Statement

USA steuern auf Rezession zu

28.07.2022

Dr. Klaus-Jürgen Gern, Leiter Internationale Konjunktur am IfW Kiel, kommentiert die aktuellen Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt in den USA, wonach dieses im 2. Quartal 2022 annualisiert um 0,9 Prozent gesunken ist:

Kiel Institute Statements - Klaus-Jürgen Gern

„Die hohen Preise schwächen die konjunkturelle Dynamik in den USA spürbar. Gleichzeitig dämpfen auch die zur Inflationsbekämpfung deutlich auf mittlerweile 2,5 Prozent erhöhten Zinsen der Notenbank Fed Konsum und Investitionen und bremsen damit die Wirtschaftsleistung.

Die USA sind daher auf dem Weg in eine Rezession. Technisch ist diese Definition bereits jetzt durch das Schrumpfen der Wirtschaftsleistung in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen erfüllt. Aber auch das für die USA entscheidende Urteil des National Bureau of Economic Research (NBER), das neben der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts insbesondere auch die Entwicklung am Arbeitsmarkt berücksichtigt, dürfte schließlich offiziell einen wirtschaftlichen Abschwung feststellen.

Noch im ersten Quartal konnten die USA einen weiteren kräftigen Anstieg von Konsum und Investitionen verzeichnen. Der Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion zu Jahresbeginn war im Wesentlichen auf Lagerveränderungen und einen stark gesunkenen Außenbeitrag zurückzuführen. Doch im zweiten Quartal ging die Inlandsnachfrage aufgrund der hohen Inflation von zuletzt über 9 Prozent und der in der Folge der Leitzinserhöhungen deutlich gestiegenen Zinsen auch für Verbraucherkredite spürbar zurück. Die Zunahme des privaten Konsums verringerte sich deutlich und vor allem die Bauinvestitionen sanken erheblich.

Da für die kommenden Monate mit anhaltenden Realeinkommensrückgängen und weiteren Zinserhöhungen zu rechnen ist, dürfte die konjunkturelle Dynamik schwach bleiben und zunehmend auch den Arbeitsmarkt erfassen. Dieser zeigt sich zwar bisher robust, die Arbeitslosenquote lag im Juni 2022 bei 3,6 Prozent und war somit ähnlich niedrig wie vor der Corona-Krise. Der Arbeitsmarkt reagiert jedoch zumeist relativ spät auf konjunkturelle Umschwünge, und es spricht viel dafür, dass sich die Beschäftigungssituation in den kommenden Monaten spürbar verschlechtern wird.

Damit wären die Kriterien für eine Rezession auch nach den Maßstäben des NBER erfüllt. Ein Konjunkturabschwung und steigende Arbeitslosigkeit würden dann auch den Inflationsdruck in den USA mindern und die Notenbank schließlich in die Lage versetzen, die Geldpolitik wieder zu lockern. So gehen die Finanzmärkte inzwischen davon aus, dass der Zinsgipfel bereits im Verlauf des kommenden Jahres überschritten wird.“

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