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IfW-Fokus 209

29. September 2017 
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Mythos "Außenbeitrag"*

von Stefan Kooths

 

Die Vorstöße des neuen amerikanischen Präsidenten zum Abbau der US-Leistungsbilanzdefizite haben die Debatte um makroökonomische Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft neu entfacht. Nur dass die merkantilistischen Tendenzen jetzt ungeschminkter hervortreten als üblich. Ging es bei der Kontroverse bislang um mögliche globale Stabilitätsgefahren, so dominieren nun wieder die nationalistisch-protektionistischen Töne. Dies ändert nichts daran, dass die handelsbezogene Diagnose zu kurz greift und so abermals zu den falschen Instrumenten verführt.

Im Mittelpunkt der Debatte stehen die Salden im grenzüberschreitenden Güterhandel, also Differenzen zwischen Exporten und Importen und damit eine Größe, die Ökonomen als „Außenbeitrag“ bezeichnen. Anders als es dieser missglückte Begriff nahelegt, trägt der Außenbeitrag eines Wirtschaftsraums zur Wirtschaftsleistung nichts bei – dafür aber umso mehr zur Verwirrung und zu wirtschaftspolitischen Fehlschlüssen. Semantisch nicht minder irreführend sind die Varianten dieses Saldos, weil die Vorzeichen dazu verleiten, normativ aufgeladen zu werden. So klingen Überschüsse nach etwas Positivem (manche machen gar ein Erfolgsmaß der Wirtschaftspolitik daraus), während den Defiziten rein sprachlich etwas Unsolides anhaftet. Beides ist genauso falsch wie die Ansicht, ein Außenbeitrag von null wäre gleichbedeutend mit einem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht.

Die Fehldiagnosen wurzeln in einem groben Missverständnis der ökonomischen Zusammenhänge, indem Volkswirtschaften mit Unternehmen verwechselt werden. In dieser Vorstellung werden Exporte als Erlöse aufgefasst, während Importe als Kosten gelten. Die Differenz zwischen beiden ergibt dann den vermeintlichen Gewinn (Exportüberschuss, positiver Außenbeitrag) oder Verlust (Importüberschuss, negativer Außenbeitrag). Das ist ein Rückfall in primitive Formen des merkantilistischen Denkens, der in dem Vorwurf an die Überschussländer gipfelt, sie würden die übrige Welt „ausbeuten“ oder „auf deren Kosten“ leben. Wer so argumentiert, fühlt sich meist bestärkt durch die Verwendungsdefinition des Bruttoinlandsproduktes (BIP) als Maß für die heimische Wirtschaftsleistung, in die Exporte positiv und Importe negativ eingehen. Nun können Definitionen schon aus logischen Gründen keine Kausalitäten erklären. So auch hier. Wer meint, dass ein Anstieg (Rückgang) der Exporte (Importe) zwangsläufig das BIP erhöht, verkennt den Zusammenhang von Entstehung und Verwendung des gesamtwirtschaftlichen Güteraufkommens.

Das Ergebnis der heimischen Wirtschaftsleistung und die aus dem Ausland bezogenen Güter (Im) stehen den ökonomischen Akteuren eines Landes insgesamt für Konsum (C), Investitionen (I) und Exporte (Ex) zur Verfügung: BIP + Im = C + I + Ex. Mehr Importe ermöglichen daher mehr Konsum oder mehr Investitionen oder mehr Exporte. Stellt man die Identität von Entstehung und Verwendung zur BIP-Definition um, ändert sich inhaltlich nichts, aber es resultiert eine Gleichung, deren suggestive Kraft die Protektionisten dieser Welt immer wieder überwältigt (BIP = C + I + Ex - Im).

Die Höhe der heimischen Wirtschaftsleistung hängt jedoch nicht vom Außenbeitrag (Ex – Im) ab, sondern von der Faktorausstattung (Umfang und Struktur des Kapitalstocks, Anzahl und Qualifikation der Arbeitskräfte) und den sonstigen Standortqualitäten (Wissen, Ordnungsrahmen, Steuersystem). Zwar können konjunkturelle Schwankungen auch aus dem Außenhandel herrühren, aber darum geht es der neuen US-Regierung nicht; sie sieht ihr Land vielmehr grundsätzlich (und seit Jahrzehnten) durch Importüberschüsse benachteiligt.

Wirtschaften bedeutet, mit knappen Ressourcen zu disponieren. Ein Importüberschuss impliziert den Zugriff auf die Ersparnisse der übrigen Welt und lockert so die gegenwärtige Knappheit im Austausch gegen eine spätere Gegenleistung. Güterwirtschaftlich bedeutet ein Importüberschuss daher keine Ausbeutung, sondern eine Mehrung der Mittel, mit denen gewirtschaftet werden kann. Das erlaubt entweder mehr heutigen Konsum oder über höhere Investitionen mehr zukünftigen Konsum. Während bei konsumtiver Verwendung unterschiedliche Zeitpräferenzen von Gläubigern und Schuldnern den gegenseitigen Tauschvorteil hervorbringen, lässt sich bei investiver Verwendung die Produktivität der heimischen Arbeitskräfte erhöhen, weil sie mit mehr Kapitalgütern ausgestattet werden, als es die eigene Ersparnis hergibt. Umgekehrt profitieren die Kapitalexporteure von einer höheren Rendite als bei einer Anlage im Inland (andernfalls müssten sie nicht außerhalb nach Anlagegelegenheiten suchen). Beide Seiten stellen sich besser und zwar dadurch, dass die zukünftigen Konsummöglichkeiten durch eine effizientere Ressourcenallokation steigen.

Ein Beispiel: (1) Ein deutsches Automobilunternehmen baut seine Werke in Deutschland aus und kauft hierfür Maschinen von deutschen Zulieferern. Kein Effekt auf den Außenbeitrag. (2) Nun entscheidet sich dasselbe Unternehmen für ein neues Werk in den Vereinigten Staaten, kauft die Maschinen aber weiterhin in Deutschland. Der Außenbeitrag der USA „verschlechtert“ sich (auch hier hat der Sprachgebrauch tiefsitzende merkantilistische Sichtweisen tradiert). Werden die Vereinigten Staaten hierdurch ausgebeutet? Wohl kaum. Allenfalls könnten sich die Arbeitskräfte in Deutschland grämen, dass die höhere Kapitalausstattung, die mit der Produktivität zugleich die Löhne steigen lässt, nun amerikanischen Arbeitskräften zugutekommt. Die Investitionsentscheidung richtet sich in freien Märkten aber nach Renditeaussichten und nicht nach diffusen nationalistisch-kollektivistischen Kriterien.

Was für den hier geschilderten Fall der additiven Direktinvestitionen gilt, trifft prinzipiell auch für jeden anderen Kapitalexport zu. So könnten die deutschen Sparer auch neu emittierte Aktien oder Anleihen eines US-Unternehmens kaufen, das die Mittel nutzt, um damit Ausrüstungsgüter in Deutschland zu kaufen. Oder sie kaufen Wertpapiere von bislang amerikanischen Haltern und verhelfen den Akteuren in den USA auf diese Weise zu höherer Kaufkraft. Die unternehmerische Entscheidung über diese Mittel bleibt dann in amerikanischer Hand, was den neuen Machthabern im Weißen Haus eigentlich gefallen müsste. Wie das Beispiel der Direktinvestition zeigt, ist ein wachsendes Auslandsvermögen der Überschussländer nicht gleichbedeutend mit einer höheren Schuldenlast der Empfängerländer. Das Investitionsrisiko verbleibt im Kapitalexportland. Und selbst im Falle von länger anhaltenden Fremdkapitalflüssen läuft der Schuldner nicht zwangsläufig in die Überschuldung, weil es darauf ankommt, ob dem ein marktfähiger Kapitalstock gegenübersteht. Das ist bei einem Auslandskredit nicht anders als bei der Kreditvergabe im Inland.

Große Teile des internationalen Kapitalverkehrs werden über verschiedene Zwischenstationen vermittelt. So könnte eine in London ansässige Bank Spargelder in Deutschland einsammeln und als Kredit an ein Unternehmen in den USA weiterleiten. Bilaterale Zahlungsbilanzsalden sind daher güter- wie finanzwirtschaftlich wenig aussagekräftig (so sind in den deutschen Ausfuhren in die USA auch Vorleistungen aus anderen Ländern enthalten).

Letztlich lenken Sparneigung und Renditedifferenzen unter Risikoerwägungen die internationalen Kapitalströme und bestimmen so auch die Leistungsbilanzsalden, weil damit Kaufkraft zwischen Wirtschaftsräumen verlagert wird. Güterpreise und Wechselkurse reagieren darauf in der Weise, dass der Güterstrom dem Kapitalstrom folgt. Das, was als „nationale Wettbewerbsfähigkeit“ beschrieben wird, ist im marktwirtschaftlichen Gefüge nur das Symptom der im Kapitalverkehr zum Ausdruck kommenden intertemporalen Güterallokation und niemals die Ursache von Leistungsbilanzsalden. Daher ist auch der Begriff der Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften irreführend. Wettbewerbsfähigkeit ist ein Merkmal von Unternehmen, das sich nicht sinnvoll auf die Ebene von Wirtschaftsräumen übertragen lässt, weil in ökonomischen Systemen auch diejenigen Größen reagieren können, die für ein Unternehmen als Teil des Datenkranzes nicht beeinflussbar sind. Unternehmen, die zu den vom Markt vorgegebenen Absatz- und Beschaffungspreisen keine Gewinne erwirtschaften können, gehen unter. Hingegen verschwinden Volkswirtschaften nicht von der Bildfläche, weil sie neben dem Unternehmenssektor auch den Haushaltssektor umfassen, zwischen denen sich die Faktorpreise so anpassen können, dass bei auftretenden Störungen (Arbeitslosigkeit) die Marktfähigkeit wiederhergestellt wird. Länder mit guten Standortbedingungen erfreuen sich höherer Realeinkommen als solche mit schlechten Standortbedingungen. Am internationalen Handel können trotzdem beide teilnehmen.

All das klingt den Kritikern nach zu viel Harmonie in der Beschreibung der internationalen Arbeitsteilung. Sie wittern stattdessen Kapitalfehllenkung durch unfähige Investoren. Kann es international zu Fehlinvestitionen kommen? Sicher. Genauso, wie eine Investition im Inland scheitern kann. Ob zwischen dem Sparer und dem Investitionsstandort eine Landesgrenze verläuft, ist dabei unerheblich. Entscheidend ist, ob die Spar- und Investitionsentscheidungen unter marktwirtschaftlichen Bedingungen erfolgen. Hierzu gehört, dass die Steuerungssignale (Renditen und Güterpreise) nicht durch staatliche Interventionen verzerrt werden und das Haftungsprinzip gilt. Hinsichtlich der internationalen Zinsdifferenzen kommt den jeweiligen Geldpolitiken eine erhebliche Bedeutung zu. Massive Eingriffe wie die QE-Programme der letzten Jahre haben in den großen Währungsräumen eine Liquiditätsschwemme geschaffen, die auf den Kapitalmärkten nicht ohne Folgen bleiben kann. (In der Europäischen Währungsunion kommen noch erhebliche Verzerrungen hinzu, etwa die künstliche Verringerung der Risikoprämien auf Staatsanleihen durch fiskalische und monetäre Beistandspraktiken. Zudem werden die Notenbanken der Überschussländer im Eurosystem bei Liquiditäts- und Kapitalflucht aus den Krisenländern in die Zahlungsbilanzfinanzierung gezwungen.) All das hat mit marktwirtschaftlicher Kapitallenkung wenig zu tun, sondern ist das Ergebnis eines fragwürdigen Makro-Managements. Es wäre verfehlt, hierauf mit sachfremden Eingriffen an anderer Stelle zu reagieren und so eine Interventionsspirale in Gang zu setzen, die mehr und mehr Felder der Wirtschaftspolitik infiziert. So werden immer wieder Lohnerhöhungen oder staatliche Mehrausgaben in Deutschland gefordert, um den Außenbeitrag zu verringern. Löhne müssen aber auf die Lage an dem Arbeitsmarkt reagieren, auf dem sie gezahlt werden, und nicht auf die in anderen Ländern. Die hiesige Lohnmoderation in den 2000er Jahren war deshalb kein Dumping, sondern eine überfällige Reaktion auf die hohe Arbeitslosigkeit hierzulande. Wird Arbeit in Deutschland knapp, steigen die Löhne infolge marktwirtschaftlicher Mechanismen. Einer wirtschaftspolitischen Intervention bedarf es dazu nicht. Ebenso sachfremd wäre es, die bereits überausgelastete deutsche Volkswirtschaft durch staatliche Konjunkturprogramme noch weiter zu stimulieren, um den Außenbeitrag zu senken. Auch für die Finanzpolitik ist der Saldo im Außenhandel kein sinnvolles Kriterium.

Donald Trump wird mit seiner Wirtschaftspolitik nicht die gewünschten Ergebnisse erzielen. Sollen die amerikanischen Leistungsbilanzdefizite sinken, müssten die Amerikaner entweder mehr sparen (davon redet niemand) oder weniger investieren (die Deregulierungsinitiativen zielen auf das Gegenteil) oder den Staatshaushalt konsolidieren (mit massiven Steuersenkungen und Infrastrukturprogrammen setzt Trump stattdessen auf höhere Defizite). Letztlich werden die Vereinigten Staaten mehr denn je auf Kapitalzuflüsse angewiesen sein, angeregt durch höhere Zinsen und güterwirtschaftlich bewerkstelligt durch einen stärkeren Dollar. Will der US-Präsident dem kurzfristig begegnen, müsste er sich der Zentralbank bemächtigen und eine noch gewaltigere Dollarflut in die Welt spülen. Die dann drohenden Abwertungswettläufe verbunden mit protektionistischen Sanktionsspiralen wären ein Desaster für die Weltwirtschaft. Einer aggressiven Handelspolitik der USA gegenüber der Europäischen Union steht entgegen, dass der transatlantische Wirtschaftsraum nicht nur über Handelsströme, sondern vor allem über gegenseitige Direktinvestitionen eng miteinander verflochten ist. So sind bislang mehr als die Hälfte der Direktinvestitionen US-amerikanischer Unternehmen in die Europäische Union geflossen. Damit würde eine Schwächung der Wirtschaftsentwicklung in Europa durch protektionistische Maßnahmen auch vitale ökonomische Interessen in den USA berühren, die daraufhin ihren politischen Einfluss geltend machen werden. Von daher könnten mit dem Kapitalverkehr gerade diejenigen Wirkungskanäle mäßigend auf die US-Außenhandelspolitik wirken, die seitens der dortigen Entscheidungsträger bislang am wenigsten beachtet wurden.

(Leicht veränderte Fassung eines Gastkommentars, der am 7. August unter dem Titel „Grundkurs zur Leistungsbilanz“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen ist.)

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ifw_fokus.jpg © Stephen Coburn - Fotolia.com

*In der Reihe IfW-Fokus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autoren selbst verantwortlich sind. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.

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