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23.03.2017
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Q&A zu Trumps Wirtschaftspolitik

Die Aussagen des künftigen US-Präsidenten Donald Trump zu seiner Handelspolitik haben Unsicherheit und Besorgnis ausgelöst. Gleichzeitig besteht auch die Hoffnung, dass die US-Konjunktur durch eine expansive Finanzpolitik angekurbelt werden wird. Klaus-Jürgen Gern, Experte für internationale Konjunktur am IfW, beantwortet die wichtigsten Fragen.

Welche Folgen hätten durch einen US-Präsidenten Donald Trump verhängte Strafzölle auf PKW...

 

…für die US-Wirtschaft?

„Kurzfristig könnte auch die Automobilproduktion in den USA negativ betroffen sein, da Mexiko (und andere ausländische Zulieferer) in die Lieferketten eingebunden sind. Auf etwas längere Sicht wäre mit Wettbewerbsvorteilen und Marktanteilsgewinnen für US-Produzenten von Autos und Autoteilen zu rechnen, Produktion und Beschäftigung in diesem Sektor könnten steigen. Steigen würden aber auch die Preise für Autos in den USA, was den Automobilabsatz insgesamt behindern und auch den Konsum anderer Produkte einschränken würde. Ein Anstieg der Inflation würde zu einer strafferen Geldpolitik führen, wahrscheinlich wäre auch, dass die Wettbewerbsvorteile der US-Produktion durch eine Aufwertung des US-Dollar zumindest teilweise konterkariert würden. Andere, nicht geschützte Branchen der US-Wirtschaft sowie die US Exportindustrie würden leiden.

Gesamtwirtschaftlich könnten die Zölle in den USA sogar zu Beschäftigungsverlusten führen. Die Realeinkommen der Verbraucher in den USA insgesamt würden voraussichtlich sinken und nicht steigen. Besonders betroffen wären niedrigere Einkommensschichten, da sie die in Mexiko produzierten, eher niedrig bepreisten Autos vor allem kaufen und in ihrem Konsum ein besonders hoher Anteil an im Vergleich zu heimischen Produkten günstigeren Importwaren enthalten ist. Mittelfristig wirken Zollschranken auch deshalb wachtumshemmend auf die US-Wirtschaft, weil sie den Wettbewerb verringern und sich dadurch negativ auf Produktivität und Qualität der US-Automobilproduktion auswirken.“

…für die deutsche Wirtschaft?

„Die Automobilindustrie ist der wichtigste Wirtschaftszweig des Verarbeitenden Gewerbes in Deutschland. Direkt (Automobilproduzenten und Zulieferer) bestehen ca. 800.000 Arbeitsplätze, indirekt (unter Einbeziehung der Vorleistungsverflechtungen) sind sogar rund 2 Mio. Arbeitsplätze von der Automobilindustrie abhängig.  Rund acht Prozent der gesamten deutschen Wertschöpfung lassen sich auf die Automobilindustrie zurückführen. Dies ist im internationalen Vergleich der höchste Anteil. Etwa drei Viertel der Produktion gehen in den Export, die USA sind für die deutsche Automobilindustrie der wichtigste Exportmarkt (rund 15 Prozent). Damit entfallen rechnerisch 1 Prozent der deutschen Wertschöpfung und 200.000 Arbeitsplätze auf die Ausfuhr von Autos in die USA.

Hohe Zölle, welche den Absatz in den USA spürbar behindern, würden die deutsche Wirtschaft daher empfindlich treffen. Umsatz, Gewinne und Beschäftigung würden sinken, Investitionen und Produktion eingeschränkt oder auch in die USA verlagert werden.“

…für den Welthandel?

„Die starke Expansion des Welthandels im vergangenen Jahrzehnt war nicht zuletzt auf den Aufbau von internationalen Wertschöpfungsketten zurückzuführen. Neben der Integration Chinas und der mittel- und osteuropäischer Länder in die Weltwirtschaft waren dafür auch regionale Handelsabkommen wie NAFTA verantwortlich, das zu einem starken Anstieg des Handels zwischen den USA und Mexiko, aber auch Kanada, geführt hat. In jüngster Zeit hat sich das Wachstum des Welthandels stark abgeschwächt, wozu wohl auch beigetragen hat, dass der Schub beim Aufbau internationaler Lieferbeziehungen allmählich ausgelaufen ist und neue Impulse, etwa durch den Abschluss neuer internationaler Handelskommen im Rahmen der WTO oder großer regionaler Abkommen, wie sie durch TTIP oder TPP möglich gewesen wären, ausgeblieben sind.

Problematisch für den Welthandel ist perspektivisch, dass die Androhung  des Aufbaus von Zollschranken für Autos in den USA symptomatisch für die handelspolitischen Konzepte der neuen Regierung ist und Handelsbeschränkungen auch in anderen Bereichen erwarten lassen.“

Wie sinnvoll sind Strafzölle auf Fahrzeuge, um nachhaltig Beschäftigung in den USA zu schaffen?

„Strafzölle können die Beschäftigung zwar kurzfristig in dem geschützten Sektor erhöhen, es ist aber nicht sicher, dass auch die Beschäftigung in den USA insgesamt steigt. Auf längere Sicht werden negative Produktivitätseffekte und die Verteuerung von Vorleistungen für die heimische Produktion das Wachstum und die Exportwirtschaft belasten, Einkommens- und Beschäftigungsverluste auf gesamtwirtschaftlicher Ebene sind dann wahrscheinlich. Die Erfahrung mit den Versuchen, über handelspolitische Maßnahmen die US-Industrie gegen die aufkommende japanische Konkurrenz zu schützen (Autos Anfang der 80er, Computerchips Ende der 80er Jahre) ist vielsagend. Sie waren letztendlich nicht erfolgreich und haben der US-Wirtschaft längerfristig geschadet, da sie Außenseiterkonkurrenz gefördert (Korea) und die Produktion von Gütern belastet haben, die das geschützte und daher verteuerte Gut in der Produktion verwendeten, etwa Computer-Endgeräte.“

Wie wahrscheinlich ist es, dass Trump seine Äußerungen wahr macht?

„Eine Umsetzung wäre ein offener Bruch der WTO-Verpflichtungen. Einfuhrzölle erlaubt die WTO nur als (temporäre) Abwehrmaßnahme gegen nachgewiesenes „Dumping“ in den Ausfuhrländern. Das dürfte im Fall der deutschen Automobilindustrie kaum in Betracht kommen. Auch niedrigere Löhne in Mexiko haben nichts mit Dumping zu tun. In US-Wirtschaftskreisen steigt die Besorgnis, dass andere Wirtschaftsbereiche im Ergebnis leiden könnten. Eine uneingeschränkte Umsetzung seiner Drohungen ist daher nicht zu erwarten.“

Hat Trump die rechtliche Befugnis, Strafzölle im „Alleingang“ zu verhängen?

„Die amerikanische Handelsgesetzgebung gibt dem amerikanischen Präsidenten in diesem Punkt umfassende Rechte. So kann er etwa Handelsabkommen wir NAFTA ohne Zustimmung des Kongresses aufkündigen. Im Rahmen von Notstandsgesetzen zur Wahrung von US-Interessen hat er laut Berichten amerikanischer Medien weitreichende Handlungsmöglichkeiten.“

Wie können Autohersteller vernünftigerweise reagieren?

„Bei einer anhaltend glaubwürdigen Drohung oder einer Umsetzung der Zollpläne müssten geplante Investitionen in Mexiko möglicherweise tatsächlich auf den Prüfstand gestellt und Entscheidungen überdacht werden. Zur Vermeidung der Umsetzung von Zollschranken ist ein (scheinbares) Wohlverhalten eine mögliche Strategie, ähnlich wie die „freiwilligen Selbstbeschränkungen“, die in den 1980er Jahren insbesondere durch die japanische Autoindustrie eingeführt wurden, um Restriktionen seitens der Reagan-Administration zu verhindern.“

Welche Maßnahmen kann/soll die deutsche bzw. europäische Politik ergreifen?

„Von Retorsionsmaßnahmen sollte die Politik absehen, da eine handelspolitische Konfliktspirale die Situation für die deutsche wie die europäische Wirtschaft weiter verschlechtern würde. Die Politik sollte sich bemühen, die Vorteile des Handels aus Sicht der US-Amerikaner erneut aufzurollen und damit - in der Denkweise von Donald Trump - klar machen, dass freier Austausch ein guter "Deal" auch für die USA ist. Die Frage „Make-or-Buy“ wurde und wird in der Betriebswirtschaftslehre breit diskutiert. Man wird nicht wohlhabender, wenn man alles selber macht.“

Trump hat eine Stimulierung der Konjunktur durch höhere Ausgaben und geringere Steuern versprochen. Wird ihm dies gelingen?

„Eine expansive Fiskalpolitik wird wohl auch eine Mehrheit im Kongress finden, da die von Trump gesetzten Schwerpunkte (Investitionen, Rüstung, Steuersenkungen für hohe Einkommen und Unternehmen) den politischen Zielen der republikanischen Partei weitgehend entsprechen.

Unsicher ist allerdings die Größe des fiskalischen Impulses. Das Ausmaß der zusätzlichen Neuverschuldung dürfte in den Verhandlungen mit dem Parlament begrenzt werden. Die konkreten Auswirkungen des Wechsels im US-Präsidentenamt auf die Konjunktur sind derzeit daher noch schwer abzuschätzen.“

Sollte ein Fiskalprogramm beschlossen werden: Welchen Impuls kann dies haben?

„Exemplarische Modellrechnungen auf Basis der Annahme einer Kombination von zusätzlichen Ausgaben und Steuersenkungen in Höhe von 0,75 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2017 und 1,5  Prozent im Jahr 2018 zeigen, dass dies zu einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts in den Vereinigten Staaten gegenüber dem Basisszenario im Jahr 2017 um 0,2-0,3 Prozent und im Jahr 2018 um 0,5 – 0,9 Prozent führen würde, die Weltproduktion würde infolge zusätzlicher Nachfrage in den USA um 0,1 bzw. 0,3 Prozent steigen.

Fraglich ist aber insbesondere, wie weit die expansive Wirkung in den USA durch eine Aufwertung des Dollar konterkariert würde, die für sich genommen den Anstieg der Exporte mindert und den der Importe erhöht. Sollten die  Löhne und Preise als Folge eines staatlich induzierten Nachfrageschubs spürbar steigen, würde dies wohl zu einer raschen Reaktion der Notenbank führen oder über eine stärkere reale Aufwertung die Nachfragewirkung des Fiskalprogramms reduzieren.

Auch stellt sich die Frage, in welchem Umfang die US-Wirtschaft überhaupt Kapazitäten mobilisieren kann, um einer höheren Nachfrage gerecht zu werden. Die Arbeitslosigkeit ist nicht mehr weit von dem vor der Finanzkrise verzeichneten Tiefstand entfernt. Zudem will die Regierung Trump offenbar verstärkt illegale Immigranten ausweisen, was das Arbeitskräftepotenzial weiter reduzieren würde.“

Fachliche Ansprechpartner:

Dr. Klaus-Jürgen Gern
T +49 431 8814 262
klaus-juergen.gern@ifw-kiel.de

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Prof. Dr. Stefan Kooths
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