Wirtschaftspolitischer Beitrag

Industriestrategie: Weichen für Veränderung stellen

Kiel Focus

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IfW-Präsident Gabriel Felbermayr vermisst bei der „Nationalen Industriestrategie“ von Wirtschaftsminister Altmaier Antworten auf Digitalisierung und Automatisierung. Er fordert, international zu denken und Innovationsgrundlagen zu fördern

Die Diskussion um eine Industriestrategie hat in Deutschland Fahrt aufgenommen. Spätestens seit Bundeswirtschaftsminister Altmaier im Februar seinen Entwurf einer „Nationalen Industriestrategie“ vorgelegt hat, ist die Entwicklung eines geeigneten Konzeptes für die mittel- und langfristige wirtschaftliche Entwicklung auch politisches Programm.

Was bislang auf dem Tisch liegt, ist allerdings zu sehr darauf ausgerichtet, Traditionelles zu bewahren statt erfolgreich die Weichen für Veränderungen zu stellen – und die Ideen verharren zu oft in nationalstaatlichem Denken. Digitalisierung und Automatisierung, Klimaschutz, demographischer Wandel und die Veränderung der politischen und wirtschaftlichen Weltordnung sind die zentralen Herausforderungen, auf die eine Industriestrategie eine Antwort geben muss.

Das bisherige Konzept des Bundeswirtschaftsministers spiegelt das Unbehagen und die Unsicherheit der Akteure in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft wider, wie man der Dominanz globaler Technologieführer und der aggressiven Subventionspolitik aufstrebender Länder begegnen sollte. Das Gute: Die Ausgangsposition kann sich sehen lassen. Deutschland ist als Industriestandort bisher international außerordentlich wettbewerbsfähig und hat unbestreitbare Stärken bei vielen der eher klassischen Standortfaktoren.

Zwischen Technologieskepsis und Innovationsfreude

Schwächen deuten sich vor allem bei jenen Faktoren an, die voraussichtlich künftig an Bedeutung gewinnen werden. Stichwort Digitalisierung: Eine Befragung von Stakeholdern durch das IfW Kiel hat ergeben, dass der digitalen Infrastruktur eine extrem hohe Bedeutung für die Zukunft zugemessen wird, über 80 Prozent der Befragten sie aber als schlecht oder sehr schlecht bewerten. Ein ziemlich verheerendes Urteil, denn damit fehlt aus Sicht vieler Akteure die Grundlage, um hierzulande mit digitalen Geschäftsmodellen oder Arbeitsprozessen erfolgreich zu sein.

Hinzu kommen weichere Faktoren, die für eine gebremste digitale Entwicklung mitverantwortlich sind. Deutschland gibt zwar reichlich Geld für Forschungsförderung aus und verzahnt Wirtschaft und Wissenschaft in vielerlei Hinsicht vorbildlich. Doch wenn es um die Einführung neuer Produkte, Dienstleistungen und digitaler Prozesse geht, erweist sich eine weit verbreitete Innovationsskepsis als Hemmschuh. Eine ohnehin gesellschaftlich latent vorhandene Technologieskepsis wird durch die Alterung der Gesellschaft verstärkt.

Empirische Studien zeigen, dass sich junge Gesellschaften leichter tun, technologische Veränderungen aufzugreifen und voranzutreiben. Mehr jüngere Beschäftigte in den Unternehmen sorgen dort für mehr Innovationsfreude. In Deutschland zeigen die demographischen Vorzeichen aber in eine andere Richtung. Für die Unternehmensfinanzierung ist Deutschland zwar insgesamt kein schlechter Standort; Firmen finden ausreichend Finanzierungsquellen. Doch in Sachen Wagniskapital hinkt Deutschland weiterhin hinterher.

Junge Unternehmen, die noch kein geprüftes Geschäftsmodell haben oder eine risikoreiche internationale Skalierung anstreben, kommen andernorts leichter an das notwendige Risikokapital. Ob der Staat nun selbst zum Kapitalgeber werden soll, ist hoch umstritten. Viel wäre gewonnen, wenn die Rahmenbedingungen verbessert würden, indem zum Bespiel die steuerliche Diskriminierung von Eigenkapital beendet würde.

Internationale Vernetzung statt Technologieführerschaft

Worauf muss sich also eine Industriestrategie fokussieren, die Digitalisierung und die weiteren Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft adressiert? Zum einen sollte dies die Infrastruktur sein, vor allem die digitale. In Deutschland hapert es dabei oft nicht an der Menge der verfügbaren Mittel, sondern an deren effizientem Einsatz. Dann kann der Staat durch eine Offensive in Forschung und Entwicklung, die möglichst technologieneutral ausgestaltet ist und wo immer möglich auf öffentlich-private Partnerschaft und internationale Kooperation setzt, die Grundlagen für mehr Wachstum schaffen.

Dabei muss es nicht immer um Technologieführerschaft gehen, denn die ist teuer und gerade für ein kleines Land wie Deutschland nicht immer die optimale Strategie. Durch eine international vernetzte Grundlagenforschung und die konsequente Einbindung in die internationale Arbeitsteilung kann die deutsche Wirtschaft auch von Innovationen in Bereichen profitieren, in denen sie nicht selbst führend ist.

Zudem ist das Bildungssystem grundlegend reformbedürftig. Frühkindliche Bildung, die Förderung von Mädchen und Frauen vor allem in technischen Themenfeldern und die Motivation zu lebenslangem Lernen sind hier wichtige Stichworte.

Der Umbau zu einer klimaschonenden Energieversorgung muss die Preisentwicklung im Blick haben. Die Strompreise müssen sinken und dürfen nicht durch einen staatlichen Regulierungsrahmen nach oben getrieben werden. Digitale Geschäftsmodelle verbrauchen viel Strom, und Strom ist in Deutschland so teuer wie in kaum einem anderen Land. Wer hierzulande Server-Farmen sehen will, muss vor allem an der Stromschraube drehen.

Mit Förderung zu einem Mentalitätswandel 

Auch ein Mentalitätswandel, der das Land innovations- und gründungsfreundlicher macht, kann durch die Politik gefördert werden. Das Thema gehört in die Schulen und in den öffentlichen Diskurs. Dabei können auch Migranten eine Rolle spielen. Es wäre an der Zeit, eine sehr viel aktivere, auf die Bedarfe der Wirtschaft ausgerichtete, Immigrationspolitik zu betreiben. Deutschland muss im globalen „War for Talent“ sehr viel zielgerichteter und aggressiver auftreten. Selbst junge Flüchtlinge können, auch wenn ihnen manche formale Qualifikation fehlt, mit Technologieaffinität und neuen Blickwinkeln einen Beitrag zu mehr Innovationsfreude leisten.

Ganz wichtig: Alleine wird Deutschland nicht erfolgreich sein. Die Industriestrategie sollte weniger „national“ sein und nicht auf hiesige „Champions“ setzen, sondern Europa im Blick haben. Die Größe und Diversität des Wirtschaftsraumes Europa ist ein wichtiges Standortplus in einer Welt, in der wir mit ökonomischen Supermächten wie den USA und China in Konkurrenz stehen.

Ein großer und starker europäischer Binnenmarkt erlaubt es den Unternehmen, schnell zu wachsen und Standards zu setzen. Er ist der wichtigste Trumpf in der internationalen Durchsetzung europäischer Vorstellungen. Eine neue Industriepolitik sollte sich im Wesentlichen im internationalen Standortwettbewerb bewähren, nicht im Wettlauf um die wirksamste Protektion heimischer Strukturen.

(Der Beitrag erschien am 24. September als Gastkommentar auf Tagesspiegel Background.)


Coverfoto: Photo by Adi Goldstein on Unsplash

In der Reihe Kiel Focus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autorinnen und Autoren alleine verantwortlich zeichnen. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.