Konjunkturbericht

Deutsche Wirtschaft im Abwärtssog

Kieler Konjunkturberichte Deutschland, Nr. 59 (2019 | Q3)

Die deutsche Wirtschaft befindet sich an der Schwelle zur Rezession. Im dritten Quartal wird das Bruttoinlandsprodukt wohl noch einmal zurückgehen. Damit befände sich Deutschland formal in einer technischen Rezession. Freilich stellt die Abschwächung, die bereits im Jahr 2018 einsetzte, bislang vor allem eine Normalisierung der vorherigen ausgeprägten Hochkonjunktur dar. Derzeit dürfte die Kapazitätsauslastung der Unternehmen im Mittel in etwa ihrem langfristigen Durchschnitt entsprechen. Eine ausgeprägte gesamtwirtschaftliche Rezession wäre erst gegeben, wenn der Auslastungsgrad noch einmal spürbar zurückgehen würde. Die Risiken dafür haben sich zuletzt erhöht, zumal die schwache Industriekonjunktur offenbar zunehmend auf die Dienstleistungsbranche ausstrahlt. Derzeit spricht jedoch mehr dafür, dass sich die Konjunktur in Deutschland im kommenden Jahr fängt. Insgesamt rechnen wir gegenüber unserer Prognose vom Sommer nun mit geringeren Zuwachsraten für das Bruttoinlandsprodukt von 0,4 Prozent für das laufende Jahr (Sommer: 0,6 Prozent) und 1 Prozent für das Jahr 2020 (Sommer: 1,6 Prozent). Geprägt ist der Abschwung bislang davon, dass sich die wirtschaftliche Dynamik in Deutschland stärker abgekühlt hat als in vielen anderen Ländern. Dazu beigetragen hat wohl auch, dass sich die deutsche Wirtschaft zuvor in einer ausgeprägten Hochkonjunktur befand und somit die Fallhöhe größer war als andernorts. Zudem dürfte die vor allem aus den fortwährenden Handelskonflikten resultierende weltweit hohe politische Unsicherheit die Produktion in Deutschland in besonderem Maße belasten. Vor diesem Hintergrund werden die Exporte wohl nur allmählich wieder etwas Fahrt aufnehmen. Die privaten Konsumausgaben werden weiter mit recht robusten Raten expandieren. Zwar macht sich die schwächere Konjunktur zusehends am Arbeitsmarkt bemerkbar. So wird die Zahl der Arbeitslosen wohl vorerst weiter zunehmen und die Erwerbstätigkeit im kommenden Jahr erstmals seit der Großen Rezession sinken. Gleichwohl werden die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte, wenn auch in geringerem Tempo, deutlich aufwärts gerichtet bleiben, nicht zuletzt weil der Arbeitskräftemangel weiter zu recht kräftigen Lohnanstiegen beitragen wird und zahlreiche finanzpolitischen Maßnahmen die Einkommen stützen. Die Unternehmensinvestitionen dürften dagegen aufgrund der pessimistischen Absatzaussichten zunächst deutlich abwärts gerichtet sein. Die Überschüsse der öffentlichen Haushalte werden im Prognosezeitraum spürbar zurückgehen, da die Ausgaben weiter kräftig ausgeweitet werden, während die Einnahmen durch die konjunkturelle Abschwächung belastet werden. Im Jahr 2021 wird der Finanzierungssaldo der öffentlichen Haushalte somit wohl erstmals seit dem Jahr 2011 negativ sein.