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IfW-Konjunkturprognose: Deutschland an der Schwelle zur Rezession

11.09.2019

Der deutschen Wirtschaft steht eines der schwächsten Jahre seit der Finanzkrise bevor. Die Konjunkturforscher des IfW Kiel rechnen für 2019 nur noch mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes von 0,4 Prozent, 0,2 Prozentpunkte weniger als bislang prognostiziert. Solch schwache Zahlen gab es zuletzt 2013 im Zuge der Euro-Schuldenkrise. Mitte nächsten Jahres dürfte die Konjunktur aber wieder anziehen. 2021 zeichnet sich erstmals wieder ein Defizit in den öffentlichen Haushalten ab.

Belastend für die deutschen Wirtschaftsaussichten ist vor allem die durch Handelskonflikte und den Brexit vorherrschende politische Unsicherheit, wobei insbesondere Investitionen und Exporte unter Druck stehen. Hinzu kommen zyklische Faktoren, die dem vorangegangenen langen Aufschwung geschuldet sind. Im dritten Quartal 2019 zeichnet sich ein Schrumpfen des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 0,3 Prozent ab, nach -0,1 Prozent im zweiten Quartal.

„Damit erfüllt Deutschland zwar formal die Definition einer ‚technischen Rezession‘, eine gesamtwirtschaftliche Unterauslastung der Kapazitäten ist damit aber noch nicht verbunden. Erst in einem solchen Fall könnte auch von einer Rezession im Sinne einer Konjunkturphase gesprochen werden“, sagte Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums am Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel), anlässlich der heute vorgestellten Konjunkturprognosen für Deutschland, den Euroraum und die Welt.

Laut jüngster Generalrevision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) durchläuft die deutsche Wirtschaft seit dem Jahreswechsel 2017/2018 eine Abkühlungsphase und damit etwa schon ein halbes Jahr länger, als es bislang anhand der Daten ablesbar war. Für 2020 rechnen die IfW-Forscher nun mit einem Plus beim BIP von 1 Prozent (bislang 1,6 Prozent), wobei mit 0,4 Prozentpunkten fast die Hälfte des Zuwachses auf die im Vergleich zum Durchschnitt höhere Zahl an Arbeitstagen zurückgeht. 2021 dürfte das BIP mit 1,4 Prozent zulegen.

„Das eigentliche Problem von Donald Trumps Handelsstreitigkeiten sind nicht die Zölle selbst, sondern die große Unsicherheit darüber, was noch kommt. Denn Unsicherheit ist Gift für Investitionsentscheidungen“, sagte IfW-Präsident Gabriel Felbermayr. „Aber viele aufstrebende Länder weltweit haben noch einen enormen Nachholbedarf. Das bietet sehr große Export-Chancen für deutsche Maschinenbauer und Autohersteller. Es gibt daher keinen Grund, die Exportorientierung der deutschen Wirtschaft in Frage zu stellen.“

Industrie schwach, privater Konsum stark, Defizit im Staatshaushalt zu erwarten

Während die Industrie die Schwelle zur Rezession schon überschritten hat, hat der Abschwung die konsumnahen Dienstleister noch nicht voll erfasst, und die Bauwirtschaft läuft weiter hochtourig. „Allerdings werden die Probleme in der Industrie vermehrt auf die übrigen Bereiche ausstrahlen, und die gestiegenen Löhne machen einen Stellenabbau im Abschwung wahrscheinlich“, so Kooths. „Dennoch besteht kein Anlass für konjunkturpolitischen Aktionismus, etwa durch Investitionsprogramme, die vor allem die Baupreise anheizen würden. Stattdessen sollte man den Staatshaushalt mit der Konjunktur atmen lassen, wie es die Schuldenbremse vorsieht. An der schwarzen Null muss indes nicht krampfhaft festgehalten werden.“

Die Unternehmensinvestitionen legen nach 3,6 Prozent im Vorjahr im laufenden Jahr nur noch um 1,4 Prozent zu und sinken 2020 sogar leicht. 2021 dürfte dann mit einem Zuwachs von mehr als 2 Prozent eine Erholung eintreten. Die Exporte legen nach über 2 Prozent im Vorjahr 2019 nur noch um knapp 1 Prozent zu, dürften dann aber wieder etwas kräftiger mit 1,8 Prozent (2020) und 2,6 Prozent (2021) wachsen.

Die schwächere Konjunktur macht sich auch am Arbeitsmarkt bemerkbar, wo der längste Aufschwung seit 50 Jahren zu Ende geht. Die Zahl der Arbeitslosen dürfte von nun an wieder zunehmen und die Arbeitslosenquote von derzeit 5 Prozent auf 5,2 Prozent (2020) und 5,3 Prozent (2021) steigen. Die Zahl der Erwerbstätigen dürfte im kommenden Jahr erstmals seit der großen Rezession wieder zurückgehen und auf 45,12 Mio. sinken.

Dennoch dürften die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte weiter deutlich aufwärts gerichtet bleiben, wenn auch in geringerem Tempo als bislang, nicht zuletzt weil der Fachkräftemangel weiter zu recht kräftigen Anstiegen des Effektivlohns von 3,2 Prozent (2019), 2,4 Prozent (2020) und 2,8 Prozent (2021) führen wird und zahlreiche finanzpolitische Maßnahmen wie etwa die teilweise Abschaffung des Solidaritätszuschlages die Einkommen stützen. Zudem wird die Inflation mit Raten von 1,5 Prozent (2019) und 1,6 Prozent (2020 und 2011) voraussichtlich weiter moderat bleiben und somit die Kaufkraft der verfügbaren Einkommen nicht zusätzlich belasten.

Entsprechend ist der private Konsum weiterhin eine Stütze für die Konjunktur und dürfte mit Raten von 1,3 Prozent (2019), 1,2 Prozent (2020) und 1,4 Prozent (2021) zulegen. Auch die Bauinvestitionen werden wohl nicht zuletzt aufgrund der anhaltend äußerst günstigen Finanzierungsbedingungen aufwärts gerichtet bleiben und um 3,2 Prozent (2019), 1,7 Prozent (2020) und 2,2 Prozent (2021) steigen.

Die schwächelnde Konjunktur macht sich auch im Staatshaushalt bemerkbar. Die jährlichen Überschüsse sinken von 43 Mrd. Euro in diesem Jahr auf 14 Mrd. Euro im nächsten Jahr und verwandeln sich 2021 erstmals wieder seit dem Jahr 2011 in ein Defizit von 7 Mrd. Euro, 0,2 Prozent des BIP.

Euroraum und Weltwirtschaft: Geldpolitik belebt, politische Unsicherheit dämpft

Die Konjunktur im Euroraum und weltweit wird insbesondere durch eine absehbar weitere Lockerung der Geldpolitik stimuliert, die politische Unsicherheit infolge der Handelskonflikte und populistischer Regierungen belasten aber den Ausblick. Vor allem die Industrie befindet sich im Abschwung. Das BIP im Euroraum dürfte im laufenden und im kommenden Jahr um jeweils 1,2 Prozent zulegen und 2021 um 1,5 Prozent. Die Arbeitslosigkeit dürfte weiter zurückgehen und ihren historischen Tiefstwert von vor der Finanzkrise unterschreiten.

Der Welthandel ist seit Anfang des Jahres in der Tendenz sogar rückläufig. In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften schwächte sich die Konjunktur zuletzt ab, in den Schwellenländern belebte sie sich dagegen etwas. Im laufenden Jahr dürfte die Weltproduktion nur noch um 3,1 Prozent, im kommenden Jahr um 3,2, Prozent zunehmen, nach 3,7 Prozent im vergangenen Jahr.

„Die Prognoseunsicherheit ist durch die gegenwärtigen handelspolitischen Spannungen besonders groß. Wir gehen davon aus, dass die Handelskonflikte nicht weiter eskalieren und so die deutschen Ausfuhren allmählich wieder Fahrt aufnehmen. Eine raschere Entspannung hätte eine bessere, ein abermaliges Anfachen der Konflikte eine schlechtere konjunkturelle Entwicklung als prognostiziert zur Folge. Ähnlich verhält es sich mit dem weiterhin ungeklärten Brexit-Prozess, wobei die Bedeutung für die deutsche Außenwirtschaft geringer ist als die der globalen Handelskonflikte“, sagte Kooths.

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