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IfW Fokus 123

27. August 2012
Stefan Kooths

 

Mehr Technokratie wagen?*

Zum jüngsten Bericht an den Club of Rome

von Dr. Stefan Kooths  

 

Mehr Technokratie wagen? Zum jüngsten Bericht an den Club of Rome

Jorgen Randers legt 40 Jahre nach Erscheinen der „Grenzen des Wachstums“ eine Weltprognose für die nächsten vier Jahrzehnte vor („2052: Eine globale Vorhersage für die nächsten 40 Jahre“). Der Zeitraum ist willkürlich, aber bewusst gewählt – er soll das Jubiläum des ersten Berichts an den Club of Rome würdigen, an dem Randers schon als junger Mann mitgewirkt hatte. Wer zunächst eine kritische Auseinandersetzung mit früheren Arbeiten im Kontrast zu den weltwirtschaftlichen Erfahrungen seit 1972 erwartet, wird allerdings enttäuscht. Der Bericht schaut nach vorne, nicht zurück.

Der Club of Rome bleibt seiner Mahnerrolle treu, nur der Fokus ist neu. Waren es vor 40 Jahren unüberwindliche Ressourcenengpässe (Öl, Metalle), so stößt die Weltwirtschaft nunmehr an die Grenzen der ökologischen Tragfähigkeit. Die Folgen der globalen Erwärmung sind das alles beherrschende Thema des Berichts. Die Bedeutung dieser Materie werden die wenigsten bestreiten wollen. Allerdings kommt Randers mit seiner Analyse zu abenteuerlichen Schlussfolgerungen.

Als Kern des Klimaproblems wird in der Club-Analyse das Kurzfristdenken ausgemacht, dem demokratische Regierungs- und kapitalistische Wirtschaftsformen per se verhaftet seien. Das liest sich dann so: Da beide unfähig sind, der absehbaren Übernutzung der Natur vorzubeugen, läuft die Welt ohne Not in eine Nachhaltigkeitsfalle hinein. Die natürlichen Lebensgrundlagen werden überstrapaziert und dies erfordert später umso größere Reparaturaufwendungen. Der damit einhergehende Konsumverzicht übertrifft die heutigen Vermeidungskosten um ein Vielfaches. Es gibt kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Abhilfe schaffen autoritäre Regime, die mit Staatseingriffen die richtigen Entscheidungen zügig durchsetzen. China dient in allen Belangen als Vorbild. Nützlich für das Wohlergehen der Welt sind zudem Menschen, die weniger Wert auf individuelle Freiheit legen und eher bereit sind, sich zum Wohle des Kollektivs und zukünftiger Generationen staatlichem Zwang zu unterwerfen. Märkte spielen eine Nebenrolle. Diese hatten genug Zeit, die Probleme der Welt zu lösen. Haben sie aber nicht. Also muss sich nun der Staat all dessen annehmen, was liegen geblieben ist. Soweit – komprimiert, aber nicht überspitzt – die Sicht des Berichts an den Club of Rome.

Es ist erstaunlich, in welch krassem Maße Randers die Möglichkeiten der sozialen Planung überschätzt und die Bedeutung marktwirtschaftlicher Koordination verkennt. Hätte er die Erdatmosphäre klar als globale Allmende identifiziert, so wäre er zu anderen Ergebnissen gekommen. Nicht die vermeintliche Kurzsichtigkeit der Akteure, sondern fehlende Verfügungsrechte (z.B. für CO2-Emissionen) hindern Märkte daran, relevante Knappheiten in adäquate Preissignale umzusetzen. Wo andere von der Nutzung nicht ausgeschlossen werden, droht Trittbrettfahrertum. Vor demselben Problem stünden auch 180 weise Diktatoren, selbst wenn diese für ihr Land nur das Beste wollten. Einen Vorschlag für die Schaffung von Verfügungsrechten im internationalen Kontext bleibt der Bericht schuldig. Gäbe es sie, könnte sich über den Marktmechanismus die jeweils günstigste Vermeidungsvariante herausschälen, indem sich relative Preise ständig an geänderte Technologien und Präferenzen anpassen.

Die vermeintliche Unvernunft von Marktergebnissen wird in dem Bericht noch dadurch überhöht, dass Zins und Zeitpräferenz komplett ausgeblendet werden. Güter haben somit denselben Wert, egal wann sie zur Verfügung stehen. Ob schon heute oder erst in hundert Jahren spielt keine Rolle. Wer demnächst einen Kredit braucht, sollte sich an den Club of Rome wenden.

Die größten sozialen Desaster beginnen mit der Überzeugung, es gäbe kein Erkenntnisproblem. Wer Ziel und Richtung kennt (ideale Konsum- und Produktionswerte), braucht keine Hinweisschilder (Preise). Der Bericht pflegt einen Szientismus, wie man ihn eigentlich schon für überwunden hielt. Bei der Wahl der Mittel geht es daher nicht zimperlich zu. Dass es auch Staatsversagen geben könnte, ist dem Autor einen lapidaren Halbsatz wert, aus dem nichts folgt. Gesellschaften werden als deterministische Gebilde aufgefasst. Wettbewerbsprozesse als Entdeckungsverfahren für neues Wissen führen bei dieser Weltsicht ein Schattendasein.

Die Prognose enthält auch auf der technischen Ebene manche Ungereimtheit. So leitet sich das rückläufige Produktivitätswachstum aus einer Trendextrapolation über die letzten 40 Jahre ab. Kauft man diesen schlichten Ansatz und wendet ihn in zehn Jahren erneut an, so wird man dann auf einen steigenden Trend stoßen, sofern die Prognose bis dahin eintrifft. Die Begründung für die Produktivitätsschwäche („Reifung“ der Volkswirtschaften) überzeugt nicht, sie ist viel zu sehr in der Gegenwart verhaftet. Naturgemäß ist die nächste Basisinnovation unbekannt, aber man muss bei einer Epochenprognose zumindest eine Erörterung dieser Problematik bieten. Diese fehlt gänzlich, ebenso wie die Rolle von unternehmerischer Kreativität auf keiner der fast 400 Seiten vorkommt.

Beschäftigung und Produktion drehen sich im Laufe der Analyse im Kreis; mal beschränkt das rückläufige Arbeitskräfteangebot das Wachstum, mal sorgt die schwache Produktion für zu wenig Arbeitsnachfrage. Gesundheitsleistungen verbessern sich unabhängig von der ökonomischen Aktivität. Gerade hier hätte man eine der ansonsten prominent platzierten Feedback-Schleifen erwartet. Wie auch immer, die Lebenserwartung bleibt aufwärts gerichtet, das Renteneintrittsalter nicht.

Für die Einkommensverteilung gilt der Grundsatz: je gleicher, desto produktiver. Ungleichheiten verschärfen Konflikte und diese drücken auf die Produktivität. Weniger lineares Denken wäre hier mehr gewesen. Und heute schon wissen zu wollen, dass die Staatsquote in den nächsten 40 Jahren steigen muss, mag man ebenfalls für anmaßend halten. Dass diese dann einfach über die Notenpresse finanziert werden soll, wird wohl auf noch mehr Skepsis stoßen. Ökonomische Stabilität sieht anders aus.

Der Bericht hätte ein wichtiger Beitrag zur Nachhaltigkeitsdebatte sein können. Mit seinem Abgesang auf Demokratie und Marktwirtschaft verstellt er aber den Blick auf das Wesentliche. Hier wurde eine Gelegenheit verpasst.

(Leicht überarbeitete Version eines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 4. Juni 2012 unter dem Titel „Zerrbild der Zukunft“.)

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ifw_fokus.jpg © Stephen Coburn - Fotolia.com

*In der Reihe IfW-Fokus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autoren selbst verantwortlich sind. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.

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