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Mittelfristprojektion bis 2022: Zwischenhoch beim Wachstum

08.09.2017

Das Wachstum des Produktionspotenzials in Deutschland wird voraussichtlich zunächst weiter steigen und im Jahr 2018 die höchste Rate seit der Jahrtausendwende erreichen, anschließend aufgrund der demografischen Entwicklung aber zurückgehen. Die Produktionslücke wird sich weiter öffnen und im Jahr 2020 mit schätzungsweise 2,3 Prozent einen Wert erreichen, wie er zuletzt vor der Finanzkrise verzeichnet wurde. Wirtschaftspolitisch gilt es, stabilitätsorientiert Kurs zu halten und sich nicht auf dem Zwischenhoch beim Wachstum auszuruhen.

Die Produktionsmöglichkeiten der deutschen Wirtschaft wachsen vergleichsweise kräftig. In ihrer heute vorgestellten Mittelfristprojektion bis 2022 rechnen die Konjunkturforscher des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in den nächsten sechs Jahren mit einer durchschnittlichen Wachstumsrate von knapp 1,6 Prozent. Die Rate ist somit gut zwei Zehntel höher als im Mittel der vergangenen sechs Jahre. Das Potenzialwachstum dürfte sich dabei zunächst noch weiter beschleunigen und im Jahr 2018 mit knapp 1,7 Prozent die höchste Rate seit der Jahrtausendwende verzeichnen. Gegen Ende des Projektionszeitraums wird sich das Potenzialwachstum allerdings insbesondere aufgrund der demografischen Entwicklung indes merklich verlangsamen.

Noch stärker als die Produktionskapazitäten steigt in den nächsten Jahren die Wirtschaftsleistung in Deutschland. Im Ergebnis reißt die Produktionslücke weiter auf. Diese Tendenz spiegelt sich bereits seit längerem auch in vielen Umfragen zur Kapazitätsauslastung und anderen Aktivitätsindikatoren wider. Erst für die zweite Hälfte des Projektionszeitraums rechnen die Forscher damit, dass sich die konjunkturelle Dynamik wieder verlangsamt, wenn die Impulse seitens der Geldpolitik allmählich nachlassen und die wieder abflachende Weltkonjunktur die Absatzaussichten der deutschen Exporteure trübt. Zudem flacht der Investitionszyklus typischerweise bereits wieder merklich ab, bevor die Konjunktur ihren Höhepunkt erreicht. Alles in allem dürfte das Bruttoinlandsprodukt zwischen den Jahren 2017 und 2022 um durchschnittlich 1,8 Prozent zulegen wird und damit um jährlich etwa 0,2 Prozentpunkte stärker als das Produktionspotenzial.

Kommentar von Stefan Kooths, Leiter des IfW-Prognosezentrums:

„Die konjunkturellen Überschüsse in den öffentlichen Kassen sollten stabilisierungspolitisch in erster Linie dem Schuldenabbau zugeführt werden. Angesichts der expansiven – und für den deutschen Wirtschaftsraum deutlich zu expansiven – europäischen Geldpolitik kommt der Finanzpolitik in Deutschland für die gesamtwirtschaftliche Stabilisierungsaufgabe eine besondere Bedeutung zu. Insbesondere sollte im Finanzgebaren der öffentlichen Hand alles unterlassen werden, was die beginnende Hochkonjunktur weiter befeuert. Hinzu kommt, dass das äußerst niedrige Zinsniveau die Finanzierungsüberschüsse im Staatshaushalt zusätzlich anschwellen lässt. Durch beide Effekte erscheint die Finanzlage der öffentlichen Hand besser, als sie strukturell ist. Sowohl stabilisierungspolitisch als auch mit Blick auf die langfristige Tragfähigkeit der Staatsfinanzen sollte daher eine Finanzpolitik nach Kassenlage vermieden werden.

Das höhere Potenzialwachstum in der mittleren Frist ist kein Ruhepolster für die sozialen Sicherungssysteme. Im Projektionszeitraum geht der kräftige Zuwachs der Wirtschaftsleistung nicht nur auf die steigende Kapazitätsauslastung sondern auch auf ein im Vergleich zu den Vorjahren etwas kräftigeres Potenzialwachstum zurück. Der Anstieg in der Potenzialrate stellt aber nur ein temporäres Phänomen dar. Bereits gegen Ende des Projektionszeitraums dürfte die Wachstumsrate der gesamtwirtschaftlichen Produktionsmöglichkeiten wieder sinken. Grund hierfür sind demografische Effekte, die das Wachstum des Arbeitspotenzials dämpfen. Diese Entwicklung wird sich aller Voraussicht nach im weiteren Verlauf des nächsten Jahrzehnts fortsetzen und das Arbeitspotenzial sogar merklich schrumpfen lassen. Im Ergebnis wird es in Deutschland dann durchschnittlich deutlich niedrigere BIP-Zuwachsraten geben als in den vergangenen Jahrzehnten. Pro Kopf der Bevölkerung gerechnet verschärft sich dieser Befund noch, und damit werden sich die Verteilungskonflikte verschärfen. Die Sozialpolitik ist daher gut beraten, die Leistungsversprechen an diesen neuen Bedingungen auszurichten und sich nicht von den nur zwischenzeitlich höheren Wachstumsraten täuschen zu lassen. Flankierend dazu ist die Wirtschaftspolitik aufgerufen, wachstumshemmende Regulierungen zu überdenken.“

Die vollständige Mittelfristprojektion steht zum Download bereit.

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