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Italiens Wachstumsschwäche wird zum Problem

18.09.2017

Italiens Wirtschaftskraft stagniert. Das liegt vor allem an verkrusteten Arbeits­marktstrukturen, die sich auch durch jüngste Reformen noch nicht entscheidend geändert haben, so Forscherinnen und Forscher des IfW. Gelingt es Italien nicht, mehr und besser bezahlte Stellen insbesondere auch für Jugendliche zu schaffen und zur Wirtschaftskraft Europas aufzuschließen, ist der hohe italienische Schuldenberg langfristig nicht tragfähig.

Die schwelende Krise Italiens spiegelt sich insbesondere auf dem Arbeitsmarkt wider, der von Massenarbeitslosigkeit und schlechten Jobaussichten für Jugendliche geprägt ist. Es fehlt an Flexibilität für Unternehmen, an Arbeitsanreizen und an einer effizienten Arbeitsverwaltung. Die Arbeitsproduktivität ist schwach, die Arbeitskosten sind angesichts dessen zu hoch und nicht wettbewerbsfähig. Gleichzeitig weist Italien mit einer Schuldenquote von aktuell 133 Prozent das höchste Defizit aller EU-Mitgliedsstaaten nach Griechenland auf und könnte ohne durchgreifende Reformen zum nächsten großen Krisenland und zur Belastung für den Euro werden.

Zu diesem Schluss kommen Klaus Schrader, Ökonom und Europa-Experte am Institut für Weltwirtschaft (IfW) und seine Ko-Autorin Marta Ulivelli in der Analyse Italy: A Crisis Country of Tomorrow? Insights from the Italian Labor Market. „Italien hat im Vergleich zur restlichen EU in den letzten 15 Jahren an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Gelingt dem Land kein Strukturwandel und keine erfolgreiche Reform des Arbeitsmarktes, verschlechtern sich die Aussichten auf Wirtschaftswachstum, welches für die Tragfähigkeit des italienischen Schuldenberges aber dringend benötigt wird“, sagte Schrader. „Eine harte Austeritätspolitik ist auf Dauer nicht durchzuhalten, und das billige Geld der Europäischen Zentralbank wird irgendwann ein Ende haben. Daher ist ein solides Wachstum Italiens einzige Chance, die hohen Schulden nachhaltig abzubauen. Dazu muss das Land seine hausgemachten Strukturprobleme überwinden.“

Reformprozess unvollendet

Den angestoßenen Arbeitsmarktreformen, die „Fornero Reform“ 2012 von der Regierung Mario Montis und der „Jobs-Act“ 2014 von der Regierung Matteo Renzis, bescheinigen die Autoren zwar die richtigen Absichten und kleinere Erfolge. Mit der Steigerung der Arbeitsmobilität, der Erhöhung von Arbeitsanreizen und mit einer verbesserten Arbeitsmarktintegration von Arbeitslosen, Jugendlichen und Frauen setzen die Reformen an den entscheidenden Schwächen an. Die Autoren bewerten den Reformprozess aber als unvollendet und sehen daher keine Trendwende auf dem Arbeitsmarkt.

Die hohe Arbeitslosenquote in Folge der Finanzkrise ging erst seit den letzten Jahren leicht zurück und liegt immer noch deutlich über 10 Prozent, während sie in der EU insgesamt seit 2013 spürbar rückläufig ist und bei knapp 8 Prozent liegt. Viele neue Stellen sind nur Teilzeitstellen, die Anzahl der Arbeitsstunden hat sich seit dem starken Rückgang durch die Finanzkrise nicht erholt und liegt deutlich unter dem Niveau des Jahres 2000. „Außerdem sind vor allem gering bezahlte Dienstleistungsjobs entstanden, die Jobqualität Italiens hat sich zum Schlechteren gewandelt“, sagte Schrader.

Problematisch ist insbesondere die hohe Jugendarbeitslosigkeit. 2014 erreichte sie mit 43 Prozent ihren höchsten Wert, 2016 lag sie immer noch bei 38 Prozent. Mehr als jeder dritte Jugendliche, der dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht, ist also ohne Arbeitsplatz. „Dem Land droht ein ,Brain-Drain‘, also ein Ausbluten seines intellektuellen Potenzials durch die Abwanderung junger, gut ausgebildeter Arbeitnehmer“, sagte Schrader.

Norditalien verliert Rolle als Wachstumsmotor

Die Arbeitsproduktivität des Landes geht im Vergleich zum EU-Durchschnitt seit dem Jahr 2000 kontinuierlich zurück, während die Lohnkosten weiterhin über dem Durchschnitt der EU liegen — ein Verlust an Wettbewerbsfähigkeit war die Folge. „Hier zeigen sich Strukturprobleme, die mit reinen Kostensenkungen nicht zu beheben sind."

Zwar gibt es in Italien immer noch große Unterschiede zwischen den wohlhabenden Regionen im Norden und den ärmeren im Süden. Die Arbeitslosigkeit Süditaliens liegt bei rund 20 Prozent, das Pro-Kopf-Einkommen beträgt nur etwa zwei Drittel des EU-Durchschnitts und die reale Bruttowertschöpfung war in den letzten 15 Jahren sogar rückläufig. Allerdings ist die wirtschaftliche Schwäche des Südens nicht alleine ausschlaggebend für Italiens wirtschaftliche Stagnation. „Süditalien hat es in all den Jahren nicht geschafft, wirtschaftlich zum Norden aufzuschließen. Aber auch der Norden hat keine große wirtschaftliche Dynamik entfaltet und konnte mit der Entwicklung in der EU nicht Schritt halten, der Norden fiel als Wachstums­motor für Italien aus“, sagte Schrader.

„Italien braucht wirksame Reformen auf dem Arbeitsmarkt, um wieder wettbewerbsfähig zu werden und auf einen soliden Wachstumspfad zurückzukehren. Noch ist Italien kein zweites Griechenland, aber ohne ein kräftigeres Wachstum wird es seine enormen Schulden nicht dauerhaft bedienen können. Die italienische Politik ist gefordert, aus eigener Kraft durch einen konsequenten Reformkurs die Voraussetzungen für mehr Wachstum und Beschäftigung zu schaffen.“

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