Wirtschaftspolitischer Beitrag

Duale Berufsausbildung zukunftsfähig machen

Kiel Focus

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Die Qualität der viel gelobten Dualen Ausbildung in Deutschland droht zu erodieren. Ausbildungsordnungen sind veraltet, weil sie zu viel Rücksicht auf technologisch rückständige Ausbildungsbetriebe nehmen. Höchste Zeit, dass die Berufsausbildung modernisiert und um Module der überbetrieblichen Ausbildung ergänzt wird, die allen Auszubildenden Zugang zu den aktuellen Technologien in ihren Berufen bietet.

Mit Blick in die Vergangenheit erhält das deutsche System der Dualen Berufsausbildung von der OECD in ihrem jüngsten Bericht „Bildung auf einen Blick 2020“ einmal mehr gute Noten. Mit Blick in die Zukunft ist in diesem System allerdings ein Paradigmenwechsel nötig: Die Ausbildungsinhalte sollten sich nicht weiter an technologischen Nachzüglern unter den Ausbildungsbetrieben orientieren, sondern am aktuellen Stand der Technologie in den jeweiligen Berufen. Dieser Paradigmenwechsel erfordert zudem die verpflichtende Teilnahme von Auszubildenden an vorzugsweise überbetrieblichen Maßnahmen, die ihnen die Kenntnisse und Fertigkeiten im Umgang mit den neuen Technologien in ihrem Beruf vermitteln. Ohne einen solchen Paradigmenwechsel droht die bisher hohe Qualität der Dualen Berufsausbildung in Deutschland zu erodieren, was den Fachkräftemangel eher verschärfen dürfte.

Vorteil der Praxisnähe kann zu Nachteil werden

Die OECD weist zu Recht darauf hin, dass die Kombination von betrieblicher und schulischer Ausbildung geeignet ist, jungen Menschen den Einstieg ins Berufsleben zu erleichtern und ihnen neben praktischen Fertigkeiten auch theoretisches Hintergrundwissen zu vermitteln. Verschiedene wissenschaftliche Studien kommen allerdings zu dem Ergebnis, dass sich diese anfänglichen Vorteile der praxisorientierten betrieblichen Ausbildung gegenüber der stärker theoretisch orientierten schulischen Ausbildung im Laufe des Berufslebens in einen Nachteil verkehren: Die Beschäftigungs- und Einkommensperspektiven verschlechtern sich auf längere Sicht. Die OECD bestätigt auch dies in ihrem Bericht. Ein wesentlicher Grund für diese schleichende Erosion der Beschäftigungs- und Einkommensperspektiven ist, dass sich vornehmlich praktisch ausgebildete Fachkräfte oft weniger leicht an veränderte Arbeitsprozesse und Arbeitsaufgaben anpassen können als theoretisch ausgebildete Fachkräfte. Die schulische Ausbildung fördert in besonderer Weise die Fähigkeit zum abstrakten Denken und Lernen und vermittelt generelle und berufsspezifische Kenntnisse, die über die im Ausbildungsbetrieb erlernten Fähigkeiten und Kenntnisse hinausgehen. Diese Fähigkeiten sind derzeit besonders wichtig, um die Herausforderungen des raschen digitalen Wandels der Arbeitswelt zu meistern.

Aber wie sollen gegenwärtig Auszubildende in kleinen, technologisch rückständigen Ausbildungsbetrieben lernen, mit modernen Technologien umzugehen, die in größeren, technologisch fortschrittlicheren Betrieben bereits gang und gäbe sind, etwa 3D-Druck, Bauwerksdatenmodellierungs-Software, digital vernetzte Produktionssysteme (Industrie 4.0) oder kundengerechte „Smart Home“-Pakete? Die Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten im Umgang mit diesen neuen Technologien wird nicht etwa für alle Auszubildenden verpflichtend in den Ausbildungsordnungen für die Berufe vorgeschrieben. Mit Rücksicht auf technologisch rückständige Ausbildungsbetriebe werden die Ausbildungsordnungen stattdessen um freiwillige Wahl- oder Zusatzqualifikationen ergänzt. Das deutsche System schafft damit gegenwärtig eine Mehr-Klassen-Gesellschaft unter den Auszubildenden: Auszubildende in fortschrittlichen Betrieben haben die Möglichkeit, Qualifikationen im Umgang mit den neuen Technologien zu erwerben, während diese Möglichkeit Auszubildenden in rückständigen Betrieben häufig verwehrt bleibt.

Überbetriebliche Ausbildung lässt Lücken

Natürlich kann der Umgang mit modernen Technologien auch nach der Ausbildung noch im Rahmen von Weiterbildungsmaßnahmen erlernt werden. Aber was ist eine Berufsausbildung wert, die zunehmend veraltete Arbeitsprozesse und Arbeitsaufgaben vermittelt, die Auszubildenden aber nur unzureichend auf die künftigen Herausforderungen in ihrem Beruf vorbereitet?

Statt die Ausbildungsordnungen zu aktualisieren, versucht die Bundesregierung, die technologischen Lücken in der Berufsausbildung mit dem Sonderprogramm „ÜBS-Digitalisierung“ zu verkleinern. Finanzielle Zuschüsse sollen überbetriebliche Berufsbildungsstätten in die Lage versetzen, Auszubildenden den Umgang mit digitalen Technologien in ihren Berufen zu vermitteln. Die grundlegende Idee dieses Programms ist richtig und notwendig: Defizite technologisch rückständiger Ausbildungsbetriebe sollen durch ergänzende überbetriebliche Ausbildungsmodule geschlossen werden. Allerdings ist derzeit weder eine flächendeckende Versorgung mit derartigen überbetrieblichen Ausbildungsmodulen absehbar noch eine verpflichtende Teilnahme. Von daher kann jungen Menschen vorerst nur geraten werden, vor dem Abschluss eines Ausbildungsvertrags sehr genau zu prüfen, ob der Ausbildungsbetrieb tatsächlich in der Lage ist, ihnen die Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vermitteln, die sie in absehbarer Zukunft in ihrem Beruf benötigen werden.


Coverfoto: Aan Kootstra on Flickr

In der Reihe Kiel Focus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autorinnen und Autoren alleine verantwortlich zeichnen. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.