Wirtschaftspolitischer Beitrag

Die ökonomischen Ursachen des Populismus

Kiel Focus

Autoren

Thiemo Fetzer

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Erscheinungsdatum

Es gibt keine monokausale Erklärung für den Erfolg populistischer Parteien, aber ein generelles Muster: Globale ökonomische Entwicklungen haben Ungleichheiten in entwickelten Volkswirtschaften verstärkt und so zum Erstarken des Populismus beigetragen. Um dieser Entwicklung zu begegnen, reicht es aber nicht aus, nur wohlfahrtsstaatliche Transfers zu erhöhen.

Die Ökonomik hat den Populismus für sich entdeckt. Eine Reihe aktueller Forschungsarbeiten beschäftigt sich mit den ökonomischen Ursachen des Aufstiegs populistischer Parteien und Kandidaten. Ein Vergleich der Ergebnisse zeigt: Es gibt keine monokausale Erklärung.

Dennoch zeichnet sich ein generelles Muster ab: Globale wirtschaftliche Entwicklungen wie die Ausweitung des Welthandels oder Austeritätspolitik in Folge der Finanzkrise haben signifikant zum Erstarken des Populismus beigetragen. Globalisierung fördert zwar wirtschaftliches Wachstum, aber auch Ungleichheit. Daraus resultieren Verteilungskonflikte, die durch Immigration und Kürzungen öffentlicher Ausgaben verschärft werden. Die Ökonomie bereitet damit den Nährboden für Populisten, denen es aktuell gelingt, mit ihrer Rhetorik die „Verlierer“ der Globalisierung als Unterstützer zu mobilisieren.

Makroökonomische Trends und Wahlverhalten

Der Aufstieg des Populismus vollzieht sich vor dem Hintergrund makroökonomischer Trends. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Lohnquote, also der Anteil der Erwerbseinkommen am volkswirtschaftlichen Gesamteinkommen, in den entwickelten Volkswirtschaften deutlich verringert. Folglich erhöhte sich die Ungleichheit zwischen Kapital- und Erwerbseinkommen. Triebkräfte dieser Ungleichentwicklung waren vor allem die Internationalisierung des Handels, mit der Niedriglohnarbeit in weniger entwickelte Länder verlagert wurde, sowie der technologische Wandel, der vornehmlich die Kapitalproduktivität erhöht hat. Gleichzeitig nahm die Ungleichheit innerhalb der Gruppe der Erwerbstätigen zu. Die Nachfrage nach hochqualifizierter Arbeit stieg, während weniger qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Jobverluste und Lohneinbußen hinnehmen mussten.

Dass wirtschaftliches Wachstum und struktureller Wandel Verteilungswirkung haben, ist seit langem bekannt. Entsprechend haben entwickelte Volkswirtschaften wohlfahrtsstaatliche Institutionen etabliert, die negativ betroffene Individuen oder Regionen für ihre Verluste kompensieren. Die Idee dahinter: Eine gesamtgesellschaftlich positive Entwicklung wird unterstützt, indem die Verlierer dieser Entwicklung durch Transferleistungen entschädigt werden.

Dieser Mechanismus scheint jedoch nicht mehr zu funktionieren. Das mag einerseits darin begründet liegen, dass sich der Wohlfahrtsstaat vielerorts zurückgezogen hat. Andererseits scheinen monetäre Transfers alleine nicht auszureichen, um ökonomischen Unsicherheiten zu begegnen. Jedenfalls zeigt die Forschung, dass die Ungleichheit, welche sich aus wirtschaftlicher Entwicklung ergibt, einer der Gründe für die Erfolge populistischer Parteien in entwickelten Volkswirtschaften ist.

Im Fokus: Globalisierung

Vergleichsweise gut erforscht sind die ökonomischen Ursachen von Populismus am Beispiel des Welthandels. Mit der Integration ärmerer Länder in den internationalen Handel wandern arbeitsintensive Produktionsschritte in Niedriglohnländer ab. Im Gegenzug konzentrieren sich entwickelte Länder auf die Produktion von Technologieprodukten und Dienstleistungen. In der Folge sinken die Konsumentenpreise, was zur allgemeinen Erhöhung des Lebensstandards beiträgt.

Für Aufsehen sorgte vor diesem Hintergrund eine Studie von Autor, Dorn und Hanson (2013). Sie untersucht die Auswirkungen des zunehmenden Handels mit China auf die Arbeitsmärkte in den USA – und kommt zu dem Schluss, dass Niedriglohnimporte in erheblichem Maße zum Arbeitsplatzabbau im Verarbeitenden Gewerbe beigetragen haben, ohne dass die Jobverluste durch Zugewinne in anderen Sektoren ausgeglichen wurden. Überdurchschnittlich stark betroffen waren geringqualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Dabei sind einige Regionen besonders starken Arbeitsmarktfriktionen ausgesetzt, während andere Regionen sogar profitieren. Eine Nachfolgestudie zeigt, dass diese Ungleichheiten zu einer politischen Polarisierung bei Kongresswahlen geführt und die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA befördert haben.

Deutschland ist hingegen ein Gewinner des Welthandels. Dauth, Findeisen und Südekum (2014) weisen nach, dass die Zunahme des Handels mit Osteuropa und China zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen hat. Allerdings verweist auch diese Studie auf ausgeprägte regionale Unterschiede. Dippel, Gold und Heblich (2015) zeigen die politischen Konsequenzen dieser Unterschiede auf: Die Unterstützung rechtsextremer und -populistischer Parteien steigt in Regionen, die verstärktem Importwettbewerb aus Niedriglohnländern ausgesetzt sind, während sie in Regionen, die von neuen Exportmöglichkeiten profitieren, sinkt.

Diese politischen Effekte lassen sich vollständig durch die Arbeitsmarkteffekte internationalen Handels erklären, wie eine Nachfolgestudie offenbart. Sie sind getrieben durch geringqualifizierte Beschäftigte im Verarbeitenden Gewerbe. Offensichtlich unterstützen die „Verlierer“ der Globalisierung Parteien, die eine nationale Alternative zu zunehmender Internationalisierung propagieren, während die „Gewinner“ solchen Politiken an der Wahlurne eine Absage erteilen.

Der Zusammenhang zwischen globalem Handel und Populismus ist durch eine Reihe von Studien (z.B. Malgouyres (2017) oder Colantone und Stanig (2018) für einen Überblick) für viele europäische Länder belegt. Solche Handelseffekte reichen aber nicht aus, um den Erfolg populistischer Parteien zu erklären. Insgesamt ist kaum davon auszugehen, dass sich Populismus monokausal erklären lässt. Die regionalen und individuellen Unterschiede in der Betroffenheit von Globalisierung bereiten aber den Boden für populistische Wahlkampagnen, die genau solche Ungleichheiten adressieren.

Migration als dominantes Thema

Ungleichheit ist ein strukturelles Phänomen, das sich über viele Jahrzehnte hinweg aufgebaut hat. Auch sind populistische Parteien seit vielen Jahren in Europa aktiv. Doch erst in der letzten Dekade lässt sich ein europaweiter Trend zunehmender Unterstützung populistischer Parteien – insbesondere vom rechten Rand – beobachten.

Ein verbindendes Element dieser Parteien ist ihre kritische Haltung zu Migration, die im Umfeld der Flüchtlingskrise deutlich wurde. Tatsächlich bestätigt eine Reihe von Studien (z.B. Dustmann et al. (2018), Dinas et al. (2018), Halla et al. (2017))  den positiven Zusammenhang von Flüchtlingszuzug und den Wahlerfolgen rechtspopulistischer Parteien. Dieser Zusammenhang scheint vordergründig nicht ökonomisch begründet. Schließlich lassen sich kaum Arbeitsmarkteffekte von Immigration im Allgemeinen – und von Flüchtlingen im Besonderen – nachweisen. Xenophobie und Angst vor „kultureller Überfremdung“ scheinen hier eine größere Rolle zu spielen als die direkte Betroffenheit von wirtschaftlichen Folgen der Migration.

Nichtsdestotrotz gibt es auch ökonomisch-rationale Begründungen für den Einfluss von Migration auf Populismus. Unter anderem steht die alteingesessene Bevölkerung mit Neuankömmlingen im Wettbewerb um die Nutzung öffentlicher Güter. Ökonomische Modelle zeigen: Je größer die kulturelle Distanz zwischen zwei Gruppen, desto geringer die Bereitschaft, staatliche Leistungen zu teilen. Und tatsächlich zeigt sich, dass die Unterstützung für Umverteilungsmaßnahmen mit dem Zuzug von Migrantinnen und Migranten abnimmt und dass zwischen Flüchtlingszuzug, dem Angebot öffentlicher Güter und der Unterstützung rechtspopulistischer Parteien ein Zusammenhang besteht.

Da scheint es nicht verwunderlich, dass populistische Parteien das Migrationsthema europaweit nutzen konnten, um Wählerstimmen zu gewinnen. Nach der globalen Finanzkrise wurde in vielen Ländern das Angebot öffentlicher Güter eingeschränkt. Verteilungskonflikte zwischen „Einheimischen“ und „Zugezogenen“ wurden so verschärft.

Brexit als Paradebeispiel

Der Wahlkampf um das Brexit-Referendum ist in vielerlei Hinsicht ein Paradebeispiel für den Erfolg populistischer Kampagnen. Mit einer Mischung aus Halbwahrheiten und einseitiger Interpretation der Faktenlage gelang es den Protagonisten der „Leave“-Kampagne, Unterstützung für ein offensichtlich wohlfahrtsminderndes Projekt zu gewinnen. Die Zustimmung zum Brexit war regional aber äußerst ungleich verteilt. Städte und Dienstleistungszentren unterstützten mehrheitlich einen Verbleib in der EU, während „Leave“ die größte Unterstützung in agrarisch geprägten Regionen und den alt-industriellen Zentren erhielt. Letztere sind wiederum Regionen, die besonders stark von Niedriglohnimporten betroffen waren. Die Unterschiede zwischen Leave- und Remain-Regionen in der Industriestruktur spiegeln sich in der Qualifikationsstruktur der lokalen Bevölkerung wider. Tatsächlich gibt es einen deutlichen, statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen dem regionalen Anteil an Geringqualifizierten und der Unterstützung für den Brexit.

Vor diesem Hintergrund zeigt Fetzer in einer aktuellen Studie, dass die Austeritätspolitik der britischen Regierung ab 2010 zu einer Erhöhung der Leave-Stimmen um rund 10 Prozentpunkte geführt hat. Der Abbau wohlfahrtsstaatlicher Maßnahmen betraf vornehmlich Geringqualifizierte, so dass auch die Entscheidung für den Brexit als eine Entscheidung der Verlierer wirtschaftlichen Wandels gedeutet werden kann.

Die Begründung liefert wiederum der ökonomische Kontext: Seit den 1960er Jahren hat die Lohnquote im Vereinigten Königreich kontinuierlich abgenommen. Innerhalb der Gruppe der Erwerbstätigen hat die Ungleichverteilung der Einkommen zwischen Hoch- und Geringqualifizierten stetig zugenommen. Zunehmende Einkommensungleichheit ging einher mit regionaler Ungleichheit, da Hochqualifizierte und Bezieher von Kapitaleinkommen als Profiteure der wirtschaftlichen Entwicklung konzentriert in städtischen Regionen leben. Die Kürzung öffentlicher Ausgaben traf so nicht nur die individuellen Bezieher von Transfereinkommen, sondern beeinträchtigte die Entwicklungsperspektiven ganzer Regionen. Vor dem Hintergrund dieser Verteilungskonflikte verfing eine politische Kampagne, die sich unter anderem gegen osteuropäische Immigranten richtete, obwohl diese kaum einen Einfluss auf die Arbeitsmarktchancen der britischen Bevölkerung hat, wie Becker und Fetzer (2018) zeigen.

Muss das so sein?

Der Erfolg populistischer Parteien in den westlichen Industrieländern lässt sich auf eine Reihe ökonomischer Faktoren zurückführen. Globale wirtschaftliche Entwicklungen haben die Ungleichheit zwischen Einkommens- und Qualifikationsgruppen erhöht. Die Verlierer dieser Entwicklung waren besonders negativ von aufeinander folgenden ökonomischen Schocks betroffen. Statt dieser Entwicklung mit wohlfahrtsstaatlichen Maßnahmen entgegenzuwirken, haben Austeritätspolitiken die Verteilungskonflikte weiter verschärft. All das begründet aber keinen Automatismus hin zum Aufstieg populistischer Parteien. Zwar können diese Faktoren erklären, wieso sich Wähler von regierenden Parteien abwenden. Warum aber wechseln die „Verlierer“ der Globalisierung ausgerechnet ins populistische Lager?

Tatsächlich sind populistische Parteien sehr erfolgreich darin, ökonomische Faktoren mit soziokulturellen Entwicklungen und weltanschaulichen Begründungen zu vermischen, um ein vordergründig kohärentes Bild zu vermitteln, das sie für die „Verlierer“ der Globalisierung als attraktive Wahlalternative erscheinen lässt. Sie liefern so eine Begründung für häufig unspezifische Zukunftsängste, die zwar ökonomische Ursachen haben, aber durch soziokulturelle Entwicklungen weiter befeuert werden.

Aus ökonomischer Sicht ist diese Entwicklung deshalb bedenklich, weil die propagierten Politiken häufig wohlfahrtsmindernd wirken und somit jene problematischen Trends, die den Aufstieg populistischer Bewegungen begünstigt haben, noch weiter verstärken. Eine Gegenreaktion sollte an den ökonomischen Ursachen des Populismus ansetzen. Dazu reicht es nicht aus, wohlfahrtsstaatliche Transfers zu erhöhen. Monetäre Leistungen müssen ergänzt werden durch aktive Arbeitsmarktpolitiken und Qualifikationsmaßnahmen. Die Entwicklungspotenziale abgehängter Regionen müssen gezielt verbessert werden. Vor allem aber muss der populistischen Rhetorik faktenbasiert begegnet werden, um Wählerinnen und Wähler verlässlich über die Vor- und Nachteile ökonomischer Entwicklungen zu informieren. Gut informierte Wählerinnen und Wähler werden weniger geneigt sein, Politiken zu unterstützen, die ihnen langfristig Schaden zufügen.

(Der Beitrag erschien am 31. Oktober als Analyse auf dem Onlineportal Makronom.)


Coverfoto: © delectus – iStockphoto

In der Reihe Kiel Focus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autorinnen und Autoren alleine verantwortlich zeichnen. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.