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IfW-Fokus 215

18. Dezember 2017 
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Nicht abschotten, sondern ausbilden und auswählen*

von Matthias Lücke

 

Will Europa irreguläre Migration aus Afrika eindämmen, muss es den Menschen dort andere Perspektiven für den Lebensunterhalt eröffnen. Dafür braucht es vor allem ein Zusammenspiel von Aus- und Fortbildung vor Ort und legalen Wegen in den europäischen Arbeitsmarkt, schreibt Matthias Lücke, Migrationsforscher im Projekt MEDAM am Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

Seit Jahren können Afrikanerinnen und Afrikaner ohne Hochschulabschluss kaum noch legal in ein europäisches Land einwandern, um hier zu arbeiten. Und so tragen die restriktiven Einreiseregelungen maßgeblich dazu bei, dass sich im Mittelmeer immer wieder dramatische Szenen abspielen. Die Seenotrettung der EU und einzelner NGOs rettet zwar viele Menschenleben. Sie spielt aber auch den Menschenschmugglern in die Hände und schafft Anreize für irreguläre Migration.

Viele irreguläre Einwanderinnern und Einwanderer aus Afrika beantragen in der EU Asyl, ohne tatsächlich Anspruch auf Schutz nach der Genfer Flüchtlingskonvention zu haben (die Anerkennungsquoten für die meisten afrikanischen Länder sind niedrig). Vielmehr hoffen sie, Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt zu erhalten. Denn selbst wenn die meisten nicht als Flüchtlinge anerkannt werden, kehren nur wenige tatsächlich in ihre Heimatländer zurück. Die Asylverfahren sind langwierig und viele Herkunftsländer sträuben sich aus innenpolitischen Gründen, ihre Bürgerinnen und Bürger zurückzunehmen.

Die Hintertür schließen…

Will man also langfristig Menschenleben retten und die kriminellen Strukturen entlang der Migrationsrouten bekämpfen, muss man durchaus gemeinsam mit den Herkunfts- und Transitstaaten die irreguläre Migration unterbinden. Zentral ist dafür der politische Wille der Herkunftsländer, ihre Bürgerinnen und Bürger im Fall einer Ausweisung – etwa nach einem abgelehnten Asylantrag – unbürokratisch zurückzunehmen. Dann würde sich irreguläre Migration nicht auszahlen. Helfen würden auch eine glaubwürdige Aufklärung potenzieller irregulärer Migranten über die Risiken, denen sie sich aussetzen, und Unterstützung bei einer freiwilligen Rückkehr entlang der irregulären Migrationsrouten. Zäune ziehen kann man im Mittelmeer jedoch nicht.

… und die Vordertür öffnen

Im Gegenzug sollten die EU-Mitgliedstaaten mehr legale Arbeitsmöglichkeiten für Afrikanerinnen und Afrikaner in Europa schaffen. Damit würde sich für Menschen mit den erforderlichen Sprachkenntnissen und beruflichen Qualifikationen die „Vordertür“ zu einer legalen Beschäftigung in der EU öffnen. Gleichzeitig wäre legale Migration ein wichtiges Element in einem konstruktiven Dialog mit afrikanischen Regierungen und Bevölkerungen über Migrationsmanagment und die Rücknahme abgelehnter Asylsuchender.

Dabei wird es darauf ankommen, genügend potenzielle Migrationswillige im Hinblick auf die Anforderungen der Arbeitsmärkte sowohl in ihren Herkunftsländern als auch in möglichen Zielländern zu qualifizieren. Herkunfts- und Zielländer sollten gemeinsam Standards und Lehrpläne erstellen für die Ausbildung in Berufen, die stark nachgefragt werden. Entsprechende Ausbildungsprojekte können im Rahmen der Entwicklungshilfe unterstützt werden – ähnlich wie dies für Berufe der Krankenpflege bereits in kleinem Umfang geschieht („skills partnerships“). Dann haben auch Menschen mit niedrigem Einkommen Zugang zu einer qualifizierten Sprach- und Berufsausbildung.

Da normalerweise nicht alle Absolventinnen und Absolventen solcher Ausbildungsgänge nach Europa auswandern werden, helfen derartige Projekte auch, die Arbeitskräfte in den Herkunftsländern insgesamt besser zu qualifizieren. Gleichzeitig könnten europäische Unternehmen auf einen größeren Pool von qualifizierten Arbeitskräften zugreifen.

Mehr Flexibilität schaffen

In Deutschland scheitert die Zuwanderung von Arbeitskräften, die zwar nicht über einen Hochschulabschluss, aber über eine berufliche Qualifikation oder praktische Erfahrungen verfügen, häufig an hohen inhaltlichen und bürokratischen Anforderungen für die Anerkennung von ausländischen Abschlüssen oder praktischen Fähigkeiten. Dies beeinträchtigt auch die Mobilität von Arbeitskräften innerhalb der EU. Vielfältige Reformen wie etwa die Harmonisierung von Ausbildungsinhalten oder wechselseitige Anerkennung innerhalb der EU, mehr zweijährige Ausbildungsgänge, Modularisierung von Abschlüssen, verstärkte Nutzung von Teilanerkennungen und innovative Verfahren zur Qualifikationsfeststellung können mehr Flexibilität schaffen und die berufliche Integration vieler Personengruppen fördern – nicht nur von Einwanderinnen und Einwanderern aus Drittländern oder Arbeitskräften aus der EU, sondern auch von Flüchtlingen, die bereits in Deutschland leben, und von eher praktisch begabten einheimischen Jugendlichen.

Mehr Flexibilität wäre wichtig, damit genügend Arbeitskräfte aus Afrika nachhaltig Beschäftigung in Europa finden können und die legale Migration in den europäischen Arbeitsmarkt eine realistische Alternative wird zur irregulären Migration (die oft genug erst einmal ins Sozialsystem führt).

Der Internationale Tag der Migranten am 18. Dezember erinnert unter anderem daran, dass etwa 240 Millionen Migrantinnen und Migranten in vielen Ländern der Welt leben und arbeiten. Sie verbessern nicht nur ihre eigenen Lebensumstände, sondern unterstützen auch Angehörige in den Herkunftsländern und werden als Arbeitskräfte nachgefragt und als Mitbürgerinnen und Mitbürger geschätzt. Es liegt an uns, die Arbeitsmigration so zu steuern, dass dieses positive Potenzial genutzt wird.

Prof. Dr. Matthias Lücke ist Senior Researcher am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Er ist akademischer Kodirektor des Projektes MEDAM, in dem Forscherinnen und Forscher sich mit Fragen der  Asyl- und Einwanderungspolitik der EU und ihrer Mitgliedsstaaten befassen.

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ifw_fokus.jpg © Stephen Coburn - Fotolia.com

*In der Reihe IfW-Fokus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autoren selbst verantwortlich sind. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.

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