Wirtschaftspolitischer Beitrag

Wirtschaftskrise dämpft Aussichten für die Türkei

Kiel Focus

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Jahrelang kannte die Türkei nur Wachstum. Doch vorerst ist es mit dem Wirtschaftsboom vorbei, das Land hat zu sehr über seine Verhältnisse gelebt.

Die großen Pläne der türkischen Führung, die Türkei zu einem modernen Industrieland umzubauen, das an der Nahtstelle von Orient und Okzident als Zentrum von Handel und Produktion Wohlstand für die inzwischen fast 80 Millionen Einwohner generiert, drohen zu platzen. Nach Jahren des Booms befindet sich das Land derzeit in der Krise. Bereits im Zusammenhang mit dem Putschversuch im Sommer des Jahres 2016 war die Expansion ins Stocken geraten. Die Konjunkturschwäche wurde damals zwar mithilfe starker wirtschaftspolitischer Impulse noch einmal überwunden. Dieser Aufschwung erwies sich aber als Strohfeuer: Im Verlauf dieses Jahres geriet die Währung erneut massiv unter Druck, die Zentralbank musste die Zinsen stark anheben, und die inländische Nachfrage geht seit einigen Monaten in zunehmendem Tempo zurück.

Gegenwind für die Schwellenländer 

Die Konjunktur in den Schwellenländern wird derzeit durch einen Umschwung bei den internationalen Kapitalströmen belastet. Hintergrund ist die geldpolitische Normalisierung in den USA, die schneller als erwartet voranschreitet, weil die US-Wirtschaft, angeregt durch Steuersenkungen, Investitionsanreize und einen unternehmensfreundlichen Abbau vieler Regulierungen, kräftig expandiert. Sie droht nach einer bereits historisch langen Aufschwungphase bald an Kapazitätsgrenzen zu stoßen, mit der Folge einer unerwünschten Verstärkung der Inflation. Die Aussicht auf höhere Zinsen in den USA mindert den Anreiz, auf der Suche nach attraktiven Renditen höhere Investitionsrisiken in Kauf zu nehmen und Kapital in Wertpapiere der Schwellenländer anzulegen.

Sichtbarstes Zeichen für eine veränderte Disposition bei den internationalen Investoren ist, dass die Währungen der Schwellenländer seit Jahresbeginn allgemein unter Druck geraten sind. Die Finanzmärkte differenzierten dabei allerdings deutlich, und das Ausmaß der Abwertung in den einzelnen Ländern war sehr unterschiedlich. Vielfach ging den Abwertungen zudem zumeist eine Phase erheblicher Währungsaufwertung voraus, so dass im etwas längerfristigen Vergleich (gerechnet ab Beginn des Jahres 2016) häufig nur eine geringe Abwertung, teilweise sogar noch eine Aufwertung zu verzeichnen ist. Geldpolitische Reaktionen blieben denn auch größtenteils aus; vereinzelt wurden die Leitzinsen sogar bis in den Sommer hinein gesenkt. Demgegenüber stand die türkische Lira, wie auch die Währung Argentiniens, schon länger unter Druck, und die importierte Inflation ist in beiden Ländern so erheblich, dass die Notenbanken mit drastischen Zinsanhebungen reagiert haben.

Über die Verhältnisse gelebt

Die Krise in der Türkei ist also maßgeblich landesspezifischen Faktoren zuzuschreiben. Ausschlaggebend ist hier, dass das Land in den vergangenen Jahren über seine Verhältnisse gelebt hat. Hinzu kommt seit einigen Jahren ein zunehmender Verlust an Vertrauen ausländischer Investoren in die Stabilität der wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen in der Türkei.

Das kräftige Wachstum der Wirtschaft seit der letzten großen Krise im Jahr 2001 – das Bruttoinlandsprodukt stieg bis 2017 mit jahresdurchschnittlich 5,8 Prozent so rasch wie sonst nur in einigen asiatischen Ländern – wurde in erheblichen Teilen „auf Pump“ finanziert. Insbesondere die Verschuldung der Unternehmen stieg auf ein im Vergleich mit anderen Schwellenländern sehr hohes Niveau. Problematisch ist insbesondere, dass die Verschuldung der türkischen Wirtschaft in einem im internationalen Vergleich hohen Maß in Fremdwährungen denominiert ist, vor allem in US-Dollar, aber auch in Euro. Denn dies bedeutet, dass die Bedienung der Schulden durch die Abwertung der heimischen Währung teurer wird: Es müssen mehr Lira-Einnahmen generiert werden, um die erforderlichen Devisen zu erwirtschaften.

Das Wachstum der vergangenen Jahre ging außerdem mit ausgeprägten Leistungsbilanzdefiziten einher; im vergangenen Jahr wurde ein Fehlbetrag in Höhe von 5,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts verzeichnet. Die Finanzierung der Importüberschüsse erfolgte zuletzt überwiegend durch Bankkredite und Finanzanlagen, die kurzfristig wieder abgezogen werden können, und zu immer geringeren Anteilen durch Direktinvestitionen, die weniger leicht reversibel sind und in der Regel zudem direkt produktivitätssteigernd wirken. Bereits seit einiger Zeit werden ausländische Unternehmen durch politische Konflikte mit der EU, mit Russland und zuletzt mit den USA sowie durch zunehmende Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit der Türkei zur Zurückhaltung bei Investitionen in der Türkei veranlasst.

Anpassungskrise unvermeidlich

Finanzinvestoren zweifelten im Verlauf dieses Jahres zudem zunehmend an der wirtschaftspolitischen Kompetenz der Regierung, die eine Zusammenarbeit mit dem IWF ablehnte und die Zentralbank von Zinserhöhungen abhalten wollte. Die daraufhin einsetzende Kapitalflucht verstärkte den Prozess von Abwertung, Inflation und konjunktureller Talfahrt. War das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal aufgrund kräftiger Exportzuwächse (nicht zuletzt wegen eines sehr guten Tourismusgeschäfts) noch gestiegen, so ist die Schrumpfung der inländischen Nachfrage inzwischen so stark, dass für den Rest des Jahres mit deutlichen Rückgängen der gesamtwirtschaftlichen Produktion zu rechnen ist.

Kurzfristig ist eine Korrektur des Außenhandelsungleichgewichts unvermeidlich. Schrumpfende Investitionen und die starke Verteuerung von Importen werden dazu führen, dass die Einfuhr drastisch zurückgeht. Hingegen führt eine Abwertung dazu, dass sich die internationale Wettbewerbsfähigkeit des handelbaren Sektors verbessert und die notwendige Anpassung in der Leistungsbilanz durch eine Ausweitung der Exporte maßgeblich unterstützt werden könnte. Dieser Faktor könnte insbesondere für die Türkei ins Gewicht fallen, die vergleichsweise gut in internationale Produktionsverbünde integriert ist und mit 11 Prozent einen recht hohen Anteil an der Wertschöpfung exportiert.

Internationale Verbindungen stärken

Wichtig für die längerfristige wirtschaftliche Entwicklung der Türkei ist, die Einbindung in den europäischen Wirtschaftsraum nicht zu verspielen, die in den vergangenen 20 Jahren seit Abschluss des Vertrags über eine Zollunion mit der EU erhebliche Fortschritte gemacht hat. Damit die mit dieser Entwicklung einhergehenden Wohlstandsgewinne anhalten können, ist es insbesondere erforderlich, dass der Zustrom an Direktinvestitionen aus der EU anhält, der nicht nur den Aufbau des Sachkapitalstocks ermöglicht, sondern auch mit dem Transfer von Know-how verbunden ist. Entscheidend wird es sein, dass es der Politik gelingt, Vertrauen in die zukünftige wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der EU zu schaffen, zumal Fortschritte in den EU-Beitrittsverhandlungen auf absehbare Zeit ausgeschlossen scheinen. Eine Chance hierzu böten Verhandlungen über eine Erweiterung der Zollunion, die dann insbesondere auch den für die Türkei wichtigen Agrarsektor umfassen könnte.

Eine andere Richtung der internationalen Kooperation bietet das chinesische Mega-Programm Belt and Road Initiative, das Investitionen von knapp 1 Billion US-Dollar in die Infrastruktur insbesondere in Asien und Afrika finanzieren soll. Ein Teilstück dieser „neuen Seidenstraße“ zwischen Aserbaidjan und dem osttürkischen Kars wurde im vergangenen Jahr eingeweiht. Geplant ist der Anschluss an eine Hochgeschwindigkeitsstrecke von Edirne im Westen über Istanbul und Ankara bis in den Osten der Türkei und nach Armenien. Was von diesen Plänen unter den neuen finanziellen Gegebenheiten kurzfristig umgesetzt werden kann, ist freilich offen. Eine funktionierende Seidenstraße würde die internationale Bedeutung der Türkei als Transitland für Energie und Handel stärken. Bereits heute führen Öl- und Gaspipelines durch Anatolien, und der Bosporus ist eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt. Mit dem neuen Flughafen in Istanbul wurden zudem die Kapazitäten geschaffen, die Metropole zu einem der wichtigsten internationalen Drehkreuze im Luftverkehr machen.

(Der Artikel erschien am 14.11.2018 unter dem Titel „Dämpfer für Aussichten der Türkei“ als Gastkommentar in der Deutschen Verkehrszeitung.)


In der Reihe Kiel Focus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autorinnen und Autoren alleine verantwortlich zeichnen. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.