Medieninformation

Mittelfristprognose des IfW – Deutschland droht konjunkturelle Überhitzung

23.03.2015

Expansive Geldpolitik befeuert Boom in Deutschland – Produktionslücke steigt auf Niveau von Wiedervereinigungsboom – Zunehmende Anspannung am Arbeitsmarkt führt zu höheren Löhnen – Privater Konsum expandiert weiter stark – Teuerungsrate für die privaten Verbraucher nähert sich der 3-Prozent-Marke – Verfall der öffentlichen Infrastruktur setzt sich fort

Die Konjunkturforscher des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel haben heute ihre Prognose bis 2019 vorgestellt. Demnach wird das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland kräftig expandieren. „Ursache ist vor allem die aus deutscher Sicht extrem expansive Geldpolitik der EZB“, so Prof. Dr. Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums am IfW. Da die konjunkturelle Lage und die Verschuldung von Unternehmen und Haushalten in Deutschland günstiger bzw. geringer sei als im übrigen Euroraum, dürfte die Nullzinspolitik und die „Quantitative Lockerung“ der EZB hier besonders stimulierend wirken und einen Boom befeuern. „Durch die sich abzeichnende Überauslastung der Kapazitäten erhöht sich das Rückschlagpotenzial; die Wirtschaftspolitik steht somit in den kommenden Jahren vor erheblichen Herausforderungen. Eine Überhitzung ist kein Grund zum Feiern, sondern Anlass zur Sorge. Stabilisierungspolitisch ist ein Boom ebenso eine Zielverfehlung wie eine Rezession“, so Kooths.

Produktionslücke steigt

Ab dem kommendem Jahr werden die Produktionskapazitäten nach Meinung der Forscher mehr und mehr überdehnt. Aufgrund der starken Aufschwungkräfte wird das Bruttoinlandsprodukt über mehrere Jahre hinweg mit höheren Raten zulegen als das Produktionspotenzial wächst, so dass sich die Produktionslücke mehr und mehr öffnet. Erst 2019 könnte sich der Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts wieder spürbar verlangsamen. Die Produktionslücke wird dann voraussichtlich mit knapp 3 Prozent ihr höchstes Niveau seit der Wiedervereinigung erreicht haben, so die Experten.

Begrenzt werde das Wachstum der Produktionsmöglichkeiten durch einen gedämpften Zuwachs des Arbeitsvolumens. Zum einen folge die Arbeitszeit je Erwerbstätigen seit langer Zeit einem fallenden Trend, Haupttreiber dieser Entwicklung sei die stetige Zunahme der Teilzeitbeschäftigung. Zum anderen schrumpfe die Erwerbsbevölkerung demografisch bedingt immer weiter und könne auch durch Zuwanderung nicht vollständig kompensiert werden, zumal die Zuwanderung in den kommenden Jahren wieder nachlassen werde. Nach Meinung der Forscher wird der Zuwachs des potenziellen Arbeitsvolumens von Jahr zu Jahr geringer ausfallen und schließlich zum Erliegen kommen. Jenseits der mittleren Frist führe der demografische Wandel sogar zu einem Rückgang des Arbeitsvolumens.

Löhne und Preise steigen

Die zunehmende Anspannung auf dem Arbeitsmarkt wird sich nach Meinung der Experten in stärker steigenden Löhnen niederschlagen. Im Zuge der Beschäftigungsausweitung werde die Arbeitslosigkeit – wenn auch unterproportional –  weiter sinken, die Arbeitslosenquote nach Definition der Bundesagentur für Arbeit geht demnach bis zum Jahr 2019 auf 5,0 Prozent zurück. Nachdem im kommenden Jahr der Lohnanstieg durch den Wegfall des Mindestlohneffekts noch geringer ausfallen wird als in diesem Jahr, wird er sich in der Folge zunehmend beschleunigen, sobald die Arbeitslosigkeit aufgrund der konjunkturellen Überauslastung ihr strukturelles Niveau unterschreitet, so die Experten. Bis 2019 dürften die Effektivverdienste mit Raten von über 4 Prozent so stark steigen wie seit Anfang der 1990er nicht mehr.

Angesichts stark überausgelasteter Kapazitäten werde sich der Preisauftrieb merklich verstärken. Die Teuerungsrate für die privaten Verbraucher dürfte sich der aktuellen Prognose zufolge der 3-Prozent-Marke nähern. Der jährliche Anstieg des Deflators des Bruttoinlandsprodukts, welcher bereits seit zwei Jahren deutlich über der Inflationsrate liegt, wird sich ebenfalls beschleunigen. Damit verteuere sich die Produktion in Deutschland so stark wie seit gut 20 Jahren nicht mehr. Da die Konjunktur und der Preisauftrieb im übrigen Euroraum weiterhin deutlich schwächer ausfallen werden, wird die Geldpolitik der anziehenden Inflation in Deutschland nicht energisch entgegentreten können, so die Forscher.

Hohe Risiken durch expansive Geldpolitik vor allem für Deutschland

Mittelfristig sind mit der extrem expansiven Geldpolitik der vergangenen Jahre, welche die Zinsen nun schon für lange Zeit auf historisch niedrigem Niveau hält, beträchtliche Stabilitätsrisiken verbunden, so die Forscher. Zum einen könne die Aufblähung der Bilanzen der Zentralbanken dazu führen, dass letztlich das Vertrauen in den Willen oder in die Fähigkeit der Geldpolitik, die Inflation auf mittlere Sicht niedrig zu halten, verloren gehe. Zum anderen steige die Gefahr von negativen Nebenwirkungen für die Stabilität im Finanzsektor und das Produktionspotenzial, je länger diese Politik verfolgt werde. Von daher sei es angezeigt, den geldpolitischen Kurs so rasch wie möglich zu normalisieren. Allerdings birgt nach Einschätzung der Experten auch die Abkehr von den nichtkonventionellen Maßnahmen das Risiko, dass es zu Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten kommt, etwa plötzlichen ausgeprägten Veränderungen der Kapitalströme und Wechselkursrelationen, verbunden mit Finanzmarktstress und potenziell beträchtlichen Auswirkungen auf die Weltkonjunktur.

Das mit einem Boom einhergehende Risiko sei für Deutschland derzeit besonders ausgeprägt, da das anhaltende Niedrigzinsumfeld die Fehlverwendung von Kapital zunehmend wahrscheinlich mache. So seien an den Immobilienmärkten bereits mancherorts erste Anzeichen für Übertreibungen zu erkennen. Sollte nun auch noch die Kreditvergabe spürbar anspringen, so würden sich die systemischen Risiken für die deutsche Wirtschaft zusehends erhöhen.

Euroraum und Weltwirtschaft mit gedämpfter Dynamik

Im Euroraum wird nach Einschätzung der Forscher der Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik angesichts der vorerst weiter geringen konjunkturellen Dynamik und der besonders hohen Unterauslastung der gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten erst vergleichsweise spät erfolgen. Der Konjunkturaufschwung dürfte sich hier bis zum Jahr 2017 verstärken. Insgesamt wird sich der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften in den Jahren 2015–2019 auf jahresdurchschnittlich 2,3 Prozent belaufen. Dies wäre der höchste Zuwachs in einem 5-Jahres-Zeitraum seit mehr als einem Jahrzehnt, wenngleich immer noch weniger als in den Jahren vor der Finanzkrise, so die Experten.

Die Weltproduktion wird nach Einschätzung der Forscher in den Jahren 2015 bis 2019 im Durchschnitt mit einer Rate von 3,7 Prozent zunehmen. Die weltwirtschaftliche Expansion wird weiterhin zum überwiegenden Teil von den Entwicklungs- und Schwellenländern getragen werden, so die Experten. Allerdings gingen von dieser Seite kaum zusätzliche Impulse aus. Auch wenn das Trendwachstum dort insgesamt weiterhin wesentlich höher sei als in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften, zeichne sich für die kommenden Jahre ein eher abnehmendes Expansionstempo ab. Vor allem China befinde sich nach zwei Jahrzehnten sehr raschen Wachstums inzwischen offenbar auf einem deutlich niedrigeren Wachstumspfad. Für Lateinamerika und Russland erwarten die Experten nach der in diesem Jahr sehr schwachen Entwicklung zwar eine Belebung der Konjunktur, die mittelfristigen Aussichten seien allerdings von gesunkenen Rohstoffpreisen und beträchtlichen Strukturproblemen überschattet. Verbessert haben sich hingegen die Perspektiven für Indien, wo die Geldpolitik stärker stabilitätsorientiert sei und die Regierung einen stärkeren Fokus auf wachstumsorientierte Reformen lege.

Deutsche Infrastruktur verfällt weiter

Im Frühjahr 2013 stellte das IfW im Rahmen der Mittelfristprognose erstmals auch eine Projektion des für die Infrastruktur bedeutsamen öffentlichen Kapitalstocks vor. Diese Rechnung wurde nun an den neuen wirtschaftsstatistischen Investitionsbegriff angepasst. Der zentrale Befund hat indes Bestand: Seit dem Jahr 2001 erodiert der öffentliche Kapitalstock, und dieser Verfall wird sich mittelfristig fortsetzen, so die Forscher. Gemäß den amtlichen Angaben, die bis in das Jahr 2013 reichten, sei der Kapitalstock bereits auf das Niveau des Jahres 1994 zurückgefallen. Auch wenn die Investitionshaushalte im Zuge der Infrastrukturdebatte zuletzt etwas aufgestockt wurden, so wird sich der Verfall öffentlicher Nichtwohnbauten nach Meinung der Experten weiter fortsetzen und der Kapitalstock 2019 dann nur noch leicht über dem Niveau des Jahres 1992 liegen. Es zeichne sich allerdings ab, dass sich das Erosionstempo entschleunigt. So dürften nach derzeitigem Stand die Bruttoinvestitionen im Jahr 2019 nahezu ausreichen, um den Verschleiß auszugleichen.

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