Medieninformation

So viel kosten die Schuldenerleichterungen für Griechenland

17.09.2015

Lange Laufzeiten und niedrige Zinsen kosten Europas Steuerzahler Milliarden – Barwertbetrachtung zeigt erhebliche fiskalische Transfers an Griechenland – Bei gängigen Annahmen beträgt der Gegenwartswert der Schuldenrückzahlungen weniger als die Hälfte der gewährten Kredite

Griechenland zahlt für seine Schulden Zinsen weit unter Marktniveau, mit der Tilgung muss das Land frühestens in den 2020er Jahren beginnen. Im Zuge des dritten Hilfspaketes ist nun sogar von einem weiteren Zahlungsaufschub von 20 oder sogar 30 Jahren die Rede. Was diese Erleichterungen faktisch kosten, haben Ökonomen des IfW in einer aktuellen Studie berechnet. „Der Schuldenerlass, über den in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wird, findet längst statt. Bei gängigen Annahmen schrumpft der Barwert der von den Europartnern bilateral und über die EFSF gewährten Kredite auf weniger als die Hälfte des nominalen Kreditbetrages zusammen“, so Stefan Kooths, Leiter des IfW- Prognose­zentrums.

In ihren Berechnungen gehen die Ökonomen von einer Diskontrate von 5 Prozent aus, wie sie auch die Weltbank verwendet. Sie ist Ausdruck der Zeitpräferenz und der Opportuni­tätskosten, quantifiziert also den entgangenen Nutzen durch eine alternative Verwendung des Kapitals, entweder in Form von Ausgaben, z.B. für Bildung oder Infrastruktur, oder in Form einer Rendite durch Investitionen am Kapitalmarkt. Als durchschnittlichen Kreditzins für Griechenland veranschlagen die Ökonomen über die gesamte Laufzeit eine Rate von 1,5 Prozent. Die Zinsen für die bilateralen Kredite ergeben sich aus einem Aufschlag auf den dreimonatigen Euribor und liegen derzeit bei etwa 0,5 Prozent, während sich die EFSF-Zinssätze aus den Refinanzierungskosten der Fazilität ergeben und zudem bis 2023 gestundet wurden.

Unter diesen Annahmen beträgt der Gegenwartswert der für die ausstehenden Kredite von nominal 184 Mrd. Euro fälligen Rückzahlung lediglich 87 Mrd. Euro. Da die Eurostaaten einen nominalen Schuldenschnitt ausgeschlossen haben und sich die Zinsen kaum noch weiter senken lassen, ohne Jahr für Jahr bei den Geberländern offene Verluste auszu­weisen, wurde eine zusätzliche Verschiebung der Zahlungen in die Zukunft ins Spiel gebracht. Ein weiterer Zahlungsaufschub um 20 oder 30 Jahre, wie er zuletzt vom IWF vorgeschlagen wurde, würde bei den beschriebenen Annahmen den Gegenwartswert der Rückzahlungen weiter schmälern, auf dann 43 Mrd. Euro (20 Jahre) bzw. 30 Mrd. Euro (30 Jahre).

Eine alleinige Betrachtung des dritten Hilfspaketes ergibt bei den gemachten Annahmen für die gewährten zusätzlichen 86 Mrd. Euro einen Gegenwartswert der Rückzahlungen von nur 59 Mrd. Euro. Ein Rechenexempel zeigt, dass das dritte Hilfspaket auch vollständig zur Schenkung werden könnte. Sollten die Gläubiger die Zinsen auf 0 Prozent senken und nimmt man eine höhere Diskontrate von 7 Prozent (in Anlehnung an die für US-Unter­nehmensanleihen höchster Bonität errechnete reale Vorsteuerverzinsung für den Zeitraum von 1947 bis 2005 von 7,29 Prozent), beträgt der Gegenwartswert der Rückzahlung nur noch 8 Mrd. Euro. Werden nun noch bestehende Überlegungen umgesetzt, Einnahmen in Höhe von 7,7 Mrd. Euro, die dem Eurosystem aus früheren Anleihekaufprogrammen der EZB bis Juli 2018 zufließen sollen, an Griechenland auszuzahlen, wäre der Gegenwarts­wert der Rückzahlungen zum dritten Hilfspaket faktisch Null.

Stefan Kooths: „Die Entscheidung zwischen einem sofortigen Schuldenschnitt und einer weiteren Lockerung der Zins- und Tilgungskonditionen mag zwar aus der fiskalischen Warte der Geberländer als ökonomisch äquivalent erscheinen. Im Gegensatz zu einem direkten Schuldenschnitt, bei dem sich Griechenland sofort wieder am Kapitalmarkt refinanzieren könnte, bleibt das Land bei der indirekten Form des Schuldenerlasses, also durch Zugeständnisse bei den Zins- und Tilgungskonditionen, schwebend insolvent. Dies versetzt die Geberländer in die Lage, den Reformdruck aufrecht zu erhalten. Eine Garantie für den Erfolg der Reformpolitik ist dies indes nicht.

Die komplette Studie ist im aktuellen Wirtschaftsdienst Heft 9/2015 veröffentlicht und enthält auch alternative Berechnungen mit höheren und niedrigeren Diskontraten.

Experten