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IfW-Fokus 214

22. November 2017 
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Digitalisierung schafft Unzufriedene*

von Dennis J. Snower

 

Das Erstarken von Populisten hängt auch mit mangelnden Perspektiven von Menschen in einer digitalisierten und global vernetzten Welt zusammen. Deshalb muss die künftige Bundesregierung Art und Umfang der Aus- und Weiterbildung reformieren.

Deutschland sei eben doch nicht so außergewöhnlich, hieß es in Stellungnahmen aus dem Ausland zum Ergebnis der Bundestagswahl. Also auch hier legen Populisten und rechte Parteien zu, weil Menschen ihre Interessen bislang vernachlässigt und ihre Zukunftschancen schwinden sehen.

Und tatsächlich: Auch hierzulande empfinden offenbar viele Menschen eine globalisierte und digital vernetzte Welt mit offenene Gesellschaften als Bedrohung ihres Lebensmodells. Sie fühlen sich in einer solchen Welt machtlos, und die Ablehung der Flüchtlingspolitik ist dafür nur ein Ventil, das mit einer Frustwahl der AfD geöffnet wird.

Eine Politik, die dem entgegentwirken will, muss daran ansetzen, Menschen zu befähigen, Arbeit und Privatleben in einer digitalisierten und global vernetzten Welt souverän gestalten zu können. Digitalisierungspolitik darf nicht nur Infrastruktur und digitale Sicherheit umfassen, sie muss die Förderung von Fähigkeiten ausbauen, die Menschen den Computern und Maschinen voraus haben.

Digitalisierung krempelt praktisch alle Lebensbereiche um: Sekundenschneller Datenaustausch, Robotik, künstliche Intelligenz – digitale Technologien haben sich längst im privaten und geschäftlichen Alltag etabliert. Sie zwingen Unternehmen, ihre Geschäftsmodelle grundlegend zu überdenken. Gleichzeitig ermöglichen sie Innovationen, die gute Wachstumschancen bieten. Die industrielle Produktion und auch der Dienstleistungssektor verändern sich massiv. Routine-Jobs werden obsolet – Roboter und Computer übernehmen diese und ersetzen die Menschen. Auf der anderen Seite bringt die Digitalisierung neue, hochwertige Tätigkeiten mit sich. Doch diese erfordern entsprechende Qualifikationen.

Das Problem: Die Digitalisierung steigert die Produktivität von Maschinen in Hochgeschwindigkeit, während Menschen länger brauchen, um ihre Fähigkeiten und Ziele anzupassen. Sie dabei zu unterstützen, ist eine staatliche Aufgabe.

Auf allen Bildungsebenen sollte der Fokus dabei auf der Förderung jener Fähigkeiten liegen, die so etwas wie menschliche Kernkompetenzen sind und die keine Maschine, kein Computer und kein Roboter auf absehbare Zeit ersetzen können: Soziale Kompetenzen wie Kreativität, Teamarbeit und Einfühlungsvermögen sind Alleinstellungsmerkmale von Menschen, die zu einem echten Wettbewerbsvorteil ausgebaut werden müssen, um die Herausforderungen der Digitalisierung zu bewältigen.

Konkret heißt das, dass es nicht mehr vor allem darum geht, Menschen Routinetätigkeiten und theoretisches Wissen beizubringen. Denn das sind genau die Fähigkeiten, die in nächster Zeit obsolet werden. Vielmehr muss der Fokus von Aus- und Weiterbildung auf einer Kombination aus sozialen und technischen Kompetenzen liegen. Denn gerade in technischen Berufen wird es zukünftig darauf ankommen, hohe analytische und kreative Fähigkeiten mit hoher sozialer Kompetenz zu verknüpfen. Eine Entwicklung übrigens, die Frauen in die Hände spielen dürfte, denn sie verfügen häufig über eine höhere Sozialkompetenz als Männer.

Zugleich muss auch Agilität besser trainiert werden, denn Güter und Dienstleistungen werden künftig individueller für spezifische Kunden angeboten. Wer nur Optimierung und Standardisierung beherrscht, wird scheitern.

Anpassungsfähigkeit und Kreativität sind auch hinsichtlich einer sich neu organisierenden Arbeitswelt wichtige Fähigkeiten, denn mit der Digitalisierung lässt sich das Arbeiten in vielen Bereichen in weltumspannenden Netzwerken organisieren. Hier werden jene im Vorteil sein, die sich schnell auf neue Situationen einstellen können. Zugleich müssen die Arbeitskräfte von morgen globale Zusammenhänge deutlich besser erkennen und über kulturelle Grenzen hinweg agieren können. Denn das globale wirtschaftliche Handeln macht es notwendig, unterschiedliche kulturelle Perspektiven einzunehmen.

Die Bedeutung sozialer Kompetenzen ist auch von der OECD erkannt, die diese in die Pisa-Studien integrieren will. Damit werden soziale Kompetenzen mess- und vergleichbar, Defizite lassen sich erkennen.

Doch wie soll das erforderliche Maß an Weiterbildung und Qualifizierung – das lebenslange Lernen – finanziert werden? Mittelfristig wäre es sinnvoll, das deutsche Sozialsystem komplett umzubauen und Sozialkonten zu schaffen, auf die anstelle von Steuern und Abgaben ein nach Alter und Einkommen gestaffelter Beitrag überwiesen wird. Daraus würden dann Ausgaben für Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung und eben Weiterbildung finanziert. Jeder wüsste, dass das auf sein Sozialkonto eingezahlte Geld ihm zusteht, wenn er es braucht. Die Konten der Wohlhabenden könnten besteuert und die der weniger Wohlhabenden subventioniert werden – auf diese Weise könnte jedes politisch gewollte Maß an Umverteilung gewährleistet werden. Und eine staatliche Extra-Förderung für digitale Weiterbildung könnte natürlich auch auf die Sozialkonten der Menschen fließen.

Zumindest in Sachen Finanzierung finden sich in den Wahlprogrammen der Parteien Konzepte: Teile von CDU und CSU plädieren für einen Rechtsanspruch auf eine geförderte Bildungsteilzeit und einen steuerfinanzierten Grundzuschuss für Beschäftigte, die für Weiterbildung ihre Arbeitszeit reduzieren – analog zum Elterngeld. Ganz ähnlich funktioniert das „BildungsZeit Plus“ genannte Konzept der Grünen: Hier soll die Weiterbildung im digitalen Zeitalter mit einem auf die jeweilige Einkommenssituation zugeschnittenen Mix aus Darlehen und Zuschuss finanziert werden.

Die FDP verfolgt hingegen das Konzept des sogenannten „Bildungssparens“: Nach dem Vorbild von Bausparverträgen sollen die Menschen Bildungssparverträge abschließen, um Geld für die Finanzierung von Aus- und Weiterbildung zurückzulegen und so das lebenslange Lernen zu fördern. Jeder Euro, den die Menschen dort einzahlen, würde vom Staat bezuschusst.

Die SPD hat ein „persönliches Erwerbstätigenkonto“ mit 20.000 Euro Guthaben für jeden Erwachsenen beim Start ins Arbeitsleben zum Ziel, das sie jetzt wohl nicht umsetzen können wird. Einkommensausfälle bei Qualifizierung und Weiterbildung, Existenzgründung oder ehrenamtlichem Engagement sollen so kompensiert werden.

Diese Konzepte zeigen, dass der steigende Bedarf an Aus- und Weiterbildung in einer digitalisierten Welt prinzipiell erkannt wurde. Aber es ist der Kompetenz-Mix, bei dem ein Umdenken stattfinden muss: Nur durch hochwertige Weiterbildung mit einem Fokus auf spezifisch menschlichen Kompetenzen und auf Kenntnisse globaler Zusammenhänge und Abhängigkeiten kann Deutschland seine Stärke erhalten. Wenn Menschen befähigt werden, in einer sich verändernden Welt souverän zu agieren, werden sie sich nicht von Isolationismus und Nationalismus verführen lassen.

(Leicht veränderte Fassung eines Gastkommentars, der am 09. November unter dem Titel „Digitalisierung schafft Frust“  in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist.)

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ifw_fokus.jpg © Stephen Coburn - Fotolia.com

*In der Reihe IfW-Fokus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autoren selbst verantwortlich sind. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.

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