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COP24: Akuter Handlungsdruck trotz Ausweitung des CO2-Budgets

27.11.2018

Um das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen, müssen auf dem Klimagipfel COP24 sofort weitreichende Maßnahmen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen und zur Erforschung und Erprobung negativer Emissionstechnologien, die der Atmosphäre CO2 entziehen, beschlossen werden. Aus den jüngsten Meldungen über die Ausweitung des verbleibenden CO2-Budgets werden oftmals die falschen Schlüsse abgeleitet. Politik und Umweltverbände übersehen bereitwillig, dass das 1,5-Grad-Ziel nur mit Hilfe negativer Emissionen und weitreichenden Folgen für unseren Lebensstil zu erreichen ist, etwa in den Bereichen Reisen oder Fleischkonsum, schreiben internationale Klimaökonomen in einem aktuellen Arbeitspapier des IfW Kiel.

Jüngste Meldungen, wonach das verbleibende CO2-Budget für das 1,5-Grad-Ziel höher ist als noch im letzten Weltklimabericht angenommen, werden nach Meinung von Klimaexperten des Instituts für Weltwirtschaft (IfW Kiel) falsch interpretiert oder zu politischen Zwecken instrumentalisiert. „Wer glaubt, dass uns noch 10 bis 20 Jahre bleiben, um den klimapolitischen Hebel umzulegen, ignoriert die Fakten“, sagte Klimaökonom Wilfried Rickels, Forschungsbereichsleiter am IfW Kiel, anlässlich eines jetzt veröffentlichten Arbeitspapiers mit dem Titel: „Schätzungen des verbleibenden CO2-Budgets täuschen über die Herausforderungen in der Klimapolitik hinweg“.

Während optimistischste Berechnungen davon ausgehen, dass uns noch rund 1.200 Gigatonnen CO2 zur Verfügung stehen, wir also noch 31 Jahre die derzeit jährlichen CO2-Emissionen fortsetzen können, rechnen die pessimistischsten damit, dass wir unser CO2-Budget für das 1,5-Grad-Ziel bereits verbraucht und um rund 200 Gigatonnen überschritten haben.
 
„Es erscheint politisch verlockend, ein größeres CO2-Budget zu kommunizieren, um die Schlussfolgerung zu vermeiden, dass die ehrgeizigen Pariser Klimaziele nur mit einer tiefgreifenden Veränderung unserer Lebensstile, etwa beim Fleischkonsum oder dem Urlaubsverhalten, sowie unangenehmen Entscheidungen in Bezug auf den Einsatz negativer Emissionstechnologien einhaltbar ist“, so Rickels. „Um die höheren CO2-Budgets für die Klimapolitik richtig zu verstehen, bedarf es aber einer genauen Betrachtung der zugrunde liegenden Annahmen.“

Die große Bandbreite der Schätzungen ist unter anderem durch unterschiedliche Modellannahmen möglich, etwa bei der Messung des Temperaturanstiegs, den Annahmen über die Entwicklung anderer Treibhausgasemissionen als CO2, vor allem in der Landwirtschaft, dem Zeithorizont für das verbleibende Budget sowie dem Ausmaß eines kurzfristigen Überschreitens des Temperaturziels.

Interpretationsspielraum bei Berechnung des CO2-Budgets

Die große Bedeutung unterschiedlicher Annahmen macht auch der Weltklimarat (IPCC) in seinem aktuellen Sonderbericht deutlich. Legt man für die Bestimmung des globalen Temperaturanstiegs anstatt der Temperatur an der Oberfläche, und damit auch an der Meeresoberfläche, die Temperatur in der Luft zugrunde, verringert sich das verbleibende CO2-Budget von 570 auf 420 Gigatonnen CO2 (für eine Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent, das 1,5-Grad-Ziel auch zu erreichen).

Außerdem berücksichtigen einige Datensätze für die Schätzung der historischen Temperatur die arktischen Regionen nicht, welche sich im Vergleich zum Rest der Welt überproportional stark erwärmen – bei Erreichung des 1,5-Grad-Ziels um geschätzte 4 Grad Celsius. Nimmt man diese Regionen in die Rechenmodelle auf, sinkt das verbleibende CO2-Budget um bis zu 160 Gigatonnen. „Eine effiziente Klimapolitik erfordert eine klare Definition der Messung des globalen Temperaturanstiegs und eine klare Kommunikation, dass ein globaler Grenzwert nur bedingt Rückschlüsse auf den regionalen Temperaturanstieg und die Klimafolgen vor Ort zulässt“, sagte Rickels.

Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft sind ein wichtiger Faktor

Aktuell trägt der Agrarsektor insbesondere durch Methan und Lachgasemissionen ungefähr 11 Prozent zu den globalen Treibhausgasemissionen bei. „Durch den steigenden Nahrungs- und Futtermittelbedarf einer wachsenden und wohlhabenderen Weltbevölkerung erscheint es schwierig, in diesem Sektor so starke Emissionseinsparungen zu erzielen, wie sie in Modellrechnungen häufig unterstellt werden,“ so Christine Merk, Ko-Autorin der Studie, die Klimaschutzhemmnisse auf der Seite der Konsumenten untersucht.

„Im Vergleich zum Energie- oder Verkehrssektor ist die Bereitschaft, Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft zu reduzieren, noch geringer“, so Merk. „Im Pariser Klimaabkommen fehlen hier bislang spezifische Ziele und somit bleibt es unklar, auf welchem Weg und in welchem Umfang der Agrarsektor seine Treibhausemissionen überhaupt reduzieren soll. Möglicherweise handelt es sich dabei um eine bewusste Lücke, da die Politik bislang wenig Willen zeigt, etwa über Steuern nachfrageseitige Anreize zur Reduzierung des Fleisch- und Milchverbrauchs zu setzen“.

1,5-Grad-Ziel ohne negative Emissionen nicht zu erreichen

Alle vom Weltklimarat im Sonderbericht berücksichtigten Szenarien für das 1,5-Grad-Ziel gehen davon aus, dass der Atmosphäre etwa ab der Mitte des Jahrhunderts mehr CO2 entzogen wird als gleichzeitig noch ausgestoßen wird, um die fortlaufende Erderwärmung durch andere Treibhausgase zu kompensieren. Der tatsächliche Einsatz solcher Technologien beginnt allerdings deutlich früher. Einige Szenarien gehen bereits von einem Einsatz gegen Ende der 2020er Jahre aus.

„Konzentriert man sich in der Kommunikation nur auf das verbleibende CO2-Budget bis zu diesem Zeitpunkt, verschleiert man die Herausforderungen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, nämlich dass zwingend eine erhebliche Menge an CO2 aus der Atmosphäre entnommen werden muss, um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen“, so Rickels.

Negative Emissionstechnologien sind aber zum einen hinsichtlich ihres Nutzens und möglicher Wechselwirkungen noch nicht ausreichend erforscht, zum anderen können sie zu starken gesellschaftlichen Konflikten führen, wenn etwa Flächen in beträchtlicher Größe zur Aufforstung benötigt werden und nicht mehr für den Anbau von Nahrungsmitteln zur Verfügung stehen.

„Es muss bei COP24 zum einen um eine sofortige und ambitionierte Reduzierung von Treibhausgasemissionen gehen, ohne sich auf vermeintlich hohen CO2-Budgets auszuruhen. Aber auch der substanzielle Einsatz von negativen Emissionstechnologien muss endlich auf die internationale politische Agenda“, sagte Rickels. „Natürlich ist es auch legitim, sich aufgrund verschiedener naturwissenschaftlicher, ökonomischer und gesellschaftlicher Probleme, die diese Technologien mit sich bringen können, grundsätzlich dagegen auszusprechen. Dann sollte man aber gleichzeitig auch nicht verschweigen, dass die Erreichung ambitionierter Temperaturziele nicht mehr realistisch ist.“

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