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Pariser Klimaabkommen: Einseitiger Rückzug der USA und Chinas kann größten Schaden anrichten

08.11.2022

Die Weltklimakonferenz COP27 soll nicht nur die Umsetzung der weltweiten Klimaziele konkretisieren, sondern mahnt auch die Einhaltung der im Rahmen des Pariser Abkommens definierten nationalen Emissionsreduktionsziele an. Welchen erheblichen Schaden es verursachen würde, wenn einzelne Länder ausscheren – wie Donald Trump es 2020 für die USA vorgesehen hatte –, zeigen umfassende Szenarien-Berechnungen für 140 Länder von Forschern des IfW Kiel und der Universität Bayreuth. Zwei Länder sind besondere Schwergewichte.

COP27 Opening Planary

Der globale Geltungsbereich des Paris Klimaabkommens, das vor sieben Jahren auf der COP21 beschlossen wurde, gilt als ganz entscheidender Fortschritt zu seinem prominentesten Vorgänger, dem Kyoto-Protokoll.

Halten alle 195 Länder ihre im Rahmen des Paris Klimaabkommens gemachten Zusagen für nationale Reduktionsziele ein, sinken die globalen Kohlenstoffemissionen im Vergleich zu einem „Business-as-usual“-Emissionspfad um schätzungsweise 25,4 Prozent, so die Autoren, deren Berechnungen gerade als Kiel Working Paper unter dem Titel The Consequences of Unilateral Withdrawals from the Paris Agreement erschienen sind. Ziehen sich einzelne Länder zurück, verringert sich dieser Anteil. Wie stark, hängt sowohl von der jeweiligen Emissionsmenge, als auch vom jeweiligen nationalen Emissionsminderungsziel ab.

 „Am schlimmsten wären die Auswirkungen eines einseitigen Ausstiegs der USA aus dem Pariser Klimaabkommen“, sagt Joschka Wanner, Mitglied im Forschungszentrum Handelspolitik des IfW Kiel und einer der Autoren der Studie. Dafür gebe es zwei Gründe: „Die Vereinigten Staaten sind der weltweit zweitgrößte Emittent. Sie haben sich aber auch mit einer angestrebten Reduktion um 47 Prozent auf eine hohe Minderung ihrer Emissionen verpflichtet.“ Statt einer Verringerung um 25,4 Prozent, reduziere die Welt ihre Emissionen in diesem Szenario nur um 17,3 Prozent. Die angestrebte globale Reduktion werde also um fast 32 Prozent verringert. Die zweitgrößte unmittelbare Auswirkung auf die weltweiten Emissionen durch entgangene Reduktionszusagen hätte ein Ausstieg Chinas, der die globale Reduktion um 11,9 Prozent verringern würde. China emittiert noch mehr CO2 als die USA, hat aber auch ein deutlich niedrigeres Reduktionsziel (minus 11,3 Prozent).

Der Schaden eines einseitigen Ausstiegs beschränkt sich jedoch nicht auf den direkten Effekt. „Einzelne Länder, die sich aus dem Pariser Klimaabkommen zurückziehen, haben einen Anreiz, ihre Emissionen sogar zu erhöhen“, so Wanner. Erstens gewinne das ausscheidende Land einen Wettbewerbsvorteil in emissionsintensiven Sektoren. Zweitens sinke durch die weltweiten klimapolitischen Anstrengungen die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen und damit fielen auch die Preise für fossile Energieträger.

Diese Verlagerung von CO2-Emissionen wird auch als Carbon Leakage bezeichnet und ist von erheblicher Bedeutung. Die Modell-Simulationen mit einem aus der Handelsliteratur entlehnten, angepassten Modell für 140 Länder zeigen, dass beispielsweise die US-Emissionen im Falle eines Ausstiegs aus „Paris“ um 9,5 Prozent steigen würden. „Durch diesen Anstieg könnte fast ein Zehntel der vom Rest der Welt erzielten Reduktion zunichte gemacht werden“, verdeutlicht Wanner die Dimensionen. Kombiniert man also den direkten Ausstiegeffekt mit dem indirekten Leakage-Effekt verringert ein Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen, die globale Emissionsreduktionsmenge um 38,2 Prozent. Im Falle Chinas fällt der indirekte Leakage-Effekt noch stärker aus. Chinas Emissionen würden um 14 Prozent steigen, und es würde ein Gesamtreduktionsverlust von 24,1 Prozent in Bezug auf die globalen Emissionen entstehen.

Neben den beiden klimapolitischen Schwergewichten USA und China hätten auch mehrere europäische Länder (Deutschland, Italien, Frankreich und das Vereinigte Königreich), andere große Industrieländer (Japan, Kanada und Südkorea) sowie drei der vier verbleibenden BRICS-Staaten (Brasilien, Russland und Indien) das Potenzial die Gesamtreduktion spürbar zu verringern (alle im Bereich von 2,9 bis 7,6 Prozent).

Die Europäische Union nimmt im Pariser Abkommen eine besondere Rolle ein, da alle ihre Mitgliedsstaaten dem Abkommen einzeln beigetreten sind, aber gleichzeitig die EU eine eigene Vertragspartei ist. Daher kann ein potenzieller EU-Austritt, auch wenn er bedeutet, dass eine Gruppe von Ländern aus dem Abkommen aussteigt, auch als eine Form des einseitigen Austritts betrachtet werden. Dadurch würde sich ein gesamter Reduktionsverlust von 23,1 Prozent ergeben, eine ähnliche Größenordnung wie bei China. Allerdings ist im Falle der EU der direkte Reduktionsverlust sehr hoch (18,5 Prozent) und der indirekte Leakage-Effekt eher klein (5,6 Prozent), also genau umgekehrt zum chinesischen Szenario. Diese Zahlen unterstreichen zwar die Bedeutung der EU als großen Akteur in der multilateralen Klimapolitik, sie zeigen aber auch, dass ihre Bedeutung in erster Linie aus ihrem Potenzial resultiert, bei besonders ehrgeizigen Reduktionszielen eine Vorreiterrolle zu spielen.

Ergänzend haben sich die Autoren den durch Carbon Leakage hervorgerufenen Emissionsanstieg noch einmal im Detail angesehen und stellen fest, dass dieser hauptsächlich durch eine Verlagerung hin zu emissionsintensiven Produktionstechniken als Reaktion auf die international niedrigeren Preise für fossile Brennstoffe zurückgeführt werden kann. „Der Energiemarkt spielt für den Leakage-Effekt eine große Rolle“, sagt Wanner. „Das deutet darauf hin, dass Klimapolitik auch das Angebot von und nicht nur die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen in den Blick nehmen sollte, insbesondere wenn die globale Zusammenarbeit zu scheitern droht.“

Die hier betrachteten Ausstiegsszenarien sind erst einmal hypothetisch, denn das offizielle Commitment zum Pariser Klimaabkommen ist sehr hoch. Zumindest bei den direkten Effekten zeigen die Berechnungen jedoch auch, wie groß die Auswirkungen auf die globale Emissionsreduktion sind, wenn einzelne Länder ihre nationalen Ziele nicht erfüllen – auch ohne, dass dies explizit als Ausstieg formuliert ist

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