Medieninformation

Global Economic Symposium fordert Europa auf, Migranten willkommen zu heißen

14.10.2015

Legrain: Migranten sind ein wirtschaftlicher Vorteil, keine Belastung – Laczko / Swing: Wir brauchen legale Einwanderungsmöglichkeiten – Gerxhaliu: Herkunftsländer müssen Vertrauen aufbauen, damit die jungen Menschen bleiben – Snower: Migranten eröffnen uns Perspektiven über nationale, kulturelle und religiöse Grenzen – Lücke: Gebt der EU die gemeinsame Verantwortung und Finanzierung

Kiel – Welchen Stellenwert haben in der Migrations-Debatte verschiedene Werte, und ist es notwendig, Flüchtlingen und Migranten Werte wie Demokratie oder Gleichstellung der Geschlechter ‚beizubringen‘? Das gehörte zu den kontrovers diskutierten Themen auf dem Global Economic Symposium (GES) 2015, das vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel organisiert wird. Fragen über den Umgang mit Integration, Arbeitsmigration, der Flüchtlingskrise und verschiedenen Kulturen und Werten standen dabei im Mittelpunkt.

Philippe Legrain, Ökonom, Journalist und Autor, appellierte an die Europäer, Migranten und Flüchtlinge als wirtschaftliche Chance nicht als Belastung anzusehen, die innerhalb der EU geteilt werden muss. Er sagte, es sei „pervers, dass die meisten europäischen Ländern Asylsuchende vom Arbeitsmarkt fernhalten“. Außerdem betonte er, die kanadische oder australische Art, „sich hochqualifizierte Migranten auszusuchen, hilft nicht weiter.“ Das führe nur dazu, dass die Taxifahrer Doktortitel hätten. „Ohne Migration wird die arbeitende Bevölkerung in Deutschland bis 2030 um ein Sechstel schrumpfen“, warnt er. Zur gleichen Zeit betont Legrain, Flüchtlinge und Migranten sollten nicht zu einem bloßen Wirtschaftsfaktor reduziert werden. Die Aufnahme von Flüchtlingen sei ein humanitärer Akt.

Frank Laczko von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sprach sich nachdrücklich für einen neuen Rechtsrahmen für Migration aus. „Es ist wichtiger Migranten von Anfang an einen Start in bestimmten Ländern zu ermöglichen, als sie später umzuverteilen.“ Als besonders wichtig erachtet Laczko es, legale Arbeitsmigration zu ermöglichen: „Wir müssen sicherstellen, dass das Asylsystem nicht für falsche Zwecke angewendet wird.“ William Lacy Swing, Direktor der IOM, argumentiert in ähnlicher Weise, dass die Regierungen auch weiterhin Flüchtlingen Schutz bieten müssten, aber zur gleichen Zeit, müssten neue Wege gefunden werden, um eine sichere legale Migration zu gewährleisten – sowohl für Arbeitnehmer aller Qualifikationsstufen als auch zur Familienzusammenführung. Dies äußerte er in einem schriftlichen Lösungsvorschlag zum GES.

Safet Gerxhaliu, Präsident der Handelskammer Kosovo, betonte die Bedeutung von Werten, damit junge Menschen ihre Heimatländer gar nicht erst verlassen wollen. „Wir müssen eine Zukunft im Kosovo aufbauen, damit die Jungen bleiben. Wir müssen Vertrauen aufbauen. Wir brauchen Transparenz, wir müssen diskutieren.“ Ein verlässliches Rechtsstaatsprinzip in den Balkanstaaten würde seiner Meinung nach die meisten Probleme der Region lösen. Auch das Problem, dass jungen Menschen das Land verlassen, sogar wenn sie Jobs haben. Gerxhaliu forderte die Europäer auf, eine aktivere Präsenz im Kosovo zu zeigen.

Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, nutzte seine Eröffnungsrede, um auf die positiven Auswirkungen der Einwanderung auf Wirtschaft und Gesellschaft hinzuweisen: „Die Flüchtlingskrise in Europa sollte als eine goldene Gelegenheit verstanden werden, um die pädagogischen, rechtlichen und kulturellen Initiativen einzuleiten, die wir benötigen um unsere Perspektive über aktuelle nationale, kulturelle und religiöse Grenzen hinweg zu erweitern.“

IfW-Forscher Matthias Lücke warb stark für eine gemeinsame Finanzierung durch die Europäische Union zur Lösung der aktuellen Flüchtlings- und Migrationskrise. In seinem Lösungsvorschlag argumentierte er, dass eine zentrale Zuständigkeit bei der EU das Missverhältnis zwischen der viel gepriesenen Bewegungsfreiheit im Schengen-Raum der EU und der so genannten Dublin-III-Verordnung korrigieren würde. Dublin III verlangt, dass Asylsuchende wieder in den Mitgliedstaat zurückgeschickt werden können, in dem sie zum ersten Mal einen Fuß in die EU gesetzt haben. Eine solche Lösung würde die gemeinsame Verantwortung, gemeinsame Standards und echte Lastenteilung zwischen den EU-Mitgliedstaaten fördern. Eine EU-Finanzierung würde auch helfen, die vielen Ängste zu mindern, die mit dem Thema assoziiert sind.

Das Programm des GES 2015 finden Sie hier.

Experten