausgemacht. Dieser Engpass für die künftige wirtschaftliche Entwicklung wäre jedoch deutlich geringer, könnte das Qualifikationsniveau von Kindern mit Migrantenhintergrund verbessert werden. Asiens Volkswirtschaften haben diese Option nicht. Sie haben sich bislang einer Einwanderung von Ausländern strikt verweigert. Und so wird die Alterungswelle, getrieben von niedrigen Geburtenraten und steigender Lebenserwartung, diese Länder in absehbarer Zeit erreichen.

Dauerte es noch 24 Jahre (1970–1994), bis sich in Japan der Anteil der über Sechzigjährigen an der Gesamtbevölkerung von 7 Prozent auf 14 Prozent verdoppelte, werden es in Südkorea nur noch 17 Jahre sein (1999–2016), in Indonesien 19 Jahre (2016–2035), in Vietnam 15 Jahre (2019–2034), in Thailand 21 Jahre (2001–2022) und in China 23 Jahre (2001–2024). Diese nicht mehr aufzuhaltende Entwicklung hat zunächst einmal tiefgreifende Konsequenzen für die Länder selbst. Die heimische Nachfrage stagniert, und der Renditedruck wird in erster Linie durch Kostensenkung und weniger durch Produktinnovationen abgefangen. Diese Strategie findet aber schnell ihre Grenze, da sie Unternehmen ins Ausland treibt. Zu sehen ist das am Anteil des Verarbeitenden Sektors an der Gesamtbeschäftigung, der in Japan ebenso rasant schrumpft wie in den USA. Ausländische Märkte werden dann zunehmend durch Produktionen vor Ort und weniger durch Exporte aus Asien bedient. In der Handelsbilanz schlägt sich das im Schrumpfen von Überschüssen nieder, in der Leistungsbilanz in der wachsenden Bedeutung von Einkünften aus Investitionen im Ausland. Werden diese Auslandserträge mehr und mehr wieder auf ausländischen Märkten angelegt, so könnten die Leistungsbilanzen von Japan und Südkorea ins Defizit abgleiten. Dann könnte es zum Zwillingsdefizit in Leistungsbilanz und Staatsbudget kommen, denn bei rasch steigenden Ausgaben für die sozialen Sicherungssysteme werden die Regierungen nicht umhin kommen, die heimischen Halter der staatlichen Schuldenpapiere stärker zu besteuern, um das Defizit und den Schuldendienst nicht noch stärker anwachsen zu lassen. Alternative Finanzierungsquellen sind verstopft, weil die heimischen Ersparnisse sinken. Der Widerstand gegen höhere Steuern wird erheblich sein, wie jüngst bei der Erhöhung der Mehrwertsteuer in Japan sichtbar wurde. Dieser Widerstand ist politisch nicht zu ignorieren, denn die Alten werden an den Wahlurnen immer wichtiger. Verhindert werden kann diese Politik aber nicht. Am Ende entsteht ein Verkaufsdruck bei den Staatspapieren und anderen Vermögenswerten, weil die alternde Bevölkerung ihren Lebensstandard nicht mehr halten kann und es staatlicherseits nichts mehr zu verteilen gibt. Diesem Verkaufsdruck können die Bürger bei allem Patriotismus gegenüber ihrem Land und bei allem Verständnis für die Sackgasse, in der sich Regierungen befinden, letztlich nicht entgehen.

Auch der Rest der Welt ist von dem Schock des „asiatischen Jahrhunderts“ betroffen. Die Palette reicht von nachlassender Nachfrage nach Industriegütern, wachsender Binnenorientierung, spürbarem Protektionismus, Druck auf die Vermögensmärkte bis hin zu einer stärkeren Abwertungstendenz von asiatischen Währungen. Zugegeben: Diese Entwicklung wird mit Ausnahme von Japan und Südkorea nicht in allernächster Zukunft eintreten. Aber sie kann sich, auch getrieben von plötzlichen Naturkatastrophen, ökologischen Belastungen und politischen Konflikten, sehr kurzfristig in Brennpunkten entladen, und zwar vor allem aus zwei Gründen.

Erstens haben die betroffenen Länder bislang überhaupt kein gemeinsames Konzept für die Bewältigung dieser Belastungen, denen sie zeitlich versetzt ausgesetzt sein werden. Sie stehen Rücken an Rücken, verbunden in tiefem Misstrauen aus historischen Erfahrungen, die niemals umfassend aufgearbeitet wurden. Bilaterale Freihandelsabkommen kratzen bestenfalls an der Oberfläche. Sie können jederzeit Makulatur werden. So sehr asiatische Unternehmen über grenzüberschreitende Wertschöpfungsketten („Factory Asia“) miteinander vernetzt sind, so wenig finden diese Abhängigkeiten ein Pendant in der Politik. Zu „vertiefter“ Integration über gemeinsame Politiken sind die Staaten bislang nicht bereit und fähig. Das Abtreten von Souveränität an supranationale Einrichtungen ist kein Thema. Politische Strukturen sind gelähmt von alten Seilschaften, fehlender Legitimität, der Dominanz einer Ministerialbürokratie und nach wie vor um sich greifender Korruption in vielen Ländern.

Zweitens fehlt es den zuerst von der Alterungswelle betroffenen Hocheinkommensländern an der Erkenntnis, dass es zur gezielten Einwanderung junger Menschen mit anderem ethnischen Hintergrund keine Alternative gibt, wollen die Länder nicht kurzfristig auf eine Umstrukturierung ihrer Volkwirtschaften und Innovationen vor allem im Dienstleistungsbereich verzichten. Eine Einwanderungspolitik allein wird das Alterungsproblem jedoch nicht lösen können. Dazu ist es zu weit vorgeschritten, und die für einen maßgeblichen Lösungsbeitrag notwendige Einwanderungsmenge ist viel zu groß, als dass sie sozial und politisch bewältigt werden könnte. Diesen Weg aber gänzlich zu ignorieren, ist grob fahrlässig. Die Zeche dafür werden vor allem die Länder selbst bezahlen müssen. Der Rest der Welt aber wird sich neben seinen eigenen Problemen auch auf ein „asiatisches Jahrhundert“ einstellen müssen, das neben einer noch kaufkräftigen Mittelschicht auch eine große Anzahl negativer Schocks bereithalten wird.

(Leicht überarbeitete Version eines Artikels im Handelsblatt vom 17.10.2012 unter dem Titel „Schock aus Asien“.)