Wirtschaftspolitischer Beitrag

China braucht Hongkong - und kann deshalb nicht intervenieren

Kiel Focus

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Eine militärische Intervention Chinas in Hongkong hätte schwerwiegende Konsequenzen für die Wirtschaft des Landes zur Folge. Ohne einen freien Finanzplatz Hongkong würde der Yuan stark an Wert verlieren und der Schuldendienst chinesischer Unternehmen würde sich erheblich verteuern.

Die politischen Proteste in der Wirtschaftssonderzone Hongkong stellen Chinas Führung vor ein Dilemma. Greift sie nicht ein, muss sie aus ihrer Sicht befürchten, dass die Prämisse für Hongkongs eigene Identität „Ein Land – zwei Systeme“ erodiert und daraus „Zwei Länder – zwei Systeme“ werden. Eine Top-down-Führung unter der Herrschaft der Partei und eine Bottom-up-Demokratiebewegung passen in einem Land grundsätzlich nicht zusammen, aber jetzt driften sie mehr denn je auseinander.

Greift Peking ein, gefährdet es die zweite Prämisse: zwei politische Systeme, zwei Finanzsysteme. Die Freiheit des Finanzmarktes ist der Aktivposten, der Hongkong verblieben ist. Als Produktionszentrum für den Industriegüterbereich ist Hongkong längst der Rang von anderen Agglomerationen in Südostasien und in China abgelaufen worden, darunter auch die des Perlflusses um Guangzhou, in die es integriert ist.

Als Zentrum der Digitalwirtschaft ist das benachbarte Shenzhen wichtiger. Dort haben wichtige Unternehmen der IT- und Logistikbranche ihren Hauptsitz ebenso wie Forschungszentren für künstliche Intelligenz. Der Hongkonger Flughafen verliert an Bedeutung, weil es bereits mehrere internationale Drehkreuze im Luftverkehr in China gibt und weil die Visabestimmungen für Stop-over-Reisende kontinuierlich gelockert werden.

Als Finanzmarktzentrum aber hat Hongkong noch ein Alleinstellungsmerkmal. Die Betonung liegt auf „noch“. Chinas Finanzmarkt ist im Gegensatz zum Gütermarkt noch durch Restriktionen abgeschottet, auch wenn der Standort Schanghai mit seiner Freizone für Finanzdienstleistungen, etwa für Yuan-offshore-Konten, auch deshalb zu einem Konkurrenten für Hongkong herangewachsen ist, weil er die Verbundvorteile der Agglomeration als Handels- und Produktionszentrum bietet.

Zudem können sich staatseigene Betriebe als wichtige Kunden des Kreditgeschäfts in Hongkong ihr Kapital auch in der Volksrepublik über die staatseigenen Banken verschaffen. Hongkong bietet dafür aber die volle Konvertibilität des Hongkong-Dollars im Gegensatz zum Yuan (auch Renminbi), den Kapitalverkehrskontrollen in seiner Konvertibilität einschränken.

Es ist der wichtigste Markt für chinesische Unternehmen, die dort auf dem IPO-Markt ihre Aktien erstmalig internationalen Käufern anbieten, und auch der wichtigste Standort für die Ausgabe von Anleihen durch chinesische Unternehmen.

Handelskonflikt belastet China

Die Tatsache, dass es mittlerweile Offshore-Finanzmärkte für chinesische Unternehmen weltweit gibt, unter anderem an den großen westlichen Finanzplätzen, ist kein Nachteil für Hongkong. Im Gegenteil, die chinesischen Finanzkontrolleure können die Bewegungen chinesischen Kapitals über Hongkong leichter kontrollieren als über die westlichen Finanzplätze, an denen sie zudem von ihnen nicht zu beeinflussende politisch motivierte Eingriffe fürchten müssen.

Diese Kontrolle ist gerade in der gegenwärtigen Situation sehr wichtig. Sollte der Handelskonflikt mit den USA andauern, erwarten die Märkte, dass sich China auf höhere Verluste einstellen muss als die USA.

Dies hält den Abwertungsdruck auf den Yuan aufrecht und macht die Kontrollmöglichkeit des Finanzplatzes Hongkong besonders wichtig, falls chinesische Investoren die Restriktionen gegen den Kapitalexport zu umgehen trachten. Dass diese Restriktionen in der gegenwärtigen Situation gelockert werden, wird nicht erwartet, sind sie doch ein Garant für die Stabilität und die Kontrolle des Wechselkursregimes und damit eine Versicherung gegen erratische Kapitalbewegungen.

Eine militärische Intervention hätte unkalkulierbare Konsequenzen zur Folge. Investoren aus der Volksrepublik und aus Taiwan müssten davon ausgehen, dass die chinesische Führung dem Finanzplatz in Hongkong künftig ähnliche Restriktionen auferlegen würde wie den Handelsplätzen in China selbst, und würden auf andere Finanzplätze ausweichen.

Dies allein brächte den Yuan unter Abwertungsdruck. Dieser würde sich noch weiter verstärken, wenn die USA eine Intervention Chinas in Hongkong und eine Abspaltung des bislang freien Finanzmarkts von den internationalen Finanzmärkten mit Vergeltungsmaßnahmen, zusätzlich zu denen im Handel, beantworten, wovon auszugehen ist.

Angesichts der hohen Verschuldung von chinesischen Privatunternehmen in Dollar und anderen westlichen Währungen würde der Schuldendienst dieser Unternehmen erheblich erschwert. Will China diesen Risiken entgehen, muss es am freien Finanzplatz Hongkong festhalten, gerade jetzt. Aber dies schließt de facto eine militärische Intervention und Übernahme Hongkongs von seiner Seite aus.

(Der Beitrag erschien am 11. November als Gastkommentar im Handelsblatt.)


Coverfoto: Photo by Joseph Chan on Unsplash

In der Reihe Kiel Focus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autorinnen und Autoren alleine verantwortlich zeichnen. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.