Wirtschaftspolitischer Beitrag

Wer länger arbeitet, entlastet das Rentensystem… wirklich?

Kiel Focus

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Das längere Arbeiten einzelner Rentenversicherter über das Regelrenteneintrittsalter hinaus ist bei der derzeit vorherrschenden Lebenserwartung für sich genommen ein Verlustgeschäft für das Rentensystem als Ganzes und führt zu niedrigeren Renten und zu höheren Beitragssätzen für die Gesamtheit der Rentenversicherten.

Die steigende Erwerbsbeteiligung Älterer ist von erheblicher Bedeutung für die Aufrechterhaltung der Wirtschaftsleistung in Deutschland mit Blick auf die kommenden Jahrzehnte. Dazu gab und gibt es, gestärkt durch die Flexirente, bereits Möglichkeiten, über die Regelaltersgrenze hinaus am Arbeitsmarkt aktiv zu sein.

Zwar wird durch das Erwerbstätigkeit über die Regelaltersgrenze hinaus die potenzielle Wirtschaftsleistung gestärkt, doch für das Rentensystem ist dies nach den derzeit geltenden Regeln zumindest zweischneidig.

Für jedes Jahr, dass ein Beitragszahler länger arbeitet, erhält er aktuell 6 % mehr Rente. Diese Erhöhung gilt für die gesamte Lebensdauer. Der Rentenbezieher kann bezogen auf das gesamte Leben mehr Rente erhalten, als er durch das zusätzliche Jahr Beitragszahlung und den Verzicht auf das erste Rentenjahr dem Rentensystem „genutzt“ hat, wenn er lange genug lebt. Unterstellt man der Einfachheit halber, dass ein anzuwendender Diskontsatz identisch mit den Rentensteigerungen sei, ist dieser Punkt erreicht, wenn die betreffende Person die Regelaltersgrenze mehr als 15 Jahre überlebt. Unterstellt man ferner 40 Entgeltpunkte in der Ausgangssituation und die aktuelle bedingte Lebenserwartung im 65. Lebensjahr, liegt der erwartete Verlust der Rentenversicherung bei etwa 3.600 Euro für einen männlichen Versicherten und rund 7.600 Euro für eine weibliche Versicherte, wenn diese ein Jahr länger arbeiten und dabei einen zusätzlichen Entgeltpunkt erwerben.

Bezogen auf die Lebenserwartung im Alter von 65 Jahren entsprach dies in etwa dem Wert, der für Männer in den 90er Jahren galt. Aktuell ist die Lebenserwartung der Männer aber deutlich höher, (Abbildung 1) und zudem ist der Anteil der Frauen an den Rentenversicherten gestiegen, was effektiv die Lebenserwartung der Rentenbezieher ebenfalls erhöht.

Abbildung 1: Lebenserwartung bei Vollendung des 65. Lebensjahres

Quelle: Statistisches Bundesamt.

Folglich ist das längere Arbeiten von Rentenversicherten über das Regelrenteneintrittsalter hinaus bei der derzeit vorherrschenden Lebenserwartung für sich genommen ein Verlustgeschäft für das Rentensystem, führt also zu niedrigeren Renten und zu höheren Beitragssätzen (Abbildung 2). Selbst wenn in wenigen Jahren die Regelaltersgrenze auf 67 Jahre gestiegen sein wird, ist der hier beschriebene Effekt noch nicht kompensiert. Zudem dürfte in der Zwischenzeit auch die Lebenserwartung wieder gestiegen sein.

Abbildung 2: Zahlungsstromdifferenz bei einem Jahr Beitragszahlungen über die Regelaltersgrenze hinaus

Szenario bei 40 Entgeltpunkten in der Ausgangssituation und einem zusätzlichen Arbeitsjahr.

Quelle: https://www.deutsche-rentenversicherung.de/Allgemein/de/Inhalt/Allgemeines/FAQ/gesetzesaenderungen/flexirente/02_faq_liste_arbeiten_%C3%BCber_regelaltersgrenze.html

Die Berechnungen hier beruhen auf stark vereinfachten Annahmen. Sie illustrieren aber, dass nicht nur die Regelaltersgrenze als Größe im Rentensystem an die Alterung der Gesellschaft angepasst werden sollte, sondern auch die Berechnungen von Zu- und Abschlägen. Sonst könnte es zu ungewollten und vielleicht paradoxen Effekten kommen. Konkret sollte der Wert von 6 Prozent reduziert werden. Zudem sollten die Prozentsätze für die jeweiligen zusätzlichen Arbeitsjahre aufsteigend gestaffelt werden.


Coverfoto: © auremar - Fotolia.com

In der Reihe Kiel Focus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autorinnen und Autoren alleine verantwortlich zeichnen. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.