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Vollgeld – Was eine neue Geldordnung leisten kann

Medieninformation, 04. Juni 2018

Die Volksabstimmung in der Schweiz über ein Vollgeldsystem lässt die Diskussion über dieses schon lange diskutierte Konzept neu aufleben. Tatsächlich bietet der Wechsel zu einem solchen System eine spannende Alternative und einige Vorteile gegenüber dem aktuellen Geldsystem, analysiert IfW-Forscher Ulrich Stolzenburg in einem neuen ‚Kieler Beitrag zur Wirtschaftspolitik‘. Doch es gibt auch erheb­liche Nachteile, die bei einer sehr plötzlichen Einführung besonders stark hervor­treten würden.

„Die hervorstechenden Vorteile liegen bei einer höheren Finanzstabilität und höheren Geldschöpfungsgewinnen für den Staat“, schreibt Stolzenburg. „Gleichwohl erscheint das Vollgeld­konzept, über das in der Schweiz abgestimmt wird, viel zu optimistisch im Hinblick auf die kurzfristigen Aus- und Nebenwirkungen einer so tiefgreifenden Reform der Finanzverfassung.“

Im gegenwärtigen Geldsystem können Banken ihre langfristigen Kreditforderungen mit täglich fälligen Sichteinlagen refinanzieren – zum Beispiel Guthaben auf Girokonten ihrer Kunden. Nur für einen Bruchteil dieser Sichteinlagen müssen die Banken entsprechende Reserven bei der Zentralbank hinterlegen. Banken können so Geld quasi aus dem Nichts erschaffen, wenn sie Kredite vergeben. Ein Vertrauensverlust in die Bank, in dessen Folge Kunden ihr Geld abziehen, kann schnell zur Instabilität der Bank und möglichen Ansteckungseffekten auf andere Geldinstitute führen. Im Gegensatz dazu muss in einem Vollreservesystem jede Geldeinheit auf dem Girokonto durch Zentralbankgeld gedeckt sein (bzw. selbst gesetzliches Zahlungsmittel oder „Vollgeld“ sein).

Die bestechenden Vorteile eines Vollgeldsystems sind im Ergebnis, dass ein Abzug von Kundeneinlagen für die betroffene Bank völlig unproblematisch ist und unbare Zahlungsmittel bei einer Bankenschieflage nicht gefährdet sind. Das Finanzsystem gewinnt durch eine Volldeckung an Stabilität, da Liquiditätskrisen unwahrscheinlicher und ungefährlicher für das Gesamtsystem werden. Außerdem könnte die Geldmengenentwicklung genauer kontrolliert werden.

Zu den gravierenden Nachteilen gehört, dass die Zinsen im Gegenzug als geldpolitisches Instrument verloren gehen und stärker schwanken. Außerdem müsste das System stark reguliert werden, um eine Umgehung des Vollreservesystems zu verhindern. Zudem sind steigende Kosten für Finanzdienstleistungen und eine wahrscheinliche Anpassungskrise des Bankensektors zu erwarten, was zunächst die Realwirtschaft belasten dürfte.

Stolzenburgs Fazit: „Entscheidet man sich in der Abwägung von Vorteilen und Risiken letztlich für ein Vollreservesystem, ist eine allmähliche, schrittweise Anpassung dem plötzlichen Systemwechsel vorzu­ziehen.“ Das Schweizer Modell sieht das nicht vor. „Doch falls eine Systemumstellung letztlich überwiegend geräuschlos gelingen sollte und das neue System im Hinblick auf die Finanzstabilität als überlegen eingeschätzt würde, so dürfte sich mittelfristig auch für den Euroraum die Frage der Einführung eines Vollreservesystems stellen.“

Den „Kieler Beitrag zur Wirtschaftspolitik“ finden Sie hier.

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