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Mittelfristprojektion: Wachstum lässt nach, Konjunktur kühlt ab

Medieninformation, 22. März 2018

Deutschland muss sich in absehbarer Zeit wieder auf magere Jahre gefasst machen. Der demografische Wandel drückt im nächsten Jahrzehnt das Wachstum, und der Gegenwind für die Konjunktur nimmt zu. Die öffentlichen Haushalte geraten durch steigende Ausgaben für die ältere Generation unter Druck. Die aktuellen Maßnahmen der Bundesregierung verschärfen das Problem. Dies geht aus der heute veröffentlichten Mittelfristprojektion des IfW Kiel bis 2022 hervor.

Laut aktueller Mittelfristprojektion(*) bis 2022 des Instituts für Weltwirtschaft Kiel (IfW), die heute erschienen ist, muss sich Deutschland in wenigen Jahren auf schwierigere Zeiten gefasst machen, auch weil das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schon seit längerer Zeit deutlich stärker zulegt als das Produktionspotenzial (zur Mittelfristprojektion: „Wachstum lässt nach, Konjunktur kühlt ab“). „Die Produktionskapazitäten sind der kräftigen Expansion des BIP immer weniger gewachsen. Die Überauslastung dürfte am Ende des Jahrzehnts ein Ausmaß erreichen, das an frühere Boomphasen heranreicht. Mit dem Eintritt in die 2020er Jahre werden nicht nur demografisch bedingt die Wachstumskräfte in Deutschland dauerhaft schwächer, sondern es beginnt dann wohl auch der konjunkturelle Abstieg. Je nachdem, wie stark die Übertreibungen im Boom ausfallen, kann es auch ein Absturz werden“, sagte Prof. Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums am IfW Kiel.

Das Wachstum der Produktionsmöglichkeiten in Deutschland ist derzeit zwar kräftig, dürfte allerdings im laufenden Jahr mit 1,7 Prozent seinen Zenit erreichen. Im weiteren Verlauf des Projektionszeitraums wird sich das Potenzialwachstum demografisch bedingt kontinuierlich abschwä­chen. Für die Jahre von 2018 bis 2022 rechnen die Experten mit einer durchschnittlichen Rate von knapp 1,6 Prozent. Das Tempo des Potenzialwachstums wäre somit um rund zwei Zehntel höher als im Mittel der vergangenen 20 Jahre. Bis zum Ende des Projektionszeitraums wird es sich voraus­sichtlich auf eine Rate von unter 1,4 Prozent abschwächen. Auch darüber hinaus ist durch die demografische Entwicklung ein weiterer Rückgang des Potenzialwachstums vorgezeichnet.

Aufschwung kommt zu einem Ende

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird in den kommenden Jahren zunächst noch rascher zulegen als das Produktionspotenzial, bereits 2017 lag die gesamtwirtschaftliche Produktion nach IfW-Schätzung knapp ein Prozent oberhalb des Produktionspotenzials. In der Folge dürfte die gesamtwirtschaftliche Überauslastung am Ende des Jahrzehnts ein Ausmaß erreichen, welches zuletzt während des Wiedervereinigungs-Booms verzeichnet wurde. „Damit nimmt der Gegenwind für die Konjunktur zu“, so Kooths.

So werden die zunehmenden Kapazitätsengpässe die Zuwachsrate des BIP wohl mehr und mehr drosseln und die zyklischen Abwärtskräfte allmählich die Oberhand gewinnen, die sich besonders bei den Investitionen bemerkbar machen. Vor diesem Hintergrund wird sich die konjunkturelle Dynamik in Deutschland im neuen Jahrzehnt wohl abkühlen und der Aufschwung somit zu einem Ende kommen. Mit der steigenden Überauslastung steigt die Fallhöhe für die deutsche Wirtschaft: Je weiter sich die tatsächliche Produktion von ihrem Potenzial entfernt, desto größer wird der Anpassungsbedarf im kommenden Abschwung.

Bundesregierung ist gefordert

Die Bundesregierung sollte mit ihrer Wirtschafts- und Finanzpolitik zum jetzigen Zeitpunkt nicht prozyklisch agieren und die Konjunktur durch Abgabensenkungen und Leistungsausweitungen weiter anfeuern. Stattdessen müssten die Sozialsysteme für die Herausforderungen des demografischen Wandels fit gemacht werden. „Es ist absehbar, dass für ein Einhalten der Schuldenbremse korrigierende Eingriffe in Form von Steuererhöhungen oder Leistungskürzungen nötig werden, wenn Konjunktur und Wachstum nachlassen. Dies gilt umso mehr, je weiter die aktuellen Überschüsse im Haushalt aufgebraucht werden“, sagte Kooths.

Zugleich wird sich die finanzielle Lage der Sozialversicherungen mit Beginn des neuen Jahrzehnts angesichts des demografischen Wandels zusehends verschlechtern. Mehr ältere Menschen mit höherer Lebenserwartung und gestiegenen Ansprüchen müssen dann von einer sinkenden Zahl von Erwerbstätigen versorgt werden. „Die Bundesregierung täte gut daran, sich mit immer höheren wohlfahrtsstaatlichen Leistungsversprechen zurückzuhalten, die nur den Konflikt zwischen den Generationen verschärfen. Vielmehr muss es darum gehen, mit weniger Bürokratie und mehr Anreizen ein möglichst beschäftigungsfreundliches Umfeld zu schaffen. Alles, was dazu beiträgt, wohlfahrtsstaatliche Elemente besser mit auf Leistungsgerechtigkeit bezogenen marktwirtschaftlichen Mechanismen zu verzahnen, könnte sich die neue Bundesregierung als ordnungspolitischen Erfolg auf ihre Fahnen schreiben“, so Kooths.

(*)In ihrer Mittelfristprojektion schätzen die Konjunkturforscher des Instituts für Weltwirtschaft regelmäßig das Produktionspotenzial der deutschen Wirtschaft. Maßgeblich für das Produktionspotenzial sind die zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte, der Kapitalstock und die Produktivität. Das Bruttoinlandsprodukt schwankt im Konjunkturverlauf um dieses Produktionspotenzial und nimmt geringere Werte an, wenn die Produktionskapazitäten nur gering ausgeschöpft werden, wie in einer Rezession, oder nimmt höhere Werte an, wenn die Kapazitäten überdurchschnittlich ausge­lastet werden, wie in der Hochkonjunktur.

Zur Mittelfristprojektion: „Wachstum lässt nach, Konjunktur kühlt ab“

Webseite des IfW Prognosezentrums

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