Medieninformation

Snower: Brexit kann fatale Folgen haben

24.06.2016

Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), ist in Wien geboren, hat die amerikanische Staatsbürgerschaft und lebte und arbeitete über 20 Jahre in Großbritannien. Als Kosmopolit und überzeugter Europäer tritt er für den Zusammenhalt der EU und die Förderung einer gemeinsamen europäischen Identität ein. Die Brexit-Entscheidung alarmiert ihn:

„Die Entscheidung der britischen Bürger wird potenziell fatale Folgen haben, auch wenn sie nicht überraschend gekommen ist. Den EU-Mitgliedsländern ist es in den vergangenen Jahren nicht gelungen, bei ihren Bürgern eine Identität als Europäer zu verankern. Das Ergebnis sehen wir nun in Großbritannien und in den Diskussionen in anderen europäischen Ländern. Die britische Entscheidung ist besonders tragisch, weil keines der Argumente der Brexit-Befürworter stichhaltig ist. (Siehe auch diesen Beitrag).

Es wird nun eine möglicherweise lange und gefährliche Phase der Unsicherheit folgen, wie es mit den Beziehungen der EU zu Großbritannien weitergeht. Ein Assoziierungsabkommen nach dem Modell der Schweizer oder Norwegens ist für Großbritannien utopisch. Die Briten hätten dann ihren Einfluss in der EU verloren, müssten aber weiter fast alle Regeln befolgen. Dass die EU Großbritannien ziehen lassen, dem Land aber weiter in großem Umfang wirtschaftliche Vorteile gewähren wird, ist ebenfalls unwahrscheinlich. Die EU wird wahrscheinlich ein Exempel statuieren, um andere vom Verlassen der Union abzuschrecken.

Europäische Identität fehlt

Wenn die EU jetzt nicht weiter zerfallen soll, muss sie zunächst das Zugehörigkeitsgefühl der Bürger zur Gemeinschaft stärken, bevor sie weitere Schritte der politischen oder wirtschaftlichen Integration unternehmen kann. Nur wenn Wähler die EU-Zugehörigkeit als Teil ihrer Identität wahrnehmen, werden sie bereit sein, einen politischen Kurs der tieferen Integration oder auch der gegenseitigen Unterstützung zu tragen.

Um dieses Zugehörigkeitsgefühl zu erreichen, müssen Kontakte unter den EU-Bürgern in allen Gesellschaftsschichten ausgebaut werden. Durch gemeinsame Bildung, Arbeitsmarktpolitik und kulturellen Austausch muss für mehr sozialen Zusammenhalt gesorgt werden. Damit wächst das Verständnis für Gemeinsamkeiten aber auch die Toleranz für unterschiedliche Sichtweisen. Die EU-Mitgliedsländer müssen ihre gemeinsamen Werte wieder klar definieren und an die Bürger kommunizieren. Wenn bei den Bürgern ein attraktives Bild gemeinsamer Werte entsteht, wächst die Bereitschaft, auch in Krisenzeiten füreinander einzustehen.

Europas wirtschaftliche und politische Probleme sind nur ein Symptom dieser viel größeren Herausforderung: Der Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Identität, die neben den vielen nationalen und kulturellen Identitäten Europas besteht. Die EU muss ihren Bürgern eine inspirierende Vision bieten, die mehr ist als nur das Versprechen möglichen Wohlstands. Die Gesellschaft ist mehr als ein Marktplatz. Identität entsteht nicht allein durch Freihandel in einem gemeinsamen Markt. Ohne eine starke gemeinsame Identität kann die EU langfristig nicht überleben.“

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