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China: BIP-Zahlen überraschend robust - aber Risiken bleiben

20.10.2015

Zweifel an offizieller Konjunkturstatistik bekräftigt – Wachstumsrückgang beträfe andere Weltregionen spürbar. Die aktuellen Zahlen zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in China bestätigen nach Einschätzung von Forschern am Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel die Risiken in der dortigen Konjunkturentwicklung. Sie schüren zudem Zweifel an der Zuverlässigkeit der Statistiken.

Zwar expandiert Chinas Volkswirtschaft den offiziellen Angaben zufolge weiterhin in der Nähe des Wachstumsziels von 7 Prozent und damit stärker als von Beobachtern erwartet. Mit 1,8 Prozent im Vergleich zum Vorquartal blieb die Expansionsrate damit konstant. Allerdings sind diese Zahlen vor dem Hintergrund der Unruhen an den Börsen, der unerwarteten Abwertung des Renminbi und dem schwächelnden Außenhandel überraschend. „Insbesondere das starke Wachstum des Dienstleistungssektors (8,4 Prozent gegenüber 8,3 Prozent im zweiten Quartal) ist nicht wirklich erklärbar. Vor allem wenn man sieht, dass zuletzt vor allem der Finanzsektor einer der Haupttreiber der Expansion war und dieser sich im dritten Quartal im Zuge der Entwicklung der Aktienmärkte deutlich weniger dynamisch entwickelt haben dürfte“, sagte Philipp Hauber, Konjunkturexperte am IfW. Alternative Indikatoren wie der Caixin-Einskaufsmanagerindex des Dienstleistungssektors entwickle sich zwar positiver als der des Verarbeitenden Gewerbes, spreche aber ebenfalls nicht für eine anhaltende Expansion.

Die Industrieproduktion fiel erneut unter 6 Prozent – was nur teilweise durch Großereignisse wie die Leichtathletik-WM oder die Feiern zum 70. Jahrestag des Weltkriegsendes erklärbar ist. Die anhaltende Deflation der Produzentenpreise deutet auf beachtliche Überkapazitäten hin.

IfW-Forscher sehen angesichts der jüngsten Entwicklungen die Wahrscheinlichkeit für eine deutliche Abkühlung des chinesischen Wachstums steigen. Schon im ersten Quartal 2015 sackte das Wachstum des BIP im Vergleich zum Vorquartal auf 1,3 Prozent – den niedrigsten Stand seit Ende 2008. In den Folgequartalen war das Wachstum leicht höher, und so kann Chinas Wirtschaft im Jahresvergleich nach derzeitiger IfW-Prognose dieses Jahr um 6,6 Prozent zulegen. Das läge unter dem Ziel der Regierung von 7 Prozent.

Es gibt jedoch weitere Anzeichen, dass die offiziellen BIP-Zahlen das Abbremsen der Wirtschaft unterzeichnen. Zum einen werden die Zahlen jeweils sehr frühzeitig vorgelegt und anders als in anderen, entwickelten Volkswirtschaften auch kaum noch revidiert. Auch die Schwankungen des BIP entsprechen nicht den Werten, die man erwarten könnte – insbesondere beim Vergleich mit alternativen Indikatoren für die Wirtschaftsleistung (zum Beispiel Energienutzung, Logistikauslastung). Diese zeigen eine deutlichere Abkühlung an.

Nach IfW-Modellszenarien hätte ein abrupter Wachstumseinbruch in China auch erhebliche Folgen für die Weltwirtschaft. Ein zusätzlicher Rückgang der Wachstumsrate um drei Prozentpunkte – im Vergleich zum Basisszenario einer allmählichen weiteren Verlangsamung des Wachstums auf 6,3 Prozent im Jahr 2016 – würde das globale Wachstum um ein Prozent abschwächen. Es fiele dann unter drei Prozent und entspräche damit einer so genannten Wachstums-Rezession. Neben China wären davon in der Region vor allem Japan und Südkorea als eng verknüpfte Volkswirtschaften betroffen. Unter den europäischen Ländern müsste vor allem Deutschland mit einer deutlich dämpfenden Wirkung auf das BIP-Wachstum rechnen.

Mehr Hintergründe zur Konjunkturentwicklung in China und ihren Folgen finden Sie in unserem aktuellen Policy Brief.

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