Wirtschaftspolitischer Beitrag

Estland im Sog der russischen Volkswirtschaft?

Estnische Gespräche über Wirtschaftspolitik, Berlin und Tallinn, 24 (2)

Vor dem Hintergrund des Ukraine-Konflikts und der russischen Wirtschaftsprobleme gehen die Autoren der Frage nach, in welchem Umfang die estnische Wirtschaft nach wie vor vom Außenhandel mit Russland abhängig ist und welche Kosten auf Estland bei einer Verschärfung des schwelenden Ost-West-Konflikts zukommen könnten. Die Handelsverflechtungen Estlands mit Russland sowie seine Integration in die europäische und globale Arbeitsteilung werden mit Hilfe eines Gravitationsmodells analysiert. Die baltischen Nachbarstaaten Lettland und Litauen dienen dabei als Maßstab. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass bereits vor Ausbruch des Konflikts der estnische Außenhandel mit Russland an Gewicht verloren hatte und die Abhängigkeit von russischen Export- und Importmärkten zurückgegangen war. Dieses Ergebnis wird im Rahmen einer sektoralen Außenhandelsanalyse für die Mehrheit der estnischen Branchen bestätigt. Lediglich im Fall der estnischen Milchindustrie zeigen sich deutliche Sanktionswirkungen. Im Gegensatz dazu steigt die Unabhängigkeit Estlands von Erdgasimporten aus Russland, die das Land in der Vergangenheit erpressbar gemacht hatten. Die Autoren ziehen die Schlussfolgerung, dass die gegenwärtige Krise die regionale und sektorale Diversifizierung des estnischen Außenhandels begünstigt und damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit und globale Integration Estlands weiter verbessert.