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IfW-Fokus 220

6. Februar 2018 
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Die neue Diskussion über den Freihandel aus (verhaltens)ökonomischer Sicht*

von Ulrich Schmidt

 

Ökonomen kontern Globalisierungskritik häufig mit Freihandelstheorie und historischer Evidenz. Doch schon aus dem klassischen volkswirtschaftlichen Gedankengebäude lassen sich Defizite der heutigen Freihandelspraxis herleiten. Und neuere verhaltensökonomische Ansätze liefern weitere Argumente – sowie Lösungsmöglichkeiten.

Auch wer kein Fan pauschaler Globalisierungskritik ist, muss eingestehen, dass Brexit, die protektionistischen Bestrebungen der USA unter Trump sowie die Wahlerfolge rechter Parteien in Europa den Freihandel unter Rechtfertigungsdruck setzen. Das Gegenargument reicht nicht mehr, dass eine weitere Liberalisierung des Handels nach der Theorie und allen bisherigen historischen Erfahrungen zu einem höheren Sozialprodukt führt. Nach der klassischen Argumentation müssen Verlierer der Globalisierung aus diesen Gewinnen nur hinreichend entschädigt werden, um Unzufriedenheit in der Gesellschaft den Nährboden zu entziehen.

Doch aus verhaltensökonomischer Sicht ist fraglich, ob eine materielle Kompensation der Globalisierungsverlierer hinreichend ist, um den gesellschaftspolitischen Problemen angemessen zu begegnen. Vielmehr hat sich gezeigt, dass Personen ihr eigenes Einkommen immer in Relation zu den Einkommen anderer beurteilen und damit eine steigende Ungleichheit das Wohlergehen mindert. Das gilt auch gerade dann, wenn sich alle Gruppen absolut gesehen besser stellen. Es befriedigt mich nicht, wenn der Wohlstand meiner Gesellschaft durch Globalisierung steigt, andere aber viel mehr profitieren als ich. Keiner will als Folge von Freihandel auf einem niedrigeren Platz in seinem sozialen Gefüge landen. Die steigende Ungleichheit in den meisten Industriestaaten kann somit die wachsende Zahl von Unzufriedenen und damit das Aufkommen rechter und protektionistischer Strömungen erklären.

Die Verhaltensökonomie hat weitere Ursachen für gesellschaftliche Verwerfungen durch Freihandel identifiziert: Erosion der Identität, des Zusammengehörigkeitsgefühls in der Gesellschaft sowie des sozialen Kapitals wie Vertrauen, Reziprozität und Kooperationsbereitschaft. Diese Erosion erklärt sich ebenfalls durch steigende Ungleichheit und zudem durch die zunehmende Anonymisierung und den Zusammenbruch lange bestehender sozialer Verbindungen, also Faktoren, die durch die Globalisierung begünstigt werden. Identität und soziales Kapital sind aber wichtige Eckpfeiler für das Glücksgefühl der meisten Menschen. Ihr Verlust kann durch materielle Wohlstandsgewinne in einer Gesellschaft nicht vollständig aufgewogen werden.

Obwohl Ökonomen heute auf ein tief greifendes theoretisches und empirisches Verständnis menschlicher Entscheidungsmechanismen zurückgreifen können, dominieren noch immer klassische Argumente ökonomischer Effizienzgewinne, wenn es um Freihandel geht. Dabei ist auch aus dieser volkswirtschaftlichen Sicht die Bilanz keinesfalls immer positiv.

Die Gewinne werden unterstellt, wenn sich jedes Land auf die Produktion jener Güter spezialisiert, bei denen es einen Kostenvorteil gegenüber anderen Ländern hat und mit diesen dann (freien) Handel treibt. Im Ergebnis wächst in so einem Modell insgesamt der Kuchen, den man verteilen kann, und somit der Wohlstand der beteiligten Länder. So intuitiv diese Vorstellung sein mag und so brillant diese ursprünglich auf David Ricardo zurückgehende Theorie auch ist, sind wichtige seiner Annahmen in der Realität nicht erfüllt – und auch durch Globalisierung konterkariert.

Eine dieser Annahmen ist, dass Unternehmen im internationalen Wettbewerb keine ausreichende Marktmacht entwickeln, um Preise bestimmen zu können. Doch de facto entstehen durch die Globalisierung im Zusammenwirken mit neuen Technologien immer größere Unternehmen, die ihre Marktmacht zu Lasten der Konsumenten und Beschäftigten ausnutzen können. Das liegt am Fehlen eines globalen Wettbewerbsrechts. Versuche, eines zu errichten, scheiterten unter anderem auch an den unterschiedlichen Rechtssystemen der angelsächsischen Länder und der kontinentaleuropäischen Länder.

Die klassische Freihandelstheorie unterschlägt zudem sogenannte externe Effekte, das sind zum Beispiel schädliche Auswirkungen auf die Umwelt. Diese müssten eigentlich so hoch besteuert werden, dass die negativen Auswirkungen durch die Steuer kompensiert werden. Doch die dank Freihandel wachsenden negativen externen Effekte des Transports werden in keiner Weise so behandelt. So sind etwa das Kerosin für den Flugtransport und der Diesel für die gewerbliche Schifffahrt immer noch unbesteuert, was in Anbetracht hoher Emissionen einer erheblichen Subvention des Gütertransports gleichkommt.

Wenn Güter und Kapital ohne oder mit nur geringen Kosten international mobil sind, während Arbeitskräfte nur unter höheren Kosten von einem Land in ein anderes wandern können, ist es offensichtlich, dass dies zu höheren Kapitalrenditen führt, da das Kapital dorthin wandert, wo Löhne, Sozialstandards und Umweltauflagen niedrig sind. Und die gerade jüngst wieder viel diskutierten Steueroasen tragen ein Übriges dazu bei, dass die Besteuerung dieser Renditen nicht durchsetzbar ist, was eine Kompensation der Globalisierungsverlierer erschwert.

Es ist in der Volkswirtschaftslehre unumstritten, dass Märkte und der Kapitalismus im Allgemeinen Regeln brauchen, damit sie zum Wohle aller funktionieren. Innerhalb von Staaten oder Verbünden wie der EU gibt es zahlreiche solcher Regulierungen, die eine Marktwirtschaft sozial gestalten. Auf globaler Ebene gibt es dagegen noch sehr wenige. Unterschiedliche Interessen machen es auch mehr als fraglich, dass sich die internationale Staatengemeinschaft auf eine umfassende Regulierung der Märkte zum Wohle der arbeitenden Bevölkerung und der Umwelt einigen kann. Diese unterschiedlichen Interessen spiegeln sich auch in der unbestrittenen Benachteiligung der ärmsten Entwicklungsländer im Welthandel wider. So hätten Entwicklungsländer beispielsweise gerade bei Agrarprodukten einen komparativen Kostenvorteil, während sich die Insustrieländer durch Handelhemmnisse und hohe Subventionen systematisch gegen Agrarimporte abschotten. Wirklich freier Handel würde eine solche Benachteiligung ausschließen, und es ist insofern zynisch, dass die meisten Freihandelsbefürworter diese Thematik ignorieren.

Insgesamt sind die Argumente der Befürworter einer weiteren Liberalisierung des Freihandels also fragwürdig, da sie auf Annahmen basieren, die in der Realität keinesfalls erfüllt sind. Insbesondere vernachlässigt ihre Argumentation die Ergebnisse der Theorie des Zweitbesten: Bildlich ausgedrückt besagt diese Theorie, dass wenn zu einer sehr schönen Insel keine Brücke führt, es dennoch nicht optimal ist, mit dem Auto möglichst nah an diese Insel heranzufahren, sprich im Wasser zu landen. Somit ist es schon aus reinen Effizienzgesichtspunkten mehr als fraglich, ob eine weitere Liberalisierung des Welthandels sinnvoll ist. Betrachtet man zusätzlich die Verteilungsgerechtigkeit wird die Position der Freihandelsbefürworter noch schwieriger, da Freihandel die Situation der Hochqualifizierten und Kapitaleinkommensbezieher verbessert. Selbst wenn hier eine Umverteilung möglich wäre und tatsächlich durchgeführt werde würde, muss man berücksichtigen, dass Umverteilung nicht kostenlos ist, da sie ebenfalls zu Effizienzeinbußen führt.

Dies bedeutet nicht, dass im Umkehrschluss Freihandel per se schlecht wäre oder wir für protektionistische Maßnahmen plädieren sollten. Aber wir sollten ihm ein komplementäres Element hinzufügen.

Verhaltensökonomische Studien zeigen, dass regionale Wirtschaftsbeziehungen soziale Netzwerke stärken und somit den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern sowie das Vertrauen in der Gesellschaft erhöhen. Daher ist der Ausbau regionaler Wirtschaftsbeziehungen geeignet, den aus der Globalisierung resultierenden gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen. Zudem ergeben sich positive Nebenwirkungen, nämlich Klimaschutz durch weniger Transport sowie die Förderung einer mittelständischen Unternehmensstruktur.

Die moderne Volkswirtschaftslehre betrachtet nicht nur den materiellen Wohlstand, sondern widmet sich zunehmend der allgemeinen Lebenszufriedenheit, die von vielen weiteren Faktoren abhängig ist. Identität und soziales Kapital sind demnach wichtige Eckpfeiler für das Glücksgefühl der meisten Menschen. Sie sind bereit, für diese Gewinne auf noch billigere Güter dank Freihandel zu verzichten. Insofern ist die Frage, ob der Handel weiter liberalisiert werden sollte, zweitrangig. Wichtiger ist, welche Maßnahmen ergriffen werden, um den bereits existierenden negativen Nebenwirkungen der Globalisierung zu begegnen. Die Förderung regionaler Wirtschaftsbeziehungen und lokaler Netzwerke erscheint dabei als ein geeigneter Weg.

(Eine kürzere Fassung dieses Artikels ist am 25. Januar 2018 in der „Frankfuter Rundschau“ erschienen unter der Überschrift „Risiken der Globalisierung abfedern“.)

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ifw_fokus.jpg © Stephen Coburn - Fotolia.com

*In der Reihe IfW-Fokus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autoren selbst verantwortlich sind. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.

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