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Frühjahrsprognose des IfW: Deutschland auf dem Weg in die Hochkonjunktur

12.03.2015

Wirtschaftsleistung steigt um 1,8 Prozent in diesem und 2,0 Prozent im nächsten Jahr – Arbeitslosigkeit auf Rekordtief seit Wiedervereinigung, weiterer Rückgang erwartet – Öffentliche Haushalte: Leicht im Plus dank niedriger Zinsen – Produktionskapazitäten vor Überdehnung, Gefahr der Überhitzung droht – Konjunktur im Euroraum erholt sich moderat, Weltwirtschaft zieht an

Die Konjunkturforscher des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel haben heute ihre Frühjahrsprognose vorgestellt. „Deutschland lebt derzeit auf der Sonnenseite der Konjunktur“, fasst Prof. Dr. Stefan Kooths, Leiter des Prognosezentrums, die Ergeb­nisse für Deutschland zusammen. Demnach nimmt die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 1,8 Prozent zu; im nächsten Jahr dürfte die Expansion mit 2,0 Prozent noch etwas stärker sein. Stimuliert wird die Konjunktur in der ersten Hälfte des Prognosezeitraums maßgeblich  durch Konsumausgaben und Wohnungsbauinvestitionen der privaten Haushalte. Anders als zuweilen diskutiert, sind die niedri­gen Inflationsraten kein Hemmschuh, sondern ihrerseits ein Treiber der privaten Konsumausgaben. Sie erhöhen das real verfügbare Einkommen und tragen neben der robusten Arbeitsmarktlage und den deutlich höheren Sozialleistungen dazu bei, dass die privaten Konsumausgaben mit einer Rate von 2,7 Prozent in diesem Jahr so kräftig steigen dürften wie seit 1992 nicht mehr. Im nächsten Jahr dürften die Unternehmensinvestitionen zur zweiten Säule des Aufschwungs erstarkt sein.

Die Erwerbstätigkeit steigt weiter, die Arbeitslosigkeit ist derzeit so niedrig wie noch nie im vereinten Deutschland und wie sonst nirgends in der Europäischen Union. „Die Arbeitslosigkeit dürfte im Prognosezeitraum spürbar sinken, wir erwarten für die Quote der registrierten Arbeitslosen Werte von 6,4 Prozent (2015) und 6,1 Prozent (2016)“, so Kooths. Die öffentlichen Haushalte dürften in beiden Jahren des Prog­nose­zeitraums mit Überschüssen abschließen. Trotz des kräftigen konjunkturellen Aufwindes werden diese aber nicht größer, sondern dürften in beiden Jahren bei 0,3 Prozent der Wirtschaftsleistung verharren (gegenüber 0,6 Prozent im Vorjahr). Das ist insbesondere vor dem Hintergrund extrem niedriger Zinsen kein Ausweis ehrgeiziger Finanzpolitik. Weil das nominale Bruttoinlandsprodukt kräftig expandiert und auch weil die Portfolien der „Bad Banks“ weiter reduziert werden, dürfte die Schuldenrelation im nächsten Jahr mit 67 Prozent in die Nähe des Maastricht-Kriteriums rücken (im Jahr 2014 betrug sie noch 74 Prozent).

Produktionskapazitäten droht Überhitzung

Im nächsten Jahr gerät die deutsche Wirtschaft mehr und mehr an die Schwelle zur merklichen Überdehnung ihrer Kapazitäten. „Eine solche Überdehnung, die mittelfristig in die Überhitzung führen kann, stellt eine stabilisierungspolitische Zielver­fehlung dar, der man idealerweise nicht erst begegnen sollte, wenn sie bereits eingetreten ist“, so Stefan Kooths. Jeder Boom ist seiner Natur nach nicht nachhaltig und muss früher oder später durch eine Anpassungsrezession korrigiert werden – im Durchschnitt aus Boom und Anpassungsrezession stellt sich eine Volkswirtschaft schlechter als bei einer stetigeren Entwicklung. Das mit einem Boom einhergehende Risiko ist für Deutschland derzeit besonders ausgeprägt, da das anhaltende Niedrigzinsumfeld die Fehlverwendung von Kapital besonders wahrscheinlich macht. So sind an den Immobilienmärkten bereits mancherorts Übertreibungen zu erkennen.

Euroraum mit moderater Erholung: Inflationsrate steigt, Arbeitslosenquote sinkt, Konsolidierung der Staatsfinanzen kommt zu vorläufigem Ende

Die Konjunktur im Euroraum hat sich weiter gefestigt. Das Tempo des Aufschwungs wird allerdings vorerst moderat bleiben. Im Jahr 2015 dürfte der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts 1,3 Prozent betragen. Im Jahr 2016 wird  die gesamtwirtschaftliche Produktion voraussichtlich um 1,7 Prozent zulegen. Die Inflationsrate wird nach 0,4 Prozent im vergangenen Jahr 2015 wohl nur stagnieren, 2016 mit 1,1 Prozent etwas kräftiger zulegen. Der Anstieg der Beschäftigung hat sich im Verlauf des vergange­nen Jahres beschleunigt. Die Erholung wird sich im Prognosezeitraum weiter fortsetzen. Die Arbeitslosenquote wird im Durchschnitt des Jahres 2015 wohl auf 11,1 Prozent sinken. Im Durchschnitt des Jahres 2016 erwarten wir, dass 10,5 Pro­zent der Erwerbspersonen ohne Arbeit sein werden. Die Konsolidierung der Staatsfinanzen ist im Jahr 2014 zu einem vorläufigen Ende gekommen. Im Prognose­zeitraum wird die Verbesserung des Defizits wohl im Wesentlichen auf die allmähli­che Belebung der Konjunktur sowie niedrigere Zinsausgaben zurückzuführen sein. Im Euroraum dürfte das zusammengefasste Budgetdefizit im Jahr 2015 von 2,5 Prozent auf 2,3 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt zurückgehen.

Weltwirtschaft expandiert wieder etwas stärker: beträchtliche Änderungen der Rahmenbedingungen durch Fall der Ölpreise und Verschiebung der Wechsel­kursrelationen

Die Weltwirtschaft steht gegenwärtig im Zeichen beträchtlicher Änderungen der Rahmenbedingungen. Mit dem Fall der Ölpreise und erheblichen Verschiebungen der Wechselkursrelationen zwischen den großen fortgeschrittenen Volkswirtschaf­ten haben sich wichtige Determinanten der konjunkturellen Entwicklung seit dem Sommer 2014 stark verändert. Gleichwohl hat sich die Weltkonjunktur seit dem Sommer 2014 in etwa so entwickelt wie erwartet. Auch die Indikatoren am aktuellen Rand machen keine gravierenden Korrekturen am Bild einer moderaten Beschleuni­gung der Weltkonjunktur erforderlich. Die Zunahme der Weltproduktion (gerechnet auf Basis von Kaufkraftparitäten) wird sich von 3,5 Prozent im vergangenen Jahr auf 3,7 Prozent bzw. 4,0 Prozent in den Jahren 2015 und 2016 verstärken. Höhere Zuwachsraten sind vor allem für die fortgeschrittenen Volkswirtschaften zu erwarten. Die Geldpolitik ist weiter sehr expansiv, und der gesunkene Ölpreis wirkt anregend, wenngleich für die Weltwirtschaft insgesamt nur moderat. Hinzu kommt, dass die Entschuldungsprozesse im privaten Sektor inzwischen in wichtigen Ländern weit fortgeschritten sind. Die Schwellenländer werden zwar von der stärkeren Nachfrage in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften profitieren. In China verlangsamt sich das Expansionstempo allerdings in der Tendenz weiter, und strukturelle Probleme sowie die stark gesunkenen Rohstoffpreise belasten die Entwicklung in Lateinamerika und insbesondere Russland erheblich.

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