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Ostdeutschland: Alterung der Bevölkerung bremst Wirtschaftswachstum

21.03.2022

Ostdeutschland wird in den nächsten Jahren spürbar unter einer Überalterung der Bevölkerung leiden. Die Wirtschaftsleistung sinkt, die Innovationskraft nimmt ab, die Gründungsdynamik erlahmt, und der ohnehin bereits gravierende Fachkräftemangel nimmt noch weiter zu. Westdeutschen Bundesländern droht in wenigen Jahren das gleiche Schicksal. Dies geht aus einer Analyse hervor, die Teil des Mittelstandsberichts des IfW Kiel für den Thüringer Landtag ist.

Arbeiter arbeiten mit Bohrer / worker working on drill bit

Demnach verliert die ostdeutsche Wirtschaft bereits seit Mitte des letzten Jahrzehnts zunehmend den Anschluss an den Rest von Deutschland. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist etwa in Thüringen zwischen 2015 und 2019 um 4,4 Prozentpunkte langsamer gewachsen als im Bundesdurchschnitt. Dies ist nicht zuletzt auf den Bevölkerungsrückgang und die Überalterung in Thüringen zurückzuführen.

„In den frühen 90er Jahren war die Bevölkerung in Ostdeutschland im Durchschnitt deutlich jünger als im Westen. Dies hat sich durch die Abwanderung vor allem jüngerer Menschen nach Westdeutschland, einen entsprechenden Rückgang der Geburten und den geringeren Zuzug aus dem Ausland nachhaltig geändert“, sagte Dirk Dohse, Direktor des Forschungszentrums Innovation und Internationaler Wettbewerb am Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel).

Er ist Mitautor des Thüringer Mittelstandsberichts, ein Gutachten des IfW Kiel im Auftrag der thüringischen Landesregierung („Digitalisierung. Dekarbonisierung. Demografie. Wandel gestalten: Mittelstandsbericht Thüringen 2020“), das heute veröffentlich wurde.

Laut Gutachten war Thüringens Altersstruktur Anfang der 90er Jahre durch überdurchschnittlich viele Kinder und unterdurchschnittlich viele alte Menschen geprägt. Bis 2019 hat sich das Bild grundlegend gewandelt. Die Alterskohorte bis 30 Jahre ist nur noch deutlich unterdurchschnittlich vertreten, die Kohorte der über 60-Jährigen deutlich überdurchschnittlich.

Seit der Wiedervereinigung 1991 (bis 2019, vor Ausbruch der Corona-Pandemie) hat Thüringen zudem insgesamt gut 17 Prozent seiner Einwohnerzahl verloren und steht damit hinter Sachsen-Anhalt (-22,3 Prozent) an zweiter Stelle unter den Bundesländern mit den höchsten Bevölkerungsverlusten. Auch in Mecklenburg-Vorpommern (-15 Prozent) und in Sachsen (-13 Prozent) ging die Einwohnerzahl zurück. In den alten Bundesländern (mit Ausnahme des Saarlands) ist die Bevölkerung im selben Zeitraum teilweise kräftig angewachsen.

„Zwar ist die Ost-West-Wanderung inzwischen weitgehend zum Stillstand gekommen, aber ihre ökonomischen und sozialen Folgen treten jetzt klar hervor. Am Beispiel Thüringens lassen sich die ökonomischen Folgen einer rasch alternden Bevölkerung Ostdeutschlands, die in wenigen Jahren auch im Westen spürbar sein werden, wie in einem Brennglas beobachten“, so Dohse.

Noch 40 Jahre bis Westniveau

Im Ranking der Bundesländer für Einkommen, Löhne oder Produktivität nehmen die ostdeutschen Flächenländer noch immer die hinteren Plätze ein. Beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf rangiert Thüringen auf Rang 14, hinter Sachsen und Brandenburg, aber vor Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.

Die Annäherung an Westniveaus, die bis in die frühen 2000er Jahre gute Fortschritte machte, verläuft in den letzten Jahren äußerst schleppend: Sollte sie sich in gleichem Tempo fortsetzen wie seit 2015 würde es noch weitere 40 Jahre dauern, bis das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte je Einwohner zum Bundesdurchschnitt aufgeschlossen hat. Bei der Arbeitsstundenproduktivität wären es sogar 60 Jahre.

Die Folgen von Ostdeutschlands Überalterung werden im laufenden Jahrzehnt noch gravierender zu Tage treten und die Wirtschaft weiter belasten, so die Autoren. Die Wirtschaftsleistung sinkt, weil Unternehmen ihre Aufträge aus Arbeitskräftemangel nicht mehr abarbeiten können. Die Innovationskraft nimmt ab, weil junge, kreative Köpfe fehlen. Die Gründungsdynamik erlahmt, wenn ein zunehmender Teil der Erwerbsbevölkerung über 55 Jahre alt ist – zudem kommen viele Geschäftsführer bei bestehenden Unternehmen ins Rentenalter, so dass händeringend nach geeigneten Nachfolgerinnen und Nachfolgern gesucht werden muss. Und der ohnehin bereits gravierende Fachkräftemangel nimmt noch weiter zu.

 Paradigmenwechsel in der Förderpolitik notwendig

Bislang konnte Thüringen seinen raschen Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter kompensieren, indem offene Stellen durch Arbeitslose oder bislang nicht erwerbstätige Personen besetzt wurden. Dieses Potenzial ist nun ausgereizt. Damit wird die fortgesetzte Alterung der Bevölkerung in der Zukunft zwangsläufig zu einem Rückgang der Erwerbstätigenzahl führen, wenn die Zuwanderung von Arbeitskräften – insbesondere aus dem Ausland – nicht massiv steigt, warnen die Gutachter.

„Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, sollte die Thüringer Mittelstandspolitik darauf abzielen, die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Thüringen für Fachkräfte und Hochqualifizierte zu erhöhen. Da die Nachfrage das Angebot an qualifizierten Arbeitskräften in Thüringen übersteigt, wird die Schaffung oder der Erhalt von Arbeitsplätzen, der in der Vergangenheit zahlreiche Fördermaßnahmen motiviert hat, dagegen obsolet“, so Dohse. „Wir brauchen einen grundlegenden Kurswechsel in der Förderpolitik, weg vom Erhalt von Arbeitsplätzen und hin zur Anziehung von Arbeitskräften.“

„Auch bedarf es einer stärkeren Priorisierung in der Förderpolitik. Vornehmlich gefördert werden sollten Investitionen, die den Strukturwandel voranbringen und zu einer nachhaltigen Steigerung der Produktivität der Unternehmen beitragen, etwa durch arbeitssparende (digitale) Technologien.“

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