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Gesundheitsversorgung: große Unterschiede in der Zufriedenheit

15.10.2018

In ländlichen Räumen wird die Versorgung durch Hausärzte, Fachärzte und Krankenhäuser schlechter bewertet als in Städten. Gesetzlich Versicherte bewerten insbesondere die Versorgung durch Fachärzte, aber auch jene durch Krankenhäuser schlechter als privat Versicherte und beklagen dabei häufiger lange Wartezeiten und fehlende Leistungsübernahme durch die Krankenkasse. Dies ist das Ergebnis einer empirischen Studie des IfW Kiel.

Teenage girl visits doctor

Ziel der Studie war es, Unterschiede in der Versorgungszufriedenheit zwischen privat und gesetz-lich Versicherten sowie zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung zu untersuchen. Durchgeführt wurde dafür im Februar 2017 eine nicht repräsentative Befragung bei rund 4.500 Leserinnen und Lesern der Kieler Nachrichten sowie des Onlineangebotes der Zeitung, die in Schleswig-Holstein sehr weit verbreitet ist. Dabei wurden von den Befragten Schulnoten vergeben von 1, sehr gut, bis 5, schlecht. Der Beitrag mit dem Titel „Zufriedenheit mit der Gesundheitsversorgung: Gibt es strukturelle Unterschiede?“ erscheint Ende Dezember in der Ausgabe 03/18 der Zeitschrift für Wirtschaftspolitik (ZfW).

Im Durchschnitt bewerten die Teilnehmer ihre Zufriedenheit mit den Hausärzten mit der Note 2, während die Fachärzte mit 2,5 und die Krankenhaus-Versorgung mit einer 2,54 als etwas schlech-ter wahrgenommen werden. Kritikpunkte sind gegenüber den Hausärzten vor allem lange Warte-zeiten (37,6 %) sowie begrenzte Zeit des behandelnden Arztes (30,9 %). Bei der fachärztlichen Behandlung werden demgegenüber die Terminvergabe (64,0 %) sowie die Leistungsübernahme (18,0 %) als Hauptprobleme gesehen. Die größten Probleme der Behandlung im Krankenhaus sind aus Patientensicht die Überlastung des Pflegepersonals (64,4 %) sowie die begrenzte Zeit der Ärzte (10,7 %).

Ärztemangel auf dem Land

Dabei wird die ärztliche Versorgung in ländlichen Gebieten als schlechter bewertet als in städtischen Gebieten, ebenso unterscheiden sich die Hauptkritikpunkte zwischen der städtischen und der ländlichen Bevölkerung. Die hausärztliche Behandlung wird in ländlichen Gebieten mit 2,1 bewertet, in städtischen mit 1,9. Vertreter der ländlichen Bevölkerung kritisieren dabei häufiger die Distanz zum nächsten Hausarzt, 8,7 Prozent gegenüber 4,3 Prozent der befragten Städter.

Während die fachärztliche Versorgung in städtischen Gebieten im Mittel mit 1,7 sehr gut bis gut bewertet wird, urteilen Befragte aus ländlichen Gegenden mit 2,2 sogar schlechter als über ihre hausärztliche Versorgung. Auch in diesem Bereich wird in ländlichen Gebieten die Entfernung zum Arzt häufiger als Hauptproblem genannt, 3,4 Prozent gegenüber 0,1 Prozent in der Stadt. „Jedoch scheinen hier andere Probleme in der Versorgungsqualität, insbesondere Probleme bei der Terminvergabe und der Leistungsübernahme, schwerer zu wiegen, sodass die Entfernung zum Facharzt weniger häufig als Hauptkritikpunkt genannt wird als die Entfernung zum Hausarzt“, sagte Ulrich Schmidt, Leiter des IfW-Forschungsbereichs Sozial- und verhaltensökonomische Ansätze zur Lösung globaler Probleme und Mitautor der Studie. Auch im Bereich der Krankenhäuser wird die Versorgung auf dem Land mit 2,2 deutlich schlechter bewertet als mit 1,6 in der Stadt.

„Insgesamt ist in unserer Befragung ein großes Gefälle der subjektiven Bedarfsgerechtigkeit zwischen ländlichen und städtischen Regionen erkennbar. Diese sind im Bereich der haus- und fachärztlichen Versorgung unter anderem auf einen Ärztemangel zurückzuführen. Im Bereich der Krankenhäuser ist zu erkennen, dass das Gefälle der Versorgungsqualität zwischen größeren Städten, insbesondere jenen mit Universitäten, und kleineren Städten sowie ländlichen Räumen besteht“, fasst Schmidt zusammen.

Mehr Leistungen und schnellere Termine für privat Versicherte

Privat Versicherte sind insbesondere im Bereich der Fachärzte und Krankenhausbehandlungen deutlich zufriedener als gesetzlich Versicherte. So bewerten 65 Prozent der privat Versicherten ihre fach-ärztliche Versorgung als gut bis sehr gut, während dies lediglich 52 Prozent der gesetzlich Versicherten tun. Im Bereich der Krankenhausversorgung stehen 61 Prozent zufriedene privat Versicherte 51 Prozent Zufriedenen der gesetzlich Versicherten gegenüber. Weniger deutlich fällt das Ergebnis im Bereich der hausärztlichen Versorgung aus.

„Dabei fällt auf, dass gesetzlich Versicherte in der fachärztlichen Behandlung stärkere Probleme bei der Terminvergabe und bei der Leistungsübernahme durch ihre Krankenkasse wahrnehmen als privat Versicherte“, so Schmidt. Während nur 9,5 Prozent der privat Versicherten fehlende Leistungsübernahmen als Hauptproblem betrachten, tun dies 19,5 Prozent der gesetzlich Versicherten. Zugleich klagen 65,8 Prozent der gesetzlich Versicherten über Probleme bei der Terminvergabe, während dies nur 55,9 Prozent der privat Versicherten tun. Im Bereich der hausärztlichen und krankenhäuslichen Behand-lung hingegen sehen sich beide Versicherungsgruppen mit den gleichen Problemen konfrontiert, also lange Wartezeiten und wenig Zeit des behandelnden Arztes bzw. einer Überlastung des Pflegepersonals. „Die Umfrageergebnisse zeigen außerdem, dass privat Versicherte ihren Gesundheitszustand signifikant besser bewerten als gesetzlich Versicherte, was als Indikator für eine höhere Versorgungsqualität für Privatpatienten interpretiert werden kann“, so Schmidt.

Politik muss auch auf kommunaler Ebene handeln

Die bislang im Koalitionsvertrag vorgesehenen Maßnahmen reichen nach Meinung der Autoren aber nicht aus, um die unterschiedliche Versorgungsqualität zwischen Stadt und Land bzw. zwischen privat und gesetzlich Versicherten angemessen zu adressieren. „Neben bundespolitischen Initiativen müssen auch die Kommunen in diesen Prozess eingebunden werden, um Lösungen zu erarbeiten. Die wissenschaftliche Kommission zur Reform der Gebührenordnung sollte bei ihrer Arbeit die Ungleichbehandlungen, insbesondere im Bereich der Fachärzte, in den Bick nehmen. Dabei sollten neben Maßnahmen zur Angleichung von Terminvergaben auch Reformen in der Leistungsübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen diskutiert werden“, sagte Schmidt. „Die bisher beschlossenen Maßnahmen, wie etwa die Ausweitung des Mindestsprechstundenangebotes für gesetzlich Versicherte, sind zur Lösung des Problems nicht ausreichend.“

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