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75 Jahre Bretton Woods: Internationaler Währungsfonds verliert zunehmend an Bedeutung

22.07.2019

Anlässlich des 75. Jahrestages der Bretton-Woods-Konferenz kritisiert IfW-Präsident Gabriel Felbermayr den zunehmenden Bedeutungsverlust des Internationalen Währungsfonds (IWF). Dessen Bilanzsumme habe sich in den letzten sieben Jahren mehr als halbiert. An seine Stelle würden zunehmend bilaterale und regionale Abmachungen treten, die internationale Krisen verschärfen könnten und dem Stabilitätsgedanken des IWF und der Bretton-Woods-Konferenz zuwider liefen. Ein Signal zur Stärkung des IWF wäre, den frei gewordenen Posten des Direktors nicht durch einen Europäer, sondern einen Vertreter aus einem Schwellen- oder Entwicklungsland zu besetzen.

Im vierten Quartal des Jahres 2018 belief sich der Bestand der vergebenen Kredite durch den Internationalen Währungsfonds (IWF) nach Berechnungen von Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft Kiel (IfW Kiel), noch auf ungefähr 37 Milliarden Euro. Gegen Ende 2012 betrug der Bestand der ausgegebenen Kredite noch circa 81 Milliarden Euro. Die Bilanz des IWF hat sich seit 2012 also mehr als halbiert, teils weil die Risiken gesunken sind, vor allem aber auch weil die Länder kurzfristige Liquiditätsengpässe durch bilaterale Initiativen überwinden und sich so die Reformauflagen des IWF ersparen.

Bilaterale Initiativen (sogenannte Bilateral Swap Arrangements) sowie regionale Abmachungen wie der Europäische Stabilitätsmechanismus ESM (€500 Millarden), die Chiang Mai Initiative (€210 Milliarden) und Kreditlinien der BRICS-Staaten ($87 Milliarden) haben untereinander stark zugenommen. Die Summe der öffentlich bekannten Kreditlinien hat sich seit 2008 von circa €330 Milliarden auf €2.000 Milliarden mehr als versechsfacht. Hinzu kämen nicht öffentlich bekannte Kreditlinien, z.B. Chinas, die nach einer jüngst veröffentlichten Studie des IfW Kiel beachtlich sind.

„Nur eine multilaterale Organisation wie der IWF kann die notwendige Transparenz bei Krediten sicherstellen und international für wirtschaftliche Stabilität sorgen“, sagte Gabriel Felbermayr. „Bilaterale und regionale Abmachungen reduzieren seine Bedeutung dramatisch und erhöhen die Gefahr wirtschaftlicher Krisen wie Bankenpleiten, Abwertungswettläufen und Handelskriegen, die damals letztlich den 2. Weltkrieg mitverursacht haben und durch die Schaffung des IWF auf der Bretton-Woods-Konferenz verhindert werden sollten.“

Zum Bedeutungsverlust des IWF trägt laut Felbermayr auch bei, dass sich die Stimmrechte seiner 189 Mitglieder an sogenannten Quoten ausrichtet, die nach einer komplizierten Formel berechnet werden. Dabei werden Industriestaaten bevorzugt und Entwicklungsländer benachteiligt.

So hat Deutschland einen Stimmanteil von 5,32 Prozent, die EU insgesamt kommt auf fast 30 Prozent, die USA auf 16,52 Prozent. Die G7-Länder (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada, USA) kommen auf mehr als 41 Prozent. Zählt man die anderen EU und EFTA-Staaten dazu, dann kommen die „alten“ Industriestaaten auf insgesamt 57 Prozent der Stimmen. Die BRICS-Staaten auf knapp über 14 Prozent. Entscheidungen des IWF müssen mit einer Mehrheit von 85 Prozent getroffen werden, dadurch haben sowohl die USA als auch die Eurozone Sperrminoritäten.

Äthiopien mit seinen mittlerweile etwa 106 Millionen Einwohnern (Quote: 0,09 Prozent) kann im IWF von Lettland (Quote 0,10 Prozent) mit seinen knapp 2 Millionen Einwohnern überstimmt werden, Nigeria mit seinen 203 Millionen Einwohnern (Quote: 0,52 Prozent) von Österreich mit 8 Millionen (Quote: 0,81 Prozent). Auch China ist nach wie vor extrem unterrepräsentiert. Es hat zwar 2018 einen Anteil am (kaufkraftbereinigten) Welt-BIP von mittlerweile fast 19 Prozent, aber nur einen Stimmenanteil von knapp über 6 Prozent. Indien hat einen BIP-Anteil von mittlerweile fast 8 Prozent aber einen Stimmanteil von 2,6 Prozent.

„Dieses Missverhältnis verringert das Interesse von Schwellen- und Entwicklungsländern am IWF und treibt die Entwicklung eigener Modelle. Vor allem die Rolle Chinas als Kreditgeber hat in den letzten Jahren stark zugenommen“, so Felbermayr.

„Um sich wieder relevanter zu machen, sollte der IWF die Quoten-Formel weiter anpassen, so dass Entwicklungsländer ein höheres Gewicht erhalten. Es macht Sinn, dass die Höhe des BIP sowie die Bevölkerungsgröße eine Rolle spielen“, sagte Felbermayr.

„Die EU sollte außerdem auf ihr Vorrecht für den Posten des Direktors, der nun neu zu besetzen ist, verzichten und den Schwellen- und Entwicklungsländern den Vortritt lassen. Es stehen hervorragend ausgewiesene Persönlichkeiten zur Verfügung: zum Beispiel der Chicagoer Professor und ehemalige indische Zentralbankchef Raghuram Rajan oder der Chef der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, der Mexikaner Agustin Carstens.“

Außerdem sollten sich der IWF und seine Mitglieder, vor allem aus der EU, im Klaren darüber sein, dass strenge Vorgaben bei der Kreditvergabe in Bezug auf Umweltauflagen oder Menschenrechte Staaten zu anderen Kreditgebern treiben und schnell kontraproduktiv wirken können.

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