Wirtschaftspolitischer Beitrag

10 Jahre Lehman: Populismus als Erbe der Finanzkrise

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Der Zusammenbruch von Lehman Brothers jährt sich zum zehnten Mal. Was hat uns diese finanzielle Katastrophe gekostet? Wie hoch ist die Rechnung, die wir den damaligen Bankmanagern schicken sollten? Aus guten Gründen streiten sich Ökonomen noch immer über die Folgen von 2008. Es ist nicht trivial, die Kosten der Bankenrettungen, des verlorenen Jahrzehnts mit geringem Wirtschaftswachstum, der höheren Staatsverschuldung und nicht zuletzt der wachsenden Ungleichheit zusammenzurechnen. Aus heutiger Sicht könnte sich jedoch das Erstarken des Populismus als folgenreichstes Erbe der Krise erweisen. Politische Polarisierung und zunehmender Populismus treten nach Finanzkrisen regelmäßig auf. Die jüngste populistische Welle ist da – im historischen Vergleich – keine Besonderheit, wie unsere Forschung zeigt. Allerdings sind die politischen Verwerfungen der Krise diesmal langandauernder und gravierender.

Der Zusammenbruch von Lehman Brothers jährt sich zum zehnten Mal. Was hat uns diese finanzielle Katastrophe gekostet? Wie hoch ist die Rechnung, die wir den damaligen Bankmanagern schicken sollten? Aus guten Gründen streiten sich Ökonomen noch immer über die Folgen von 2008. Es ist nicht trivial, die Kosten der Bankenrettungen, des verlorenen Jahrzehnts mit geringem Wirtschaftswachstum, der höheren Staatsverschuldung und nicht zuletzt der wachsenden Ungleichheit zusammenzurechnen. Aus heutiger Sicht könnte sich jedoch das Erstarken des Populismus als folgenreichstes Erbe der Krise erweisen. Politische Polarisierung und zunehmender Populismus treten nach Finanzkrisen regelmäßig auf. Die jüngste populistische Welle ist da – im historischen Vergleich – keine Besonderheit, wie unsere Forschung zeigt. Allerdings sind die politischen Verwerfungen der Krise diesmal langandauernder und gravierender.

Der Crash von 2008 und die Krise in der Eurozone haben dem politischen System des Westens einen schweren Schlag versetzt. Krisenbekämpfung wurde zur neuen Normalität. Langjährige Zweiparteiensysteme wie etwa in Frankreich oder Spanien wurden weggefegt. Neue Parteien gelangten in die Parlamente, oft solche am linken und rechten Rand. Durch die Brexit-Entscheidung und den Wahlsieg von Donald Trump wurden die politischen Verhältnisse weiter erschüttert.

Politische Nebenwirkungen von Finanzkrisen: Lehren aus 140 Jahren

In einer langfristigen Studie über die politischen Entwicklungen nach Finanzkrisen, die fast 100 Krisen und mehr als 800 nationale Wahlen in 20 Demokratien seit 1870 umfasst, zeigen wir, dass solche Muster überraschend häufig sind. Rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien sind oft die größten Nutznießer von Finanzcrashs. Die Stimmenanteile dieser Parteien am rechten Rand steigen um mehr als 30 Prozent im Vergleich zum langfristigen Durchschnitt. Wir stellen auch fest, dass nach der Krise die Regierungsmehrheiten tendenziell schrumpfen und die Parlamente zersplittern, nicht zuletzt, weil neue, radikalere Gruppierungen einziehen. Interessanterweise lassen sich diese politischen Schocks jedoch nur im Zuge von Finanzkrisen beobachten, nicht aber in „normalen“ Wirtschaftsabschwüngen wie Rezessionen oder auch in schweren Krisen ohne Bankencrashs.

Politische Fragmentierung, Polarisierung und Radikalisierung sind somit ein Markenzeichen von Finanzkrisen, nicht nur heute, sondern auch in der Großen Depression der 1930er Jahre sowie nach weniger bekannten regionalen Krisen, beispielsweise in Skandinavien Anfang der 1990er Jahre.

Das wirft die Frage auf, warum Finanzkrisen die politische Landschaft immer wieder erschüttern. Eine Erklärung ist, dass Finanzkrisen von Menschen verursachte Katastrophen sind und somit den politischen und wirtschaftlichen Eliten zugeschrieben werden. Die „da oben“ haben den Zusammenbruch nicht verhindert. Politische Fehlentscheidungen und korrupte Machenschaften der Reichen und Mächtigen sind oft schnell zu finden, was das Vertrauen in das etablierte System untergräbt. Dies öffnet die Tür für neue, radikale politische Kräfte, die den vermeintlichen „Willen des Volkes“ gegen die „herrschende Klasse“ vertreten. Mit anderen Worten, Finanzkrisen entziehen den alten Eliten die Legitimation und schaffen damit einen fruchtbaren Boden für Anti-Establishment-Rhetorik.

Während der Aspekt des „Systemversagens“ erklären kann, warum Populisten nach Finanzkrisen Erfolg haben, ist weniger offensichtlich, warum Parteien am rechten Rand besonders profitieren, während Linkspopulisten vergleichsweise weniger erfolgreich sind. Denkbar sind mehrere Erklärungen:

  • Erstens sind Finanzkrisen in der Regel mit Wohlstandsverlusten für Teile der Bevölkerung verbunden. Soziale Gruppen, die vom wirtschaftlichen Niedergang bedroht sind, stimmen oft für rechte Parteien, die Stabilität, Recht und Ordnung versprechen. Ein Beispiel ist die deutsche Kleinbourgeoisie in den 1930er Jahren, die Hitlers Machtübernahme ermöglichte. Linke Wirtschaftsexperimente sind nach Finanzturbulenzen eher unbeliebt.
  • Zweitens sind Rechtspopulisten skrupelloser, wenn es darum geht, kulturell zu spalten und Sündenböcke anzuprangern, insbesondere Migranten oder liberale „Globalisierungseliten“, die eben diese Migranten willkommen geheißen haben. Das in der Bevölkerung verbreitete Misstrauen gegen die Wirtschafts-, Sozial- und Finanzpolitik nach der Krise wird so zu einer generellen Ablehnung von offenen Grenzen und offenen Gesellschaften. Die Linke hingegen hat traditionell eine internationalere Ausrichtung und vermeidet in der Regel grobe Rhetorik gegen Ausländer und Minderheiten zum Zweck des Stimmenfangs.

Dieses Mal ist es anders: Eine neue Ära des Populismus

Wir haben unsere Studie im Jahr 2015 abgeschlossen. Was ist seitdem passiert, und wie vergleicht sich die aktuelle Lage, 10 Jahre nach der Krise, mit der historischen Bilanz? Der grundlegende Unterschied, den wir sehen, ist die Beständigkeit des Schocks. Unsere historische Untersuchung zeigt, dass die politischen Umwälzungen nach Finanzkrisen meist nur vorübergehend waren. Nach fünf Jahren beginnt das Wahlverhalten der Bevölkerung in der Regel zum Status vor der Krise zurückzukehren, die Parlamente gewinnen wieder an Struktur, Regierungswahlen fallen klarer aus, und die Rechtsextremen und Rechtspopulisten sind nicht länger erfolgreich.

Dieses Mal ist es anders. Im Jahr zehn nach der Finanzkrise sind die politische Fragmentierung, die Polarisierung und die Erfolge der Rechten sichtbarer denn je. Das etablierte politische System stolpert von einer Erschütterung zur nächsten. Rechtspopulisten ziehen weiter in die Parlamente ein, selbst in Ländern, in denen sie zuvor jahrzehntelang keine Chance hatten. Dort, wo der Rechtspopulismus ohnehin schon stark war, hat sich ihr Stimmenanteil weiter erhöht, so dass zunehmend auch Regierungsbeteiligungen möglich werden. Prominente Beispiele für Wahlerfolge von Rechtspopu­listen sind Narendra Modi in Indien (2014), Kaczynskis PiS-Partei in Polen (2015), Duterte auf den Philippinen (2016), Trump in den USA (2016), Erdogan in der Türkei (2018), Orbán in Ungarn (2018) oder die neuen Regierungen in Österreich (2018) und Italien (2018). Noch nie waren so viele Populisten gleichzeitig an der Macht.

Populismus nach der Krise: Was erklärt den nachhaltigen Erfolg?

Warum gibt es dieses Mal keine „Normalisierung“ der Politik? Ein Grund dafür ist, dass die Finanzkrise nur einer von mehreren negativen Trends und globalen Schocks in den letzten zehn Jahren war. Terroranschläge und radikale Kräfte in islamischen Ländern geben Anlass zur Sorge. Die Einwanderungsdebatte und die Flüchtlinge aus Syrien oder nordafrikanischen Ländern werden von Politikerinnen und Politikern genutzt, um kulturelle Spaltungen zu verschärfen. China und Russland bieten eine autoritäre Alternative zum liberalen Modell der offenen Gesellschaften und freien Märkte des Westens. Zudem stagnieren die realen Einkommen in vielen westlichen Ländern weiter, und die Ungleichheit ist auf ein historisch hohes Niveau angestiegen. Mit anderen Worten, die Finanzkrise hat den Nährboden bereitet für eine Vertrauenskrise in die etablierte politische und wirtschaftliche Ordnung des Westens. Dieses verlorene Vertrauen hat sich nicht erholt, auch wegen der ungünstigen sozioökonomischen Situation vieler Wählerinnen und Wähler.

Eine zweite Erklärung ist die Lernkurve der Populisten. Mehr denn je ist der Populismus zu einer etablierten und erfolgreichen politischen Strategie geworden. Populistische Politikerinnen und Politiker auf der ganzen Welt besuchen sich gegenseitig, hören einander zu und lernen. Sie lernen vor allem, wie man mit Hilfe von Fernsehen und sozialen Medien polarisiert, denn eine polarisierte Gesellschaft ist die Grundvoraussetzung für populistischen Erfolg. Erfolgreiche Populisten betonen den vermeintlichen Kampf von „uns“ gegen „die anderen“ und behaupten, die einzigen Vertreter des „wahren Volkes“ zu sein. Zudem verbreiten Populisten eine Krisen- und Endzeitstimmung, selbst in prosperierenden Ländern wie den USA oder Deutschland. Sie machen Ausländer und Minderheiten zum Sündenbock für ökonomische und gesellschaftliche Probleme und geben so unzufriedenen Einheimischen ein Gefühl der Identität. Und sie verwenden eine einfache Sprache, die Intimität schafft.

Moderne Populisten sind auch besser darin geworden, sich an der Macht zu halten. Sie wurden teilweise mehrfach wiedergewählt. Sie pflegen ihr Image als antielitäre Außenseiter, selbst dann, wenn sie Politik und Wirtschaft in ihrem Land längst dominieren. Langsam aber stetig untergraben sie die Gewaltenteilung und übernehmen die Medien Schritt für Schritt – alles „im Namen des Volkes“. Anders als ihre Vorgänger, etwa in Lateinamerika, wählen Populisten heute eher orthodoxe, unternehmensfreundliche Wirtschaftspolitiken, die das Wachstum fördern und Hyperinflation oder Finanzkrisen vermeiden (Ausnahmen sind hier beispielweise Nicolas Maduro oder, aktuell, Erdogan). Kurz gesagt, Populisten auf der ganzen Welt verfolgen eine ähnliche Strategie, die verblüffend einfach und verblüffend effektiv zugleich ist.

Blick in die Zukunft

Werden sich diese Entwicklungen fortsetzen oder nach und nach abklingen? Das ist schwer zu sagen, auch weil uns ein tiefes Verständnis für die heutige populistische Ära fehlt. Wie verhalten sich Populisten, wenn sie erst einmal an der Macht sind? Warum werden sie oft wiedergewählt? Was macht Länder immun gegen Populismus? Diese Fragen bleiben weitgehend unbeantwortet, was es schwieriger macht, effektive Lösungen gegen populistische Politik zu finden.

Klar scheint aber, dass eine weitere Finanzkrise schwerwiegende Folgen haben würde. Ein zweiter populistischer Schub wäre wahrscheinlich. Er könnte rechte Kräfte in noch mehr Ländern an die Macht bringen. Regulierungsbehörden und Zentralbanken sollten sich dieser politischen Risiken bei der Überwachung der Finanzmärkte bewusst sein. Finanzkrisen zu verhindern bedeutet auch, die Wahrscheinlichkeit einer politischen Katastrophe zu verringern.

Eine gekürzte und abgeänderte Version erschien auf Englisch auf der Webseite des Magazins Foreign Affairs.

Unsere Forschungsagenda zu Populismus wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziell unterstützt, in der Förderlinie „Zusammenhalt stärken in Zeiten von Krisen und Umbrüchen“.


Coverfoto: © AndreyKrav – iStockphoto

In der Reihe Kiel Focus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autorinnen und Autoren alleine verantwortlich zeichnen. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.