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Konjunkturprognose des IfW: Deutscher Aufschwung intakt

10.03.2016

Obwohl externe Störfaktoren die deutsche Wirtschaft belasten, korrigieren die Konjunkturforscher des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) ihre Prognose nur leicht nach unten. Das schwierigere außenwirtschaftliche Umfeld ist vor allem geprägt durch die Schwäche Chinas, den Einbruch der Ölpreise, den Streit zwischen den EU-Partnern in der Flüchtlingskrise und von Sorgen um die Robustheit der Weltwirtschaft. Für Deutschland erwarten die Forscher nun eine Zuwachsrate des Brutto­inlandsprodukts (BIP) von 2 Prozent für 2016 (bislang 2,2 Prozent) und 2,2 Prozent für 2017 (2,3 Prozent). Grund dafür ist vor allem ein Rückgang der Exporte im Winter aufgrund der Schwäche in den Abnehmerländern. Dennoch wird die konjunkturelle Dynamik in Deutschland hoch bleiben. „Derzeit zeigt sich das Bild einer gespreizten Konjunktur. In der Industrie sorgte zuletzt das Auslandsgeschäft für eine Delle, während den Dienstleistern weiterhin steigende Konsumausgaben zugutekamen. Dort sind die Geschäftsaussichten aktuell sogar so gut wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. Insgesamt erweist sich die deutsche Konjunktur in einem schwierigen internationalen Umfeld als robust, der Trend zeigt weiter klar nach oben, zumal im Januar auch die Industrieproduktion wieder kräftig gestiegen ist“, sagte Stefan Kooths, Leiter des IfW-Prognosezentrums.

Privater Konsum stark, Investitionen zweite Säule des Aufschwungs

Maßgeblich für die wieder anziehende Dynamik sind vor allem binnenwirtschaftliche Faktoren. So expandiert der private Konsum im gesamten Prognosezeitraum so stark wie seit 15 Jahren nicht mehr. Ursächlich sind steigende Einkommen infolge des anhaltenden Aufwärtstrends auf dem Arbeitsmarkt, zusätzliche Impulse durch die weiter gesunkenen Ölpreise sowie staatliche Zuwendungen, etwa im Zuge der anstehenden kräftigen Rentenerhöhung zur Mitte des Jahres. Aber auch die Investi­tionen dürften wieder Tritt fassen und die zweite Säule des Aufschwungs bilden. Vor allem die Bauinvestitionen werden wohl aufgrund der ungemein günstigen Rahmenbedingungen deutlich rascher zulegen als im Vorjahr. Die höheren staatlichen Ausgaben für die Versorgung und Integration der Flüchtlinge stimulieren die wirtschaftliche Aktivität zusätzlich. Im Verlauf des Jahres dürfte schließlich die Weltwirtschaft ihre Schwächephase überwinden, so dass sich auch die Absatzmöglichkeiten für die deutschen Exporteure wieder verbessern. Auch die expansive Geldpolitik der EZB wird weiter stimulierend wirken.

Ölpreisrückgang: positive und negative Effekte neutralisieren sich

Der jüngste Ölpreisrückgang hat die Aussichten für die deutsche Konjunktur dagegen nicht merklich aufgehellt. „Dramatische Preiseinbrüche bei wichtigen Rohstoffen bringen zunächst Sand ins weltwirtschaftliche Getriebe – Lieferbeziehungen und zum Teil auch Produktionsstrukturen müssen sich neu ausrichten. Das dämpft die wirtschaftliche Aktivität. Zudem ging der Ölpreisrückgang zu einem Gutteil auf einen geringen Bedarf an Rohöl in Folge einer Abschwächung der Weltkonjunktur zurück. Dadurch dürfte der Kaufkraftgewinn, den ölimportierende Volkswirtschaften wie Deutschland bei Ölpreisrückgängen verzeichnen, in etwa durch die schlechteren Absatzaussichten auf den Weltmärkten wieder aufgezehrt werden. Unsere Prog­nose für die Zuwachsrate des Bruttoinlandsprodukts im laufenden Jahr bleibt daher vom Ölpreisrückgang im Großen und Ganzen unbeeinflusst“, so Kooths.

Heterogenes Bild zwischen den Euroländern

Die konjunkturellen Aussichten im Euroraum haben sich nach Einschätzung der IfW-Forscher leicht eingetrübt. Für das BIP im Euroraum erwarten sie nur noch eine Expansion von 1,5 Prozent für 2016 (bislang 1,7 Prozent) und 1,9 Prozent für 2017 (2 Prozent). Kooths: „Die erhöhte politische Unsicherheit, die Turbulenzen an den europäischen Finanzmärkten und die fortdauernde Schwächephase der Schwellenländer belasten die weiteren Aussichten für den Euroraum. Im Verlauf dieses Jahres dürfte sich die Konjunktur aber wieder festigen, darauf deutet die positive Stimmung in den Unternehmen hin.“ Die Aussichten für die einzelnen Mitgliedsstaaten sind dabei sehr unterschiedlich. Spanien und Irland befinden sich inzwischen in einer kräftigen Erholung, auch wenn sich diese in Spanien aufgrund der unklaren politischen Verhältnisse etwas verlangsamen dürfte. In Frankreich und Italien wird die Zunahme der wirtschaftlichen Aktivität wohl weiter hinter dem Durchschnitt des Euroraums zurückbleiben, weil strukturelle Probleme eine kräftigere Expansion immer noch behindern. In Griechenland bleibt die Lage kritisch. Reformen kommen kaum voran, der Bankensektor ist gelähmt und die Wirtschaftsleistung stagniert.

Die Forscher warnen außerdem vor einer erneuten Zuspitzung der Krise im Euroraum. So weisen die seit einiger Zeit wieder deutlich anschwellenden TARGET-Salden zwischen der Peripherie und dem Kern des Euroraums auf neuerliche Liquiditäts- und Kapitalfluchtbewegungen hin. Kooths: „Die expansive Geldpolitik kann die Unwucht in der Währungsunion nicht aus der Welt schaffen, sondern droht, neue Verzerrungen zu provozieren. Die TARGET-Salden zeigen, dass die Peripherie-Länder das Vertrauen der internationalen Geldgeber noch nicht zurückgewonnen haben, weil gravierende Strukturprobleme noch immer nicht überwunden sind.“

Grenzkontrollen ohne messbare Effekte

Die Grenzkontrollen im Schengenraum und entlang der Balkanroute haben nach Meinung der IfW-Forscher kaum Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft und den Binnenmarkt. „Höhere Wartezeiten für Tagespendler oder Touristen sind zwar individuell ärgerlich. Insgesamt dürfte der europäische Warenverkehr aber kaum in einer Weise beeinträchtigt werden, die makroökonomisch messbar ist“, so Kooths. „Der Frachtverkehr auf dem Luft- und Seeweg sowie auf der Schiene ist von Perso­nenkontrollen an der Grenze praktisch nicht betroffen, nur der grenzüberschreitende LKW-Verkehr kann potenziell behindert werden. Hier sind aber nur wenige Grenzübergänge entlang der Balkanroute betroffen, die gemessen am gesamten Warenverkehr nur einen kleinen Teil ausmachen. Hinzu kommt, dass immer nur der Grenzübertritt in eine Richtung kontrolliert werden müsste und die Kontrollen gezielt unter Risikogesichtspunkten durchgeführt werden können.“

Weltwirtschaft abgeschwächt, niedriger Ölpreis verunsichert

Auch die weltwirtschaftliche Dynamik hat sich nach Einschätzung der IfW-Forscher abgeschwächt. Für die kommenden beiden Jahre erwarten sie nur noch eine Zunahme der Weltproduktion, gerechnet auf Basis von Kaufkraftparitäten, von 2,9 Prozent für 2016 (bislang 3,4 Prozent) und 3,5 Prozent für 2017 (3,7 Prozent). Neben strukturellen Problemen und der Verschlechterung der finanziellen Rahmenbedingungen in den Schwellenländern trug auch die mit dem stark gesunkenen Ölpreis verbundene Unsicherheit zur Abschwächung bei. „Der Preissturz von 108 Dollar im Jahr 2013 auf 30 Dollar impliziert eine Umverteilung von 1.300 Mrd. US-Dollar von den Ölproduzenten, diese nehmen jetzt weniger Geld ein, zu den Ölverbrauchern, diese müssen nun weniger zahlen. Kurzfristig überwiegen weltwirtschaftlich die dämpfenden Wirkungen auf die ökonomische Aktivität, auch weil derartige Einkommensverschiebungen an den Finanzmärkten nicht spurlos vorbeigehen“, so Kooths.

Kommentar von Stefan Kooths zur aktuellen Prognose: „Die Wirtschaftspolitik muss Maß halten, eine prozyklische Finanzpolitik schadet letztlich allen.“

Die deutsche Wirtschaft operiert derzeit nahe an der Normalauslastung der gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten. Dies ist aus konjunkturpolitischer Sicht ein Idealzustand, der nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden sollte. Ein „Mehr“ im Sinne einer über das Wachstum des Produktionspotenzials hinausgehenden Expansion der Wirtschaftsleistung ist in einer solchen Situation nicht besser, son­dern schlechter, weil jedes Abweichen in die Hochkonjunktur später eine schmerzhafte Anpassungskorrektur zur Folge hätte. Das weiterhin extrem expansive monetäre Umfeld kann die nationale Wirtschaftspolitik nicht beeinflussen, daher ist umso mehr finanzpolitisches Stabilitätshandeln gefordert. Dies bedeutet auch, dass zusätzliche Ausgaben, die zur Bewältigung des Flüchtlingszuzugs anfallen (Versorgungs- und Integrationsaufgaben), nicht zu Lasten des öffentlichen Haushaltssaldos gehen sollten, sondern durch Umschichtungen oder Abgabenerhöhungen zu finanzieren sind. Dies gilt umso mehr, als die Integration der Flüchtlinge eine längerfristige Aufgabe darstellt, die zunächst zusätzliche Ressourcen in Anspruch nimmt und bestenfalls längerfristig zu nennenswerten Potenzialeffekten führen dürfte, zumal unklar ist, wie viele der nach Deutschland geflüchteten Menschen nach einer Befriedung ihrer Heimat auf Dauer hier bleiben werden. Weitere, auf die ansässige Bevölkerung gerichtete Ausgabenprogramme, die zulasten des öffentlichen Budgetsaldos gingen, passen noch weniger in die makroökonomische Landschaft. Die deutsche Wirtschaftspolitik agiert ausweislich steigender struktureller Defizite im Prognosezeitraum schon prozyklisch. Damit wird sie mit dem bereits beschlossenen Finanzgebaren ihrer stabilisierungspolitischen Verantwortung nicht gerecht und sollte dementsprechend durch Priorisierung von Aufgaben oder Abgabenerhöhungen umsteuern.

Die vollständigen Prognosen für Deutschland, Euroraum und die Welt finden Sie hier.

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