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IfW-Fokus 224

20. April 2018 
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Sündigen im Gleichschritt*

von Rolf J. Langhammer

 

Ist die EU in Wahrheit noch protektionistischer als die USA? Ein Vergleich aller Handelshürden zeigt: Beide Wirtschaftsräume sündigen im Gleichschritt.

Hat Donald Trump am Ende sogar recht? Im aktuellen Handelsstreit zwischen den USA und der EU ist bisweilen zu hören, der US-Präsident liege nicht völlig falsch, wenn er behaupte, die USA würden von Europa „unfair“ behandelt. Schauen wir uns also die Fakten an: Tatsache ist, dass beide Partner in der letzten multilateral verhandelten Runde Anfang der Neunzigerjahre den heutigen Zöllen in Höhe und Struktur zustimmten. Sie waren sogar die treibenden Kräfte des Abschlusses der sogenannten „Uruguay-Runde“. Die USA akzeptierten damals, dass die EU und andere Länder leicht höhere Einfuhrzölle erhoben als die USA. Amerika handelte damit im Interesse seiner weiterverarbeitenden Industrie sowie der Konsumenten im eigenen Land. Die vereinbarten Zollniveaus sind bis heute gültig. Bei Industriegütern besteht nach Angaben der Welthandelsorganisation WTO ein Gefälle von durchschnittlich einem Prozentpunkt bei den angewandten Zöllen (3,2 Prozent auf USA-Seite gegenüber 4,2 Prozent auf EU-Seite). Gewichtet mit den Importwerten sind die Zollunterschiede noch geringer: 2,3 Prozent auf USA-Seite gegenüber 2,6 Prozent auf EU-Seite.

Die Durchschnittswerte verdecken jedoch, dass es bei einzelnen Produkten wesentlich größere Unterschiede gibt, etwa bei Autos oder Agrarprodukten. Bei Letzteren erhebt die EU mit durchschnittlich 11,1 Prozent mehr als doppelt so hohe Zölle wie die USA (5,2 Prozent). Da Importzölle wie eine Steuer auf Exporte wirken, kann es nicht verwundern, dass die USA ein erfolgreicherer Agrarexporteur sind. Mit knapp elf Prozent Anteil an den US-Gesamtexporten ist der Agrarsektor ein wichtigerer Exportsektor als in der EU (knapp acht Prozent).

Es sind aber nicht allein die geringen Unterschiede in den durchschnittlichen Zollniveaus, die die Zölle zu einem untauglichen Beweis für einen höheren Protektionismus in der EU als in den USA machen. Vier weitere Aspekte geben Anlass, sich mit vorschnellen Urteilen zurückzuhalten. Erstens exportieren beide Handelspartner vor allem nicht-standardisierte Güter, bei denen neben dem Preis auch andere Faktoren wie Größenvorteile, Kundenpräferenz und Reputation sowie die Servicequalität die Wettbewerbsfähigkeit bestimmen. Das erleichterte es den Unternehmen, Zölle in den Absatzpreisen an die Kunden weiterzugeben. Sollte die EU den Zoll für US-Produkte mit Markenreputation erhöhen, dürfte der Absatz also nicht gleich einbrechen. Zudem können die Anbieter Zölle durch Preissenkungen zumindest teilweise ausgleichen.

Zweitens hängt der effektive Zollschutz für die Industrie davon ab, wie hoch der Zoll für das Endprodukt (Nominalzoll) im Vergleich zu den Zöllen auf importierte Vorleistungen ist, die den Unternehmen Kosten verursachen. Je höher die Schutzzölle für die Endprodukte und je niedriger die Zölle für die Vorprodukte ausfallen, desto stärker sind die Wertschöpfung und damit Gewinne wie Löhne dieser Produktionsstufe im Vergleich zur Situation gleicher Höhe von Zöllen auf End- und Vorprodukte geschützt (effektiver Zollschutz). Untersuchungen zeigen, dass gerade bei Fertigwaren der effektive Zollschutz in den USA höher als der Nominalzoll ist. Das gilt aber auch für die EU. Hier sind also beide Partner protektionistisch, vor allem zu Lasten von Fertigwaren aus Entwicklungsländern.

Drittens sind die relevanten Instrumente der Protektion heutzutage nicht mehr die Zölle, sondern die nichttarifären Handelshemmnisse. Dazu gehören Maßnahmen, die Importe an der Grenze verteuern oder sogar unterbinden wie Zollkontingente und -quoten sowie technische, gesundheitspolitische oder finanzielle Standards, die ausländische Anbieter schlechter stellen als heimische Anbieter. Angesichts der Vielzahl der nichttarifären Hemmnisse ist eine generelle Aussage, bei wem diese Hemmnisse, gemessen an ihrer Preiswirkung, höher sind, nicht möglich. In bestimmten Bereichen wie dem öffentlichen Beschaffungswesen ist aber deutlich, dass die USA europäische Anbieter stärker gegenüber heimischen Anbietern benachteiligen als dies umgekehrt der Fall ist. Auch die besondere US-Vorschrift, dass jeder Container bei der Einfuhr gescannt werden muss, ist ein nichttarifäres Handelshemmnis.

Viertens errichten die Regierungen heutzutage Handelsbarrieren auch dadurch, dass sie ausländische Direktinvestitionen in ihrem Land untersagen. Direktinvestitionen aber sind vielfach Voraussetzung für Handel, vor allem bei Dienstleistungen. So hat das amerikanische Committee on Foreign Investment (CFIUS) ein Einspruchsrecht, die EU-Kommission besitzt Vergleichbares bisher (noch) nicht. CFIUS hat von diesem Recht aus Gründen der nationalen Sicherheit mehrmals Gebrauch gemacht.

Insgesamt führt es daher in die Irre, die EU wegen ihrer höheren Nominalzölle als den protektionistischeren Partner zu bezichtigen. Beide, EU und USA, haben ihre jeweils eigenen protektionistischen „blinden Flecken“ – und sündigen im Gleichschritt.

(Der Artikel ist als Gastkommentar in der Rubrik „Denkfabrik“ der WirtschaftsWoche vom 13.04.2018 erschienen.)

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ifw_fokus.jpg © Stephen Coburn - Fotolia.com

*In der Reihe IfW-Fokus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autoren selbst verantwortlich sind. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.

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