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Die wichtigsten Fakten zu Griechenlands Schulden mit Blick auf einen Staatsbankrott

30.06.2015

Nachdem der griechische Regierungschef Alexis Tsipras am 27. Juni ein Referendum über das Hilfsprogramm für sein Land angekündigt hat, sind die Verhandlungen mit den geldgebenden Institutionen zum Erliegen gekommen. Tsipras selbst wirbt bei seinen Landsleuten darum, den zuletzt vorgelegten Kompromissvorschlag der Gläubiger am 5. Juli abzulehnen. Da das Programm aber bereits am 30. Juni ausläuft und eine weitere Verlängerung ohne Einigung bis zu diesem Termin von den Institutionen bislang abgelehnt wird, ist unklar, in welcher Hinsicht die Volksabstimmung überhaupt noch eine relevante Entscheidung liefern können wird. In dieser Situation der Unsicherheit sollen im Folgenden Faktoren angesprochen werden, die für die Einschätzung verschiedener Bankrottszenarien von Bedeutung sind.

Griechenlands Schulden von insgesamt etwa 313 Milliarden Euro [Zahlungsrückstände gegenüber Lieferanten und Angestellten sowie Garantieerklärungen des griechischen Staates sind hier noch nicht inbegriffen] sind auf eine Reihe unterschiedlicher Gläubiger verteilt. Die größten Einzelgläubiger sind die EFSF (circa 42 Prozent), die Eurozonenstaaten in bilateralen Darlehen (17 Prozent), der IWF (sieben Prozent) und die EZB (neun Prozent unter Einbeziehung der ANFA-Bonds; alle Zahlen laut PDMA 2015 mit Stand April). Somit besteht zwar ein Großteil von Griechenlands Kreditverpflichtungen gegenüber politischen Institutionen, jedoch sind auch noch einige frei handelbare Bonds und T-Bills im Umlauf. Diese wurden insbesondere von den griechischen Geschäftsbanken aufgekauft und zur Liquiditätsbeschaffung bei der griechischen Zentralbank verwendet.

Staatsschulden Griechenlands (in Mrd. Euro)

Am 30. Juni wird eine zusammengefasste Rückzahlung an den IWF in Höhe von 1,5 Mrd. Euro fällig. [Wobei Alexis Tsipras bereits ankündigte, die Zahlung nicht zu leisten, wenn es zu keinem weiteren Kompromiss kommen sollte.] Im Juli müssten T-Bills im Wert von 3 Mrd. Euro überrollt werden und 0,5 Mrd. an den IWF und 3,5 Mrd. an das Europäische Zentralbankensystem zurückgezahlt werden (Forelle et al. 2015). Ferner werden jeweils zum Monatsende Gehälter und Pensionen in Höhe von 2,2 Mrd. fällig.

Sollte es in den gegenwärtigen Verhandlungen zu keiner Einigung kommen, würden die restlichen 7,2 Mrd. Euro verfallen, die noch im Hilfsprogramm enthalten sind.

Für den Fall, dass Griechenland die Zahlung an den IWF verpasst, sieht dessen Regelwerk (IWF 2012) vor, dass er Griechenland keine weiteren Mittel zur Verfügung stellt und eine Reihe von Mahnungen abgibt. Innerhalb eines Monats, wobei der genaue Zeitablauf politischer Diskretion unterliegt, wäre dann das Exekutivkommittee über den Zahlungsrückstand zu informieren. Aufgrund von Cross-default- und Cross-acceleration-Klauseln wäre es dann einigen anderen Gläubigern einschließlich der EFSF gestattet, ihre Darlehen zurückzufordern (Glover 2015). [Eine Beschleunigung wäre allerdings wiederum eine politische Entscheidung; letztendlich müsste die EFSF sich wahrscheinlich sowieso über die Ziehung der Garantien der anderen Regierungen refinanzieren (Muehlbronner et al. 2015).]

Aus Sicht der Ratingagenturen zieht eine Nichtbedienung offizieller Gläubiger wie IWF und EZB nicht automatisch eine Abstufung auf Default-Niveau nach sich (Jones 2015). Lediglich Moody’s argumentiert für die Forderungen der EZB, dass die von der EZB gehaltenen Bonds prinzipiell frei handelbar seien und ein Zahlungsausfall hier ein eindeutiges Kreditereignis wäre. Allerdings wäre eine Nichtbedienung des IWF ein Indikator für große Liquiditätsprobleme und würde negativ in die Bewertung der griechischen Kreditwürdigkeit einfließen. Standard and Poor‘s nahm bereits das angekündigte Referendum zum Anlass, eine Abwertung auf CCC- vorzunehmen, da es ein weiterer Hinweis auf die geringe Rückzahlungswilligkeit der griechischen Regierung sei. Sollten die T-Bills nicht ausgelöst werden, würde dies direkt eine Abstufung auf Bankrottniveau nach sich ziehen.

Die meisten Szenarien für einen griechischen Staatsbankrott hätten direkte Auswirkungen auf die griechischen Finanzinstitute, welche im April 2015 griechische Staatspapiere im Gesamtwert von 22,677 Milliarden Euro in ihrer aggregierten Bilanz hielten. Ein Verlust dieses Betrages alleine wäre bei einem Eigenkapital vor Rückstellungen von 29,157 Milliarden [Da es sich nicht um eine konsolidierte Bilanz handelt, ist das wahre Eigenkapital wohl etwas niedriger, allerdings waren die entsprechenden beobachtbaren gegenläufigen Positionen mit zusammen 37 Millionen relativ klein (Aktien und anderes EK außer GMF-Anteile heimischer MFIs: 33 Millionen Euro, heimische GMF-Anteile: vier Millionen Euro, keine Informationen über Anteile an kleinen Finanzinstituten).] aber bei einem großzügig gewählten Rekapitalisierungspfad wohl prinzipiell verkraftbar.[Ein Großteil des Eigenkapitals der griechischen Banken besteht aus latenten Steuerrückforderungen. Ob dies zu einem Problem wird hängt von der genauen Vorgehensweise im Falle eines Staatsbankrotts ab.] Abhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung und dem Umgang des Staates mit seinen unbezahlten Rechnungen dürften aber auch in beträchtlichem Umfang Darlehen an Private für die Banken ausfallen. Bereits jetzt sind wohl mindestens 40 Prozent der Kredite notleidend (notleidend bedeutet hier, dass Zahlungsrückstände von über 90 Tagen vorliegen). [Siehe Aussage Yanis Varoufakis‘ bei Eurogruppentreffen (). Dies deckt sich mit Angaben z.B. der Piraeus Bank, welche zum 31.03. den Anteil der Darlehen, die über 90 Tage im Zahlungsverzug waren, mit 38,9 Prozent bezifferte.] Somit wären hier Zahlungsausfälle von 85 Milliarden Euro oder auch deutlich mehr möglich. Diesen Verlusten stünden nach Abschreibung der Staatspapiere noch ein Eigenkapital von 6,480 Milliarden sowie Verlustrückstellungen von 40,498 Milliarden gegenüber. Leider lässt sich aus der aggregierten Bilanz nicht ablesen, inwieweit das Fremdkapital aus von der Haftungskaskade ausgenommenen Positionen wie besicherten Anleihen oder Einlagen unter 100.000 Euro besteht. Damit ist auch die maximale Tragfähigkeit nicht sicher ableitbar. Die Ratingagentur Fitch stellte für die vier größten Banken des Landes am 29. Juni aber bereits einen teilweisen Zahlungsausfall fest, da diese ohne die eingeführten Kapitalverkehrskontrollen [So sind z.B. Barabhebungen für jeden Griechen nur bis zu einem Limit von 60 Euro pro Tag gestattet.] ihren Verpflichtungen wohl nicht hätten nachkommen können.

Die Beschränkungen sind Konsequenz des anhaltenden Kapitalabzugs: von November 2014 bis April 2015 zogen ausländische große Finanzinstitute 28,89 Milliarden ab, während die anderen Akteure ihre Depositen und Repos um 38,662 Milliarden Euro verringerten. Dies wurde bislang durch die griechische Zentralbank ausgeglichen, indem sie im gleichen Zeitraum zusätzliche 67,988 Milliarden zur Verfügung stellte. Dabei war die Bank of Greece auf eine erhebliche Ausweitung des Target2-Defizits angewiesen. Da griechische Staatsanleihen jedoch seit Februar nicht mehr regulär notenbankfähig waren, konnte die Finanzierung dieser Positionen nur über eine regelmäßige Ausweitung der sogenannten ELA (Notfallliquiditätshilfe) erfolgen. Die EZB beschloss im Licht des vorläufigen Scheiterns der Verhandlungen am 27. Juni jedoch die Obergrenze für diese bei nunmehr knapp 90 Milliarden zu belassen. Da sich mit den wachsenden Zweifeln an einem Verbleib Griechenlands im Euro [In diesem Fall trügen Kontoinhaber nicht nur Bail-In-Risiken, sondern wären auch der Gefahr einer dramatischen Abwertung ausgesetzt. Dies würde auch eine Umverteilung von Einlageeignern hin zu den Profiteuren Drachmen-finanzierter Staatsausgaben darstellen.] die Flucht aus den Bankeinlagen noch einmal beschleunigte, wurden nun Kapitalverkehrsbeschränkungen eingeführt.

Die griechische Zentralbank müsste im Staatsbankrottfall 12,429 Milliarden Euro direkt abschreiben. Dies allein würde ihre Kapitaldeckung weit überschreiten. Weitere Verlustquellen wären als Sicherheit hinterlegte vom griechischen Staat garantierte Papiere und anderweitig notleidend werdende Aktiva. Eine Quantifizierung der möglichen Verluste ist allerdings schwierig, da die Modalitäten für Sicherheiten, die im Zuge der ELA angenommen wurden, nicht öffentlich sind.

Eine fortgesetzte finanzielle Krise in Griechenland würde auch Folgen für den Außenhandel haben. Im Jahr 2014 machten Importe circa 27 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, während sich die Exporte auf etwa 15 Prozent beliefen. Es war also ein Handelsdefizit von 20 Milliarden Euro zu verzeichnen. Die griechische Statistikbehörde weist für die ersten vier Monate in 2015 Handelsdefizite von durchschnittlich je 1,6 Milliarden aus. In fast allen von Eurostat differenzierten Branchen (Ausnahme: „Sonstige“) übersteigen die Einfuhren die Ausfuhren. Sollte Griechenland längere Zeit vom internationalen Zahlungssystem abgeschnitten sein, wären also massive Einschränkungen bei den Importen zu erwarten.

Quellen:

Experten