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Corona: Internationale Finanzhilfen werden neue Höchststände erreichen

22.06.2020

Weltweit könnte die Kreditvergabe zwischen Staaten zur Bewältigung der Corona-Krise Rekordhöhen erreichen, die die riesigen internationalen Finanzhilfen nach 2008 noch übersteigen. Der geplante 750 Mrd. Euro Corona-Wiederaufbaufonds der Europäischen Union ist historisch gesehen gängige Praxis, gerade zwischen eng verflochtenen Staaten. Dies geht aus einer empirischen Analyse der beiden IfW-Forscher Christoph Trebesch und Sebastian Horn mit der neuen Weltbank-Chefökonomin Carmen Reinhart hervor, in der sie Geldflüsse zwischen Staaten von 1790 bis heute ausgewertet haben.

„Wenn internationale Kapitalmärkte einfrieren, sind in der Geschichte sehr oft die Staaten bzw. öffentliche Gläubiger wie der Internationale Währungsfonds IWF eingesprungen. Das erleben wir auch jetzt bei der Corona-Krise wieder, wo bereits mehr als 100 Länder beim IWF nach Hilfen angefragt haben. Wir stehen vor einem neuen starken Anstieg von internationalen Rettungskrediten“, sagte IfW-Forscher Christoph Trebesch, der das Forschungszentrum International Finance leitet.

Laut Analyse leihen sich Staaten untereinander vor allem in Krisenzeiten sehr hohe Geldbeträge, die Summen belaufen sich oftmals auf ein Vielfaches dessen, was in privaten Märkten international transferiert wird. Besonders die Hilfen in Kriegszeiten und globalen Finanzkrisen sind enorm. „Weder das geplante Hilfspaket der EU in Höhe von 750 Mrd. Euro zur Bewältigung der Corona-Krise noch die Griechenland-Kredite sind im historischen Vergleich ungewöhnlich“, so Trebesch.

Rettungssummen in der Corona-Krise könnten Rekorde brechen

Während des Ersten Weltkriegs flossen internationale Hilfen in Höhe von 12 Prozent des Bruttosozialprodukts (BIP) der USA, während des Zweiten Weltkriegs in Höhe von 10 Prozent, dies entspräche heute zwei Billionen US-Dollar. Während der globalen Finanzkrise lagen die internationalen Hilfen bei rund fünf Prozent des US-BIPs.

Trebesch: „Die weltweiten Rettungssummen in der Corona-Krise könnten Rekorde brechen und die zwischenstaatlichen Finanzhilfen während der Eurokrise übertreffen. Bereits jetzt schießen die Nothilfen des IMF und der Weltbank in die Höhe, ebenso liegen die Devisentauschgeschäfte der amerikanischen Notenbank FED zur Bereitstellung von Dollar-Liquidität, sogenannte Swap Lines, mit 400 Mrd. US-Dollar auf Rekordniveau. Aber noch ist unklar, wie viele Kredite am Ende tatsächlich fließen werden. An die enormen internationalen Transfers während der Weltkriege werden wir wohl nicht herankommen, denn diese entsprächen heute 2.000 Milliarden Dollar pro Jahr.“

In globalisierter Welt helfen Rettungskredite auch Geberland

Die Studie zeigt eine empirische Regelmäßigkeit auf: Je stärker zwei Länder wirtschaftlicher integriert sind, desto eher beobachtet man gegenseitige Rettungskredite in Krisenzeiten. Dies ist nicht nur heute so, sondern lässt sich auch schon im 19. Jahrhundert beobachten. „In einer globalisierten Welt ist die Finanzkooperation zwischen Staaten nicht überraschend“, so Trebesch. „Rettungskredite können für beide Seiten Vorteile haben. Im Krisenland wird die Situation stabilisiert, aber dies hilft auch der Wirtschaft des Geberlands, insbesondere den im Ausland aktiven Exporteuren und Banken.“

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahmen die Geldflüsse zwischen Staaten systematisch zu. Gründe sind die Institutionalisierung des zwischenstaatlichen Geldverkehrs durch den IMF, die Weltbank und auch viele regionale Entwicklungsbanken und Rettungsfazilitäten, wie zum Beispiel der Europäische Stabilisierungsfonds. Außerdem hat sich China zu einem sehr großen staatlichen Kreditgeber entwickelt. Nach einer Analyse des IfW schuldete die übrige Welt China (Stand 2017) mehr als fünf Billionen US-Dollar. Während die Kredite für Militär und Kriegsfinanzierung in der Bedeutung abnahmen, wurden sie vermehrt für Hilfsprogramme in Finanzkrisen und zur Entwicklungsförderung vergeben.

Trebesch kritisiert, dass die Kreditvergabe zwischen Staaten größtenteils intransparent abläuft. „Es gab bisher kaum belastbare Daten, offenbar haben Regierungen häufig kein Interesse daran offenzulegen, wem sie Geld leihen und was zurückgezahlt wird, obwohl es sich ja um steuerfinanzierte Kredite handelt“, so Trebesch.

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