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Mittelfristprognose des IfW: Wachstum nur auf Zwischenhoch

22.03.2016

Deutschland wächst in den nächsten beiden Jahren so stark wie seit 15 Jahren nicht mehr. Ursache ist ein demografisches Zwischenhoch beim Arbeitsangebot, das von der Flüchtlingszuwanderung noch geringfügig unterstützt wird. Zugleich bahnt sich vor allem durch die ultraexpansive Geldpolitik eine konjunkturelle Überhitzung an. Langfristig hat der demografische Wandel aber einen spürbaren Rückgang des Wachstums zur Folge. Dies geht aus der heute vorgestellten Mittelfristprognose des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) hervor, die bis 2020 reicht. „Die Wirtschaftspolitik darf jetzt nicht den Fehler machen, auf Basis der kurzfristig günstigen Aussichten für die kommenden Jahrzehnte zu planen. Die Demografie wird in fünf Jahren mehr und mehr zur Wachstumsbremse und die Übertreibungen des Booms müssen später schmerzhaft korrigiert werden. Eine auf langfristige Stabilität ausgerichtete Wirtschaftspolitik sollte darauf achten, die Ansprüche an den Wohlfahrtsstaat nun nicht unter dem Eindruck vorübergehend höherer Wachstumsraten auszudehnen, weil dann die späteren Korrekturen umso schwieriger werden“, sagte Stefan Kooths, Leiter des IfW-Prognosezentrums.

Flüchtlingsstrom kein makroökonomischer Gamechanger

Die Konjunkturforscher rechnen mit einem Wachstum der Produktionsmöglichkeiten der deutschen Wirtschaft von durchschnittlich 1,5 Prozent bis 2020. 2017 weist das Potenzialwachstum mit gut 1,6 Prozent die höchste Rate seit mehr als 15 Jahren auf. „Maßgeblich hierfür ist aber nur ein Zwischenhoch beim Arbeitspotenzial, das durch die zuletzt hohe Zuwanderung sogar noch etwas verstärkt wird. Dieses Zwischenhoch wird sich im kommenden Jahrzehnt rasch verflüchtigen und darf daher nicht über die danach einsetzenden demografisch bedingten Wachstumsbremsen hinwegtäuschen“, so Kooths. „Dann wird die Zahl der im aktiven Erwerbsleben stehenden Menschen in Deutschland deutlich schrumpfen, während die Zahl der zu versorgenden Menschen zunächst kaum verändert bleiben wird. Damit werden sich die Verteilungskonflikte tendenziell verschärfen. Die Wirtschaftspolitik sollte die deutsche Wirtschaft und die Sozialsysteme jetzt wetterfester für den demographischen Wandel machen. Auch die Flüchtlingsmigration kann die Effekte des anstehenden demografischen Wandels nicht aufhalten.“

Die Annahmen zur Flüchtlingsmigration seien allerdings mit hohen Unsicherheiten behaftet, sowohl was die Anzahl der Flüchtlinge angeht, als auch ihre Beschäftigungschancen und ihre Produktivität betreffend. Kooths: „Sollten die Fluchtwege nach Deutschland auch künftig durch die Grenzschließungen entlang der Balkanroute blockiert sein, werden aller Voraussicht nach weniger Flüchtlinge zuwandern als von uns erwartet, selbst wenn es zu Kontingentlösungen kommt. Eine Alternativrechnung zeigt jedoch, dass die Auswirkungen eines vollständigen Stopps der Flüchtlingsmigration auf das Produktionspotenzial überschaubar bleiben. Insgesamt sind die wirtschaftlichen Effekte des Flüchtlingszuzugs nicht so groß, dass sie das makroökonomische Bild dominieren.“

Eine Dekade ultraexpansiver Geldpolitik

Für die kommenden Jahre rechnen die Forscher mit einer anhaltend hohen konjunkturellen Dynamik in Deutschland. Grund ist vor allem die ultraexpansive Geldpolitik der EZB. Insgesamt erwarten sie einen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um durchschnittlich 2 Prozent zwischen 2016 und 2020, das damit deutlich rascher zulegt als das Produktionspotenzial. Als Folge dürften die Produktionskapazitäten mehr und mehr angespannt werden und sich die Produktionslücke mit etwa 2,5 Prozent im Jahr 2020 so weit geöffnet haben wie zuletzt vor dem Beginn der Finanzkrise 2007. „Es zeichnet sich ab, dass die deutsche Wirtschaft über den Zeitraum einer ganzen Dekade hinweg einem ultraexpansiven monetären Umfeld ausgesetzt ist. Je länger die geldpolitische Ausnahmesituation anhält und die Zinsen hierzulande unter dem neutralen Niveau liegen, desto gravierender sind die damit einhergehenden Verzerrungen, sowohl in den Finanzierungsinstrumenten als auch in der Güterpreisstruktur“, so Kooths.

Die Wachstumsdynamik der Weltwirtschaft sehen die Forscher nachhaltig verlangsamt. Als Grund nennen sie nicht nur eine geringere konjunkturelle Dynamik, sondern auch eine strukturbedingte Verlangsamung des globalen Wirtschaftswachstums. Dazu zählt ein spürbar verringertes Potenzialwachstum in den Schwellenländern, nicht zuletzt in China, sowie eine geringere Wachstumsrate des Produktionspotenzials in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften.

Die vollständige Mittelfristprojektion finden Sie hier.

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