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IfW Fokus 134

11. Februar 2013 
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Fristenverbund und Langzeitfolgen: Über die Krise hinausdenken*

von Stefan Kooths

 

Wirtschaftskrisen sind schwere Zeiten. Bisherige Pläne erweisen sich plötzlich als undurchführbar, nahezu über Nacht werden Vermögenspositionen neu bewertet und Existenzen bedroht. Die sozialen Begleiterscheinungen können bedrückend sein. Dies gilt umso mehr, als die negativen Folgen in der Gesellschaft nicht gleichförmig auftreten. Insbesondere werden typischerweise nicht diejenigen am stärksten belastet, die die Krise zu verantworten haben. Extreme soziale Spannungen bleiben dann kaum aus.

Gleichwohl sind die Anpassungsprozesse, die in Krisenzeiten in Gang gesetzt werden, unverzichtbar. Sie dienen bei allen Verwerfungen auch der notwendigen Korrektur vergangener Fehlentwicklungen. Die Krise erfüllt damit eine wichtige volkswirtschaftliche Funktion. Sie ist als solche nicht einfach als zufälliges Ungemach oder finanzwirtschaftliche Eskapade – etwa im Zuge eines irrationalen Vertrauensschwunds – über die Welt gekommen. Die Krise als „Schock“ aufzufassen, wäre daher ein krasses Missverständnis des zugrunde liegenden ökonomischen Problems.

Die Interpretation der Krise ist maßgeblich dafür, ob die zu ihrer Bewältigung ergriffenen Maßnahmen eher nutzen oder schaden. Die größte Gefahr besteht dabei in der abrupten Überhöhung des Kurzfristdenkens – sowohl hinsichtlich der ökonomischen Analyse als auch in Bezug auf die wirtschaftspolitischen Rezepte. Die unter dem Eindruck der Krise schlagartig Überhand gewinnende Bedeutung der kurzen Frist verengt den wahrgenommenen Zeitstrahl in beiden Richtungen: Man schaut für die Diagnose nicht weit genug zurück und für die Folgenabschätzung der Therapiealternativen nicht weit genug nach vorn. Ein lapidarer Hinweis auf alles Endliche („In the long run we are all dead“) wäre nicht nur eine intellektuelle Bankrotterklärung, eine solche Haltung kann in ihren Wirkungen auch niemals sozial sein.

Die Verläufe der jüngsten Weltfinanz- und Euro-Schuldenkrisen weisen alle Merkmale auf, die vor allem die Theoretiker der Austrian Economics (allen voran Ludwig v. Mises) in ihren Mustervorhersagen zur Wirtschaftsentwicklung identifiziert haben. Demnach ist die Ursache einer Wirtschaftskrise am Beginn des ihr vorangehenden Aufschwungs und dort im monetären Bereich zu verorten. Kommt es zu einer übermäßigen Kreditexpansion durch Kreditschöpfung (werden also mehr Kredite ausgereicht als an anderer Stelle Ersparnisse gebildet werden), so befeuert das dadurch künstlich herabgedrückte Zinsniveau Investitionsentscheidungen, die ohne diese Kreditexpansion unterblieben wären. Im Ergebnis kommt es zu Fehlinvestitionen in großem Stil. Je länger der künstlich gespeiste Aufschwung anhält, desto größer wird das Ausmaß der Kapitalstockverzerrung. Diese Fehlentwicklung lässt sich bei rein makroökonomischer Betrachtung nur ungenügend erfassen: Es sind nicht nur der Höhe nach zu viele Investitionen getätigt worden, sondern sie sind auch in Bereichen erfolgt, die sich als nicht nachhaltig erweisen und heute an anderer Stelle fehlen. Nach dem Aufschwung sind daher nicht nur Investitionsruinen zu beklagen, sondern auch Kapitalmangelerscheinungen. So wäre Spanien heute wohl froh, wenn in der Vergangenheit weniger Wohnimmobilien und dafür mehr Industrieanlagen errichtet worden wären. Länder mit einem kreditfinanzierten Konsumboom spüren in der Krise, was die damit einhergehende Erosion ihres Kapitalstocks für ihren Wohlstand bedeutet. Die durch die Kreditexpansion angestoßene Fehlleitung knapper Ressourcen pflanzt sich nahezu durch das gesamte Wirtschaftsgetriebe über zahllose Lieferverflechtungen fort. Nicht nur das Zinsniveau, das gesamte Preisgefüge wird während des künstlichen Aufschwungs massiv verzerrt. Hiervon werden auch die Arbeitsmärkte erfasst. Im Zuge eines Baubooms werden typischerweise mehr Bauarbeiter als Softwareingenieure ausgebildet. In dem Maße, wie heute das komplementäre Sach- und Humankapital für marktfähige Produkte fehlt, ist auch das bestehende Lohnniveau nicht mehr zu halten. Wird es nicht angepasst, entsteht Arbeitslosigkeit.

Die Betroffenen können das kaum als fair empfinden – weder ihre formale Qualifikation, noch ihre Leistungsbereitschaft haben sich ja durch die Krise geändert, sondern „nur“ die über den Markt anonym ermittelte Wertschätzung für das, was sie mit der gegebenen Kapitalausstattung für andere leisten können. Genau auf diese Bewertung kommt es aber in einer marktwirtschaftlichen Ordnung an. Dies gilt für die unmittelbaren Krisenbranchen, aber auch für alle hiervon direkt und indirekt abhängigen Bereiche, weil die „Demokratie des Marktes“ (Röpke) die Bedürfnisse jedes Einzelnen mit seinem Einkommen (= Wertschätzung der eigenen Leistungen durch andere) gewichtet, bevor sie als Nachfrage am Markt wirksam werden. Kann ein ehemaliger Bauarbeiter nur noch ein deutlich niedrigeres Einkommen erwirtschaften, so wird auch die Leistung seines Friseurs weniger wert. Sowenig die Preise für Haarschnitte vor der Krise „objektiv“ gerechtfertigt waren, so wenig sind sie in der Krise „objektiv“ zu niedrig. In einer marktwirtschaftlichen Ordnung kann nur die über unzählige Tauschakte vermittelte subjektive Wertschätzung durch andere die Grundlage jeder Bewertung sein.

Das Tückische an der Fehlentwicklung im Aufschwung ist zweierlei: Zum einen wird ein Aufschwung in der Regel niemals als Problem, sondern im Gegenteil immer als wirtschaftlicher Erfolg wahrgenommen. Die Entscheidungsträger – auf unternehmerischer, auf finanzwirtschaftlicher und auf politischer Ebene – fühlen sich zunächst bestätigt: es geht aufwärts und das sogar schneller als im langfristigen Mittel. Zum anderen kann man einem konkreten Investitionsvorhaben im Voraus nicht ansehen, ob es Teil der Übertreibungen ist. Bekannt ist nur, dass im Umfeld einer übermäßigen Kreditexpansion insgesamt eine massive Fehlverwendung knappen Sparkapitals angelegt ist. Auch kann man nicht exakt voraussagen, wann eine Kreditblase platzt. Nur dass sie nicht ewig fortdauern kann, ist sicher.

Sobald sich die Fehlinvestitionen der Vergangenheit als solche herausstellen, beginnt die Krise. Diese wirkt in mehrfacher Hinsicht ernüchternd:

Erstens wird deutlich, dass die bisherigen Produktionsmöglichkeiten überschätzt wurden. Teile des Sach- und Humankapitalbestandes können die an sie ursprünglich gerichteten Renditeerwartungen nicht erfüllen, weil sie auf die Herstellung von Produkten ausgerichtet wurden, die nicht wie erwartet marktfähig sind. Zwar könnte man mit ihnen die erwarteten Mengen in der Regel produzieren, diese lassen sich aber nicht zu den ursprünglich kalkulierten Preisen am Markt absetzen. Man mag dies bedauern, ändern kann man es nicht. In „realer“ Rechnung erscheint daher das „Produktionspotenzial“ rein rechnerisch höher als das, was unter marktwirtschaftlichen Bedingungen umgesetzt werden kann. Dieses zentrale Strukturproblem hinsichtlich der Kapitalausstattung kann von Schätzverfahren für das Produktionspotenzial, denen das Konzept einer gesamtwirtschaftlichen Produktionsfunktion zugrunde liegt, nicht erfasst werden. Dort geht nur ein aggregierter Kapitalstock ein, unabhängig davon, ob seine Bestandteile noch für die Produktion marktfähiger Produkte eingesetzt werden können. Die durch ein so konstruiertes Potenzial ausgewiesenen Produktionsmöglichkeiten sind in Krisenzeiten fiktiv und überzeichnen die tatsächliche Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft. Eine auf dieser Basis bestimmte „Unterauslastung“ gibt dann systematisch falsche wirtschaftspolitische Signale.

Zweitens erfasst die Kapitalstockkrise den Finanzsektor, weil die Wertpapiere (verbriefte Zahlungsversprechen wie Kredite, Anleihen, Aktien), mit denen die realwirtschaftlichen Investitionen finanziert worden sind, niedriger bewertet werden müssen oder ganz ausfallen. Dies belastet insbesondere die Bilanzen der Geschäftsbanken, die typischerweise einen beträchtlichen Teil des Bewertungsrisikos übernommen haben. In ihrer derzeitigen Doppelrolle als Kreditvermittler und Geldschöpfer gerät damit die Herzkammer der Marktwirtschaft in den Strudel der Anpassungskrise. Weil zuvor im Aufschwung Kreditgeld aus dem Nichts geschöpft wurde, folgt im Zuge der Bereinigungskrise der umgekehrte Prozess. Marktwirtschaftliche Entschuldungsprozesse würden durch Schuldner- und Bankeninsolvenzen das zuvor übermäßig geschaffene Geld wieder vernichten. In einem Teildeckungssystem drohen dann Kettenreaktionen, bei denen die Zahlungssysteme insgesamt ins Wanken geraten – mit erheblichen Schäden für die Gesamtwirtschaft.

Drittens ergeben sich für den Staat gravierende Belastungen. Nicht nur zehren die unmittelbaren Folgen der rückläufigen wirtschaftlichen Aktivität am Budget, sondern die Größe des Staatssektors muss ebenfalls an das nunmehr niedrigere gesamtwirtschaftliche Potenzial angepasst werden. Die herabgesetzte Leistungsfähigkeit beeinträchtigt auch die Steuerbasis und lässt die Staatsverschuldung als weniger tragfähig erscheinen. Erschwerend kommt hinzu, dass bei der Abwehr von Bankenzusammenbrüchen zum Schutz der Geldkreisläufe unter dem jetzigen monetären Regime oftmals schlechte Finanzaktiva zu überhöhten Wertansätzen sozialisiert werden.

Während die zu kurze Rückschau bei der Diagnose die Krisenursache übersieht, führt die Missachtung des Fristenverbundes (lange Frist als Summe vieler kurzer Fristen) bei den Therapievorschlägen zu Widersprüchen – bis hin zur analytischen Schizophrenie. Dies wird nirgends deutlicher als in dem vermeintlichen Befund, dass neue Schulden gesamtwirtschaftlich richtig und alte Schulden schlecht seien. Neue Schulden seien richtig, weil sie das in der Krise dringend notwendige „deficit spending“ ermöglichten. Alte Schulden seien schlecht, weil sie den künftigen Handlungsspielraum einengen und – bei aufkommenden Solvenzzweifeln – gar die Finanzmarktstabilität gefährden. Leider werden die neuen Schulden von heute schon morgen zu Altschulden geworden sein. Unabhängig von dieser banalen aber dennoch oftmals ignorierten Strom-Bestands-Logik verstellt das staatliche „deficit spending“ den Blick auf eine krisenadäquate Therapie. Die Volkswirtschaft leidet nicht an zu viel Ersparnis, sondern an einem Kapitalmangel. Es muss also darum gehen, den Kapitalstock wieder auf die Produktion marktfähiger Güter hin auszurichten. Dies kann nur durch unternehmerische Aktivität herbeigeführt werden. Wie die zukünftige Produktionsstruktur aussehen muss, weiß heute niemand. Die Wirtschaftspolitik kann die notwendigen marktwirtschaftlichen Such- und Anpassungsprozesse unterstützen, sie kann sie aber niemals ersetzen, weil sie das hierbei auftretende Informationsproblem nicht lösen kann.

Expansive Fiskalpolitik nimmt für sich in Anspruch, nur die „wegbrechende“ private Nachfrage auszugleichen. Erweist sich aber der Kapitalstock als überschätzt, so fällt ein Land auf ein geringeres Einkommensniveau zurück, indem die bisherige Vermögens- und Einkommensillusion korrigiert wird. Das ist dann keine konjunkturelle Delle, sondern ein struktureller Niveaueffekt. Dem kann nicht mit einer höheren „aggregierten Nachfrage“ abgeholfen werden, wenn hierzu die produktionsseitige Grundlage fehlt. Wollte man die bestehenden Kapazitäten ausschöpfen, wären gerade diejenigen Bereiche zu fördern, die sich als überdimensioniert herausgestellt haben (im Falle Spaniens müsste man dann ein staatliches Wohnungsbauprogramm auflegen). In dem Maße, wie dadurch Anpassungsprozesse hinausgezögert werden (hierzu gehört auch die Wanderung der Arbeitskräfte von der alten in neue Beschäftigung), bleibt die Volkswirtschaft länger auf einem niedrigeren Einkommensniveau, als es sonst möglich wäre. Für dieses Problem ist die keynesianische Multiplikatoranalyse von ihrer Konzeption her blind. Bei der Diagnose von Ausgaberückgängen ist daher Vorsicht geboten. Einkommensmultiplikatoren unterstellen, dass kein Strukturproblem auf der Entstehungsseite einer Volkswirtschaft vorliegt, sondern dass mit den heutigen Produktionsstrukturen jeder beliebige Verwendungsvektor bedient werden kann. Dass dies gerade nicht der Fall ist, ist der Grund für die Krise.

Dass kurzfristig eine andere ökonomische Logik gelten soll als langfristig, kann sich unversehens als gravierende Fehleinschätzung erweisen. Denn der Weg von der kurzen zur langen Frist kann schneller als gedacht beschritten werden. Die für Krisensituationen typische Konzentration auf die kurze Frist verkennt, dass die Krisenländer schlagartig mit den Bedingungen der langen Frist konfrontiert werden. Dies gilt insbesondere für die Lage der Staatshaushalte. Langfristig sehen sich alle am Wirtschaftsprozess Beteiligten einer harten Budgetrestriktion gegenüber. Diese gilt normalerweise nur intertemporal, sie kann also über den Kapitalmarkt auf der Zeitachse gestaltet werden. Verliert ein Land jedoch den Zugang zum Kapitalmarkt, weil die Gläubiger eine vertragsgemäße Erfüllung der dort eingegangenen Verpflichtungen der Schuldner nicht mehr für ausreichend wahrscheinlich halten, tritt die Budgetrestriktion mit aller Härte bereits heute in Erscheinung. Die Länder finden sich dann im Zuge einer Staatsschuldenkrise schlagartig in der ökonomischen Realität der langen Frist wieder: Es kann nicht mehr ausgegeben werden als man einnimmt. Die Regeln des Kapitalmarktes sind für alle gleich. Es gibt dort keinen Anlass für eine Vorzugsbehandlung von Regierungen. Diese haben mit der Besteuerungshoheit ein (durch die Parlamente demokratisch kontrolliertes) Zwangsinstrument zur Deckung ihrer Ausgaben zur Verfügung – würde man ihnen auch einen Zwangszugriff am Kapitalmarkt einräumen, wäre die staatliche Budgetrestriktion außer Kraft gesetzt. Wirtschaftliches Handeln wäre unter diesen Bedingungen überhaupt nicht möglich. Die Rationierung durch die Anleger ist daher eine ökonomisch sinnvolle Restriktion, sie hat mit „ungebührlicher Bestrafung durch die Kapitalmärkte“ oder gar mit „bösartiger Spekulation“ nichts zu tun.

Ein typischer Reflex der Wirtschaftspolitik besteht darin, in Zeiten einer Verschuldungskrise die Zentralbank in die „Pflicht“ zu nehmen und diese zu drängen, den Geldhahn aufzudrehen. Eine übermäßige Liquiditätsversorgung stand aber gerade am Beginn der Kette von Fehlentwicklungen, deren Folgen heute beklagt werden. Mit dem Mittel der abermaligen Kreditexpansion lindert man nicht die Krise von heute, sondern legt den Grundstein für die Krise von morgen oder übermorgen. Wer glaubt, über eine ultrapermissive Geldpolitik den Staat vor Überschuldung zu bewahren, läuft Gefahr, die Staatsschuldenkrise durch eine noch schlimmere Währungskrise zu ersetzen. Die sich über Jahre aufgebaute Kapitalstockverzerrung ist realwirtschaftlicher, nicht monetärer Natur. Sie lässt sich daher auch nicht mit geldpolitischen Manövern aus der Welt schaffen.

Oftmals wird angeführt, dass Bankenzusammenbrüche „um jeden Preis“ vermieden werden müssten und entsprechende Stützungsmaßnahmen „alternativlos“ seien. Mit diesen Kategorien verlässt man jedoch den Bereich der ökonomischen Analyse als Wissenschaft vom menschlichen Handeln (wo es keine Alternativen gibt, kann im praxeologischen Sinne überhaupt nicht gehandelt werden). Tatsächlich erfüllen Insolvenzen in einer Marktwirtschaft eine wichtige Funktion: Sie verhindern, dass Unternehmen dauerhaft mehr Werte vernichten als sie für andere bereitstellen. Diese Korrekturfunktion muss insbesondere für Banken gelten, beeinflussen sie doch als „Torwächter der Verkehrswirtschaft“ (Schumpeter) in hohem Maße, in welche Verwendung das knappe Sparkapital einer Volkswirtschaft fließt. Dass man in Krisenzeiten meint, das Haftungsprinzip im Finanzsektor außer Kraft setzen zu müssen, sollte allen Beteiligten vor Augen führen, dass an der Geldordnung und dem darauf aufbauenden Kreditwesen grundlegender Korrekturbedarf besteht. Solange es systemrelevante Banken gibt, stimmt etwas nicht mit dem System. Eine Wirtschaftsordnung, deren wichtigster Grundpfeiler im Ernstfall außer Kraft gesetzt wird, ist keine. Dieser Befund wird auch nicht dadurch erträglicher, dass nicht die Rettung der Banken als solche, sondern die Aufrechterhaltung der Zahlungssysteme das Ziel der massiven Stabilisierungsmaßnahmen für den Finanzsektor sein soll. Dies weist vielmehr auf den Kern des Problems hin, nämlich die Schaffung von Liquidität in großem Stil, die im Falle einer Bereinigungskrise vernichtet zu werden droht. Wenn es auch im Finanzwesen rein marktwirtschaftlich zuginge, würden diese übermäßigen Liquiditätsbestände erst gar nicht entstehen können. Damit erübrigte sich dann auch die als kurzfristiger Reflex zur Kriseneindämmung angetretene Flucht in eine noch engmaschigere Regulierung. Solange Geld via Kreditschöpfung aus dem Nichts entstehen kann (diese Möglichkeit beruht nicht auf marktwirtschaftlichen Mechanismen, sondern auf einem staatlichen Privileg), kann es auch jederzeit wieder ins Nichts verschwinden. Jeder Versuch, die damit drohenden Verwerfungen auf dem Regulierungswege einzuhegen, dürfte die Möglichkeiten der Regulatoren zu allen Zeiten überfordern.

Fazit: Während sich in marktwirtschaftlichen Systemen vergangene Fehlentwicklungen durch Krisen korrigieren, leisten sie im ökonomischen Denken nicht selten neuen Irrtümern Vorschub. Alle Aufmerksamkeit richtet sich in der Krise plötzlich auf ihre gravierendsten Symptome und alle Therapievorschläge sollen für ihre möglichst schnelle Überwindung sorgen. Was sich über Jahre hinweg an morschen Strukturen aufgebaut hat, soll nun in Windeseile aus der Welt geschafft werden. Wie durch Scheuklappen engt sich der Blick für die Zusammenhänge in der Zeitschiene auf das akute „Jetzt“ ein. Die tiefen Ursachen, die zu den nunmehr zu korrigierenden Folgen der vorangegangenen Fehlentwicklungen geführt haben, geraten aus dem Blickfeld. Es werden dann zuweilen Modelle in Stellung gebracht, die zwar das Zustandekommen der Krise in keiner Weise erklären können, gleichwohl erhofft man sich von ihnen die Lösung derselben. Dies führt dann nicht selten dazu, dass zur Bekämpfung der Krise gerade diejenigen Maßnahmen empfohlen werden, deren mehrjährige Anwendung geradewegs in die Krise geführt hatte. Der notwendige ordnungsökonomische Umbau im Geld- und Kreditwesen hingegen bleibt auf der Strecke. Die in der Krise liegende Chance wird so leichtfertig vertan. Kriseneindämmung über die Notenpresse kauft keine Zeit, sondern kostet Zeit. Auch ein Patient wird die bittere Medizin verweigern, sobald er sich wieder gesund fühlt.

(Leicht überarbeitete Version eines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 01. Februar 2013 unter dem Titel „Wirtschaftspolitik mit Weitwinkel“.)

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*In der Reihe IfW-Fokus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autoren selbst verantwortlich sind. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.

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