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Mittelfristprojektion: 1,6% Potenzialwachstum bis 2021

08.09.2016

Das Wachstum der Produktionskapazitäten in Deutschland zieht an. Für die kommenden Jahre rechnen die Konjunkturforscher des IfW in ihrer aktuellen Mittelfristprojektion bis 2021 mit einem Wachstum von durchschnittlich rund 1,6 Prozent. In den kommenden beiden Jahren erwarten sie die höchsten Raten seit ungefähr 20 Jahren, anschließend gehen diese aber spürbar und dauerhaft zurück. Die weltwirtschaftliche Dynamik verlangsamt sich nachhaltig, der BIP-Zuwachs Chinas sinkt bis auf nur noch 5 Prozent.

Das Wachstum der Produktionsmöglichkeiten der deutschen Volkswirtschaft wird im Zeitraum von 2016 bis 2021 durchschnittlich 1,6 Prozent betragen und damit Werte erreichen, wie zuletzt um die Jahrtausendwende. Seinen Zenit erreicht das Wachstum im Jahr 2018 und wird sich danach wieder verlangsamen. Der Faktor Arbeit steuert im Schnitt 0,4 Prozentpunkte zum Potenzialwachstum bei, der Kapitalstock 0,5 Prozentpunkte. Der größte Wachstumsbeitrag von 0,7 Prozentpunkten rührt von der Totalen Faktorproduktivität (TFP) her, die ein Maß für die Effizienz des Zusammenwirkens aller am Produktionsprozess beteiligten Faktoren ist und gemeinhin mit dem technischen Fortschritt gleichgesetzt wird. Dies ist das Ergebnis der aktuellen Mittelfristprojektion der Konjunkturforscher des Instituts für Weltwirtschaft (IfW).

Grund für den Zwischenspurt beim Potenzialwachstum ist eine Zunahme des Arbeitsvolumens als Folge der starken Flüchtlingszuwanderung vor allem im vergangenen Jahr. Nach Abschluss der Asylverfahren, Integrationskurse und arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen werden diese Flüchtlinge dem Arbeitsmarkt dann 2017 und 2018 zur Verfügung stehen. Zudem sinkt die strukturelle Arbeitslosenquote insbesondere im Jahr 2018, wenn voraussichtlich die Zahl der arbeitslosen Flüchtlinge nicht mehr wächst. Die Experten erwarten zudem eine Zunahme der Investitionen und als Folge einen etwas stärkeren Aufbau des Kapitalstocks, dessen Wachstumsbeitrag somit ebenfalls steigt.

Für das Ende des Projektionszeitraumes und darüber hinaus rechnen die Forscher aufgrund demografischer Entwicklungen mit einer dauerhaften Wachstumsverlangsamung. „Langfristig hat der demografische Wandel einen Rückgang des Arbeitsvolumens zur Folge. Die Zuwanderung nach Deutschland kann diesen Prozess nicht aufhalten, sondern allenfalls hinauszögern. Geeignete Politikmaßnahmen, die beispielsweise auf eine höhere Erwerbstätigkeit Älterer abzielen, könnten den demografisch bedingten Rückgang des Arbeitsvolumens zusätzlich abfedern“, sagte Stefan Kooths, Leiter des IfW-Prognosezentrums.

Weltwirtschaftliche Dynamik verlangsamt sich nachhaltig

Die Weltproduktion wird laut Schätzung im Projektionszeitrum nur wenig mehr zulegen als zuletzt, auf Basis von Kaufkraftparitäten im Durschnitt um 3,2 Prozent. Die im Vergleich zu den Jahren des weltwirtschaftlichen Booms vor der Finanzkrise niedrige Rate spiegelt dabei eine strukturelle Verlangsamung des globalen Wirtschaftswachstums wieder, so die Forscher. Grund hierfür ist zum einen ein schwächeres Wachstum in den Schwellenländern, nicht zuletzt in China. Zum anderen drücken eine schwächere Produktivitätsentwicklung und die demografische Entwicklung die Wachstumsrate auch in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften spürbar. Ebenso hat sich die Zunahme des Welthandels nachhaltig abgeschwächt. Für China erwarten die Forscher im Zuge des Strukturwandels der Wirtschaft weg von der Industrie und hin zu mehr Dienstleistungen eine Zuwachsrate des Bruttoinlandsproduktes (BIP) zum Ende des Projektionszeitraumes von nur noch 5 Prozent. Auch das Wachstum in Lateinamerika, Südostasien und Russland wird nicht mehr so hoch ausfallen, wie in den Jahren vor dem Boom. Vergleichsweise günstig schätzen die Experten die Aussichten für Indien ein. „Bis 2021 könnte die Wirtschaft dort mit Raten von über 6 Prozent expandieren, sofern es der Regierung gelingt, die institutionellen Rahmenbedingungen zu verbessern und bestehende Wachstumsbremsen durch Investitionen in die Infrastruktur zu lösen“, sagte Kooths.

Globale Risiken sehen die Forscher insbesondere in dem auf mittlere Sicht notwendigen Ausstieg aus der massiv expansiven Geldpolitik und zunehmenden protektionistischen Tendenzen, die bereits im Brexit-Votum oder der Ablehnung von TTIP durch beide amerikanische Präsidentschaftskandidaten zum Ausdruck kommen.

Zur vollständigen Prognose:
https://www.ifw-kiel.de/wirtschaftspolitik/prognosezentrum/konjunkt

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