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EZB kann Inflation nicht beliebig kontrollieren

11.11.2015

Geringe Inflation im Euroraum vor allem externen Einflüssen geschuldet – Handlungsmöglichkeiten der Geldpolitik begrenzt – Wirkung expansiver Geldpolitik verpufft weitgehend – IfW-Forscher raten der EZB zu abwartender Haltung

Die aktuelle Phase der Deflation im Euroraum ist vor allem externen Einflüssen wie dem niedrigen Ölpreis geschuldet. Hinzu kommen die Nachwirkungen der Finanz­krise, die noch immer das Produktionsniveau dämpfen und die wirtschaftliche Erholung schwächen. Daher bietet die derzeit geringe Inflationsrate wenig Anlass zur Sorge und erfordert bis auf Weiteres keine zusätzlichen Maßnahmen der EZB, die ohnehin weitestgehend ins Leere laufen. Diese Empfehlung sprechen Forscher des IfW in einem Beratungspapier für das Europäische Parlament aus, welches auf den Währungspolitischen Dialog mit der EZB morgen, Donnerstag, 12.11.2015, vorbereitet.

Die Forscher haben untersucht, inwieweit Globalisierung die Möglichkeit von Zentral­banken einschränkt, die Inflation zu kontrollieren. „Globalisierung beeinflusst sowohl die Höhe der Preise, als auch die Möglichkeiten für Zentralbanken, darauf Einfluss zu nehmen. Die Sorge, die Geldpolitik verlöre dadurch fundamental an Wirkung, ist aber unbegründet“, so Salomon Fiedler, Experte für Geldpolitik am IfW.

Entscheidend verengt wird der Handlungsspielraum von Zentralbanken durch strukturelle Veränderungen. So reduziere der internationale Wettbewerb die Möglichkeit von Unter­nehmen und  Beschäftigten, ihre Preise bzw. Löhne ohne Weiteres zu erhöhen. Der Welthandel sei für die nationale Wirtschaft und damit die nationalen Preise mittlerweile von immer größerer Bedeutung. Aufgrund immer komplexerer Handelsverflechtungen und Lieferketten, seien die internationalen Einflüsse auf die heimische Inflation immer schwieriger vorherzusagen. Für Notenbanken werde es daher immer komplizierter, auf nationaler Ebene in gewünschter Weise gegenzusteuern. Durch die zunehmende Bedeu­tung internationaler Kapitalströme rücke außerdem mehr und mehr die Finanzmarkt­stabilität auf die Agenda der Zentralbanken, was zwangsläufig etwas zu Lasten des Inflationsziels gehe.

Wechselkurse würden für die Inflation immer wichtiger. Diese könnten Zentralbanken mit ihrer Geldpolitik wirkungsvoll beeinflussen, was ihnen zum Teil Kontrolle über die Inflation zurückgebe. „Wenn aber alle nationalen Notenbanken zur gleichen Zeit versuchen, ihre Währung abzuwerten, verpufft der Effekt“, so Fiedler. Nur kurzzeitigen Einfluss auf die Inflation hätten in der Regel globale Faktoren wie die Rohstoffpreise aber auch eine Intensivierung des Wettbewerbs und die bessere Verfügbarkeit von Arbeitskräften, was inflationsmindernd wirke. Dies könnten Notenbanken aber berücksichtigen, die Wirkungs­mechanismen ihrer Geldpolitik würden dadurch nicht beeinträchtigt.

&„Die Globalisierung hat es den Zentralbanken zwar erschwert, die Inflation kurzfristig zu kontrollieren, sie aber ihrer Mittel nicht grundsätzlich beraubt“, so Fiedler. „Zentralbanken können Abweichungen von ihrem Inflationsziel auch für längere Zeit tolerieren, solange die Inflationserwartungen im Rahmen sind. “

Die geringe Inflation im Euroraum sei durch die normalen Anpassungsprozesse nach einer Finanzkrise zu erklären, etwa das nach wie vor gedämpfte Produktionsniveau und die noch schwache Erholung im Euroraum. Auch externe Faktoren, allen voran der starke Ölpreisverfall, hätten die Inflation maßgeblich gedrückt. Der EZB raten die Forscher in der jetzigen Phase zum Abwarten. Die Effekte des Ölpreisverfalls seien nur kurzfristig, außerdem sprächen die Ergebnisse aktueller Studien dafür, dass eine expansive Geldpolitik in der Erholungsphase nach einer Finanzkrise, in der sich die Eurozone aktuell befindet, nicht sehr wirkungsvoll ist.

Das IfW berät das Europäische Parlament für den Geldpolitischen Dialog mit der EZB. Alle Beratungspapiere

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