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Anreiz statt Prävention bei Glücksspielsüchtigen

11.06.2018

Nur geringe Gewinnwahrscheinlichkeiten werden von pathologischen Spielern deutlich mehr überschätzt als vom Rest der Bevölkerung. Bei der Angst vor Verlusten gibt es hingegen keine signifikanten Unterschiede, fand eine empirische Studie heraus, an der Forscher des IfW maßgeblich beteiligt waren und die nun im renommierten Journal of Experimental Psychology: General veröffentlicht wurde. Die derzeit gängige Information zur Glücksspielprävention bewirkt damit bei Spielsüchtigen eher das Gegenteil.

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Die Studie stützt die These, dass Spielsüchtige eine wesentlich andere Wahrnehmung von Gewinnwahrscheinlichkeiten haben als Gelegenheitsspieler oder Nichtspieler. In einem Experiment, bei dem sie mehrmals die Wahl zwischen einer sicheren Auszahlung und dem Spielen einer Gewinnlotterie hatten, entschieden sich pathologische Spieler häufiger für die riskantere Variante. Wenn die Entscheidung aber zwischen einem sicheren Verlust und einer Verlustlotterie getroffen werden musste, ließ sich kein Muster erkennen, das Spielsüchtige von den Kontrollgruppen unterschied.

„Das ist besonders wichtig, wenn man die derzeitige Präsentation von Glücksspielen betrachtet, bei der meist nur auf die Gewinnwahrscheinlichkeit hingewiesen wird. Spielsüchtige reagieren darauf besonders anfällig, weil sie diese niedrige Gewinnwahrscheinlichkeit im Kopf höher wahrnehmen“, sagt Patrick Ring. Bei der größten deutschen Lotterie 6 aus 49 wird beispielsweise die Wahrscheinlichkeit von 1:140 Millionen für den Jackpot von meist mehreren Millionen Euro angegeben (bei einem Euro Einsatz).

Patrick Ring, Levent Neyse und Ulrich Schmidt vom IfW sind Co-Autoren der Studie. „Wenn die Spielveranstalter ihrer Verantwortung nachkommen wollen, Glücksspielsucht vorzubeugen, dann müssen sie darüber nachdenken, nicht nur anzugeben, wie groß die Wahrscheinlichkeit auf den Hauptgewinn ist, sondern insbesondere wie häufig Spielerinnen und Spieler leer ausgehen“, ergänzt Ulrich Schmidt.

An der Studie nahmen 74 Probanden teil, die über Anzeigen in Kieler Lokalzeitungen für das Experiment gewonnen wurden. 25 der Teilnehmer wurden als pathologische Spieler klassifiziert, 23 als Gewohnheitsspieler und 26 als (nicht-spielende) Kontrollgruppe. Im Laufe des Versuchs wurden sie mit insgesamt 29 Entscheidungssituationen konfrontiert. Mit dem Titel „It’s All About Gains: Risk Preferences in Problem Gambling“ wurde die Studie der insgesamt acht Autoren vom IfW, dem psychologischen Institut der Universität Kiel, dem Universitätsklinikum Kiel sowie dem California Institute of Technology im Journal of Experimental Psychology: General veröffentlicht.

Glücksspielsucht ist ein soziales Problem. Alleine in Deutschland gibt es nach aktuellen Studien etwa 200.000 pathologische Spieler. Die Symptome der Krankheit wirken sich massiv auf das Leben der Betroffenen aus: Ihnen droht Verarmung, der Verlust wichtiger Beziehungen und insgesamt eine Zerrüttung des sozialen Lebens. Um zu vermeiden, dass die Zahl der Glücksspielsüchtigen weiter steigt, existieren gesetzliche Regelungen. Spielanbieter sollen, um dieser Pflicht nachzukommen, unter anderem alle spielrelevanten Informationen zur Verfügung stellen. Auf den Internetseiten großer Lotterieveranstalter finden sich aus diesem Grund Angaben über Wetteinsatz, Gewinnwahrscheinlichkeiten und mögliche Jackpots – aber eben keine Angaben zur sehr hohen Verlustwahrscheinlichkeit.

Zur Studie

Fachlicher Kontakt

Patrick Ring - Institut für Weltwirtschaft (IfW) / Kiel Institute for the World Economy

Dr. Patrick Ring

Kiel Institute Associate,

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