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Konjunktur: Deutsche Wirtschaft hält Kurs

16.06.2016

Der Aufschwung in Deutschland setzt sich fort. Das Bruttoinlandsprodukt wird laut aktueller Konjunkturprognose des IfW 2016 um 1,9 Prozent und 2017 um 2,1 Prozent zulegen. Motor der Expansion ist die Binnenwirtschaft, privater und staatlicher Konsum legen unvermindert zu, Investitionen werden zum zweiten Standbein. Der deutlich verminderte Zustrom an Flüchtlingen hat kaum konjunkturelle Auswirkungen. Ein Brexit würde auch die deutsche Konjunktur belasten.

Die deutsche Wirtschaft setzt in diesem und im nächsten Jahr ihre konjunkturelle Aufwärtsbewegung fort. Neben dem privaten Konsum entwickeln sich die Investitionen mehr und mehr zur Triebkraft des Aufschwungs. Das hohe Expansionstempo im ersten Quartal von 0,7 Prozent war durch Sondereffekte wie der milden Witterung überzeichnet, so dass für das Sommerhalbjahr mit einer etwas ruhigeren Gangart zu rechnen ist. Die im Vergleich zur Prognose im Frühjahr minimale Revision des BIP-Zuwachses um 0,1 Zähler geht nicht zuletzt auf den deutlich verminderten Zustrom an Flüchtlingen und damit verbunden auf einen geringeren fiskalischen Impuls durch staatliche Ausgaben zurück. „Die konjunkturelle Grundtendenz weist gleichwohl unverändert aufwärts, die treibenden Kräfte des Aufschwungs sind nach wie vor intakt“, sagte Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums am Institut für Weltwirtschaft (IfW) anlässlich der heute vorgestellten Konjunkturprognose.

Neue Rekordstände bei der Beschäftigung, deutliche Lohnzuwächse, niedrige Energiepreise und weiterhin kräftig zulegende monetäre Sozialleistungen sorgen für deutliche Kaufkraftzuwächse bei den privaten Haushalten. Die privaten und öffentlichen Konsumausgaben legen laut Prognose in ähnlich hohem Tempo zu wie im Vorjahr. Die Investitionen dürften sogar deutlich stärker zulegen als 2015 und damit mehr und mehr zum zweiten Standbein des Aufschwungs werden. Während sich der Aufschwung bei den Unternehmensinvestitionen gefestigt hat, zeichnet sich für die Wohnungsbauinvestitionen, angefeuert durch die sehr niedrigen Zinsen, eine deutliche Zunahme bis ins Jahr 2017 ab. „Ausgehend von gegenwärtig nahezu normal ausgelasteten gesamtwirt­schaftlichen Kapazitäten expandiert die Wirtschaftsleistung im Prognosezeitraum jährlich um rund ein halbes Prozent stärker als das Produktionspotenzial wächst. Damit zeichnet sich ab, dass die heimischen Produktionsmöglichkeiten mehr und mehr angespannt werden“, so Kooths.

Schwarze Null steht, Exporte legen wieder zu

Die öffentlichen Haushalte dürften trotz erhöhter Ausgaben für Flüchtlinge, Beschäftigung, Renten und Investitionen in beiden Jahren mit einem Plus abschließen. Der Budgetsaldo sinkt im Vergleich zum Vorjahr zwar spürbar, weist dank konjunkturbedingt hoher Einnahmen durch Steuern und Sozialabgaben aber mit 7,1 Mrd. Euro (0,2 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt) immer noch einen merklichen Überschuss auf.

Trotz des Wiederanstiegs des Ölpreises bleibt der allgemeine Preisauftrieb zunächst verhalten. Die Verbraucherpreise traten zuletzt auf der Stelle und dürften dieses Jahr lediglich um 0,5 Prozent zulegen. Im kommenden Jahr wird sich die Inflation voraussichtlich auf 1,6 Prozent beschleunigen.

Die deutschen Exporte gewannen im Frühjahr wieder kräftig an Fahrt und legen im Prognosezeitraum weiter zu. Dennoch bleibt die Zuwachsrate bei den Ausfuhren dieses Jahr hinter der des vergangenen Jahres zurück (3,2 Prozent gegenüber 5,4 Prozent), während die Importe im Sog der Binnenkonjunktur weiterhin recht kräftig zulegen (4,8 Prozent nach 5,8 Prozent).

Verminderter Flüchtlingszustrom nahezu konjunkturneutral

Der stark verminderte Zustrom an Flüchtlingen hat kaum Auswirkungen auf die aktuelle Prognose. „Ein Großteil der Investitionen, etwa in Unterkünfte, wurde längst getätigt. Zwar fällt der fiskalische Impuls durch erhöhten Staatskonsum nun etwas geringer aus, die nun frei werdenden Mittel dürften indes rasch für andere Zwecke ausgegeben werden. Von einem Konjunkturimpuls durch die Flüchtlingsmigration zu sprechen ist ohnehin zweifelhaft, da diese mit Entwicklungen einhergeht, wie z.B. den kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten oder den politischen Spannungen innerhalb der Europäischen Union, die ihrerseits die Konjunktur belasten, nicht zuletzt über eine höhere Unsicherheit“, so Kooths.

Auch der Effekt für den Arbeitsmarkt bleibt durch den Rückgang des Flüchtlingsstromes zunächst nahezu unverändert. Grund ist, dass der Kapazitätsaufbau im Bundesamt für Migration (BAMF) langsamer vorangeht, als erwartet, und der Bestand an unbearbeiteten Asylverfahren trotz drastisch geringerer Zuzüge auf hohem Niveau sogar weiterhin zugenommen hat, auf zuletzt 460 000 im Mai. „Wie viele Flüchtlinge als Erwerbspersonen am Arbeitsmarkt ankommen, hängt somit nicht zuletzt davon ab, wie rasch das BAMF über Asylanträge entscheidet“, so Kooths. Für dieses Jahr rechnen die Forscher mit 215 000 Flüchtlingen (bislang 242 000), die als Erwerbs­personen den Arbeitsmarkt erreichen, für nächstes Jahr unverändert mit 263 000.

Risiko Brexit

Ein Brexit dürfte die Konjunktur in Großbritannien und seinen Partnerländern spürbar belasten, auch weil die konkrete Ausgestaltung des Austritts für längere Zeit unklar bleiben dürfte. Kooths: „Ein solches Votum könnte auch auf Sezessionsbestrebungen in anderen Mitgliedsländern ausstrahlen und so zu weiterer politischer Unsicherheit beitragen. Sollte das Auseinanderbrechen der Union zu einer realistischen Möglichkeit werden, stellt dies ein erhebliches Abwärtsrisiko für die deutsche und europäische Wirtschaft dar.“ (Analyse zu den Folgen eines Brexits).

Weltwirtschaft ohne Impulse

Der Anstieg der Weltproduktion – gerechnet auf Basis von Kaufkraftparitäten – wird mit 3,1 Prozent in diesem und 3,5 Prozent im nächsten Jahr erwartet. Die Weltwirtschaft legt damit geringfügig stärker zu, als noch im März erwartet, allerdings ist die zugrunde liegende Dynamik weiterhin gering und ein kräftiger Konjunkturaufschwung weiterhin nicht in Sicht. „Der Aufschwung in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften bleibt mäßig. Es wird mehr und mehr deutlich, dass die Hemmnisse für eine stärkere Expansion struktureller Natur sind und weder durch eine weiter expansive Geldpolitik noch durch fiskalische Impulse überwunden werden können“, so Kooths. Etwas aufgehellt haben sich die Aussichten für die Schwellenländer. Aber auch hier stehen vielfach strukturelle Probleme einer raschen Erholung entgegen.

Kommentar von Stefan Kooths zu den Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung: „Konjunktur kein wirtschaftspolitisches Ruhekissen.“

„Die aufwärts gerichtete konjunkturelle Grundtendenz darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die deutsche Wirtschaft weiterhin in einem fragilen Umfeld operiert. So überdeckt die ultraexpansive Geldpolitik weiterhin nur die Symptome der ungelösten Krise im Euroraum. Die Risiken der Niedrigzinspolitik, die marktwirtschaftliche Koordinationsmechanismen in der Herz­kammer des ökonomischen Systems außer Kraft setzt, nehmen zu, je länger diese Ausnahmesituation fortbesteht. Damit steigt die Gefahr, dass sich hierzulande nicht-nachhaltige Produktions­strukturen herausbilden und neue finanzwirtschaftliche Instabilitäten entstehen. Hinzu kommen vermehrt auswärtige Stimmen, die der Finanzpolitik in Deutschland einen expansiveren Kurs nahelegen. Angesichts einer bereits normalen und in der Tendenz zunehmenden gesamtwirtschaftlichen Kapazitätsauslastung, würde dies auf eine aktive Destabilisierung der deutschen Wirtschaft hinauslaufen. Weiterhin unklar ist die Ausgestaltung der wirtschaftspolitischen Koordinierung innerhalb der Europäischen Union. Die Ansichten über Ausmaß und Form gehen zum Teil drastisch auseinander. Auch die Flüchtlingskrise kann jederzeit die politischen Spannungen innerhalb der EU verschärfen. Symptomatisch für die offenen Fragen ist das britische Referendum zur Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Unter der konjunkturellen Oberfläche lauern daher erhebliche Risiken für die Stabilität der ökonomischen Entwicklung in Deutschland.“

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