Wirtschaftspolitischer Beitrag

Die Zukunft der geringqualifizierten Arbeit

Kiel Focus

Info

Erscheinungsdatum

Statt Menschen wie Maschinen arbeiten zu lassen, sollten wir sie befähigen, ihre sozialen Fähigkeiten stärker zu nutzen.

Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist in vollem Gange: Roboter übernehmen immer mehr Routineaufgaben, die Produktivität von Maschinen wächst in rasantem Tempo, und der Wandel erfasst immer mehr Branchen. Besonders für Geringqualifizierte ist das eine Herausforderung, denn manuelle Routinearbeiten können Maschinen am einfachsten übernehmen: Ob Lagerarbeiter, Sicherheitspersonal, Landarbeiter oder Call-Center-Mitarbeiter – überall dort, wo die gleiche Tätigkeit wieder und wieder ausgeführt wird, werden Maschinen und Computer eher früher als später die Arbeit übernehmen.

Einige Routinetätigkeiten, die heute als geringqualifiziert eingestuft sind, setzen zwischenmenschliche Interaktion voraus: etwa im Gesundheitssektor, in der Altenpflege und in der Erziehung. Obwohl diese Sektoren viele qualifizierte Mitarbeiter beschäftigen, benötigen sie auch viel Arbeit, die derzeit als unqualifiziert gilt. Diese Arbeitsplätze sind mit niedrigen Löhnen und niedrigem Status verbunden, da sie, wenn überhaupt, relativ wenig Ausbildung und tertiäre Bildung erfordern. Auch hier steigt der Druck in Richtung Automatisierung, doch neben allen Routineaufgaben ist sozialer Kontakt wichtig. Dieser soziale Kontakt wird aber selten in den Leistungsmessungen berücksichtigt, die für Gehälter relevant sind.

Gerade solche Tätigkeiten mit sozialer Komponente werden im digitalen Zeitalter an Bedeutung gewinnen. Denn wenn Maschinen immer mehr Routinetätigkeiten übernehmen und Kommunikation zunehmend automatisiert und elektronisch stattfindet, bleibt immer häufiger das Bedürfnis der Menschen nach menschlichen Kontakten unerfüllt. Schon heute wächst das Bewusstsein, dass Einsamkeit zu einer der größten Gefahren für die öffentliche Gesundheit in vielen Industrie- und Entwicklungsländern wird.

Der Weg in die Zukunft der angeblich minderqualifizierten Arbeit besteht deshalb darin, jene Arbeitsplätze, die soziale Kontakte beinhalten, neu zu definieren. Arbeitnehmer, die sie ausüben, sollten stärker geschult werden, ihre sozialen Fähigkeiten zu entwickeln, damit sie sich produktiver und effektiver an sozialen Interaktionen beteiligen können. Durch die Betonung der sozialen Interaktionen wird es für Maschinen schwierig, sie zu ersetzen, denn Maschinen können nur Aufgaben übernehmen, die mechanisch vorhersehbar sind. Und als Ergebnis einer solchen Ausbildung müssen wir damit aufhören, die jeweiligen Tätigkeiten als niedrigqualifiziert zu betrachten.

Bislang verläuft die Entwicklung in den sozialen Berufen aber eher in die entgegengesetzte Richtung: Angetrieben von den unerbittlichen Kräften der Standardisierung, um angebliche Effizienzgewinne zu erzielen, werden die Beschäftigten in diesen Sektoren oft dazu ermutigt, ihre Aufgaben in immer engeren bürokratischen Bahnen zu erledigen. Der Taylorismus lebt und wächst in der angeblich minderqualifizierten Arbeit von vielen Krankenhäusern, Pflegeheimen und Bildungseinrichtungen. Und die recht niedrigen Löhne wiederum geben den Arbeitnehmern und ihren Arbeitgebern wenig Anreiz, Aus- und Weiterbildung voranzutreiben. Das Ergebnis dieser Entwicklungen ist, dass die betroffenen Berufe eher gering geschätzt werden und das Selbstwertgefühl der Beschäftigten sinkt. Das ist eine Quelle sozialer Unzufriedenheit, die viele fortgeschrittene und aufstrebende Volkswirtschaften plagt.

In allen Dienstleistungsbereichen sollten wir davon Abstand nehmen, Beschäftigte auf Effizienz getrimmt in vorgegebene Abläufe zu pressen. Statt sie wie Maschinen arbeiten zu lassen, sollten wir sie befähigen, ihre sozialen Fähigkeiten stärker zu nutzen. Menschen in diesen Jobs benötigen oft Empathie, Mitgefühl, Perspektivenwechsel und Anpassungsfähigkeit, um die Bedürfnisse von Kunden zu verstehen. Das sind Fähigkeiten, bei denen Menschen einen natürlichen Vorteil gegenüber Maschinen haben. Und es sind Fähigkeiten, die sich durchaus trainieren lassen.

Dafür benötigen wir jedoch einen neuen Ansatz in der Bildungspolitik. Während Schulen heutzutage den größten Teil ihrer Ressourcen darauf verwenden, den Schülern Grundfertigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen, wird wenig Aufwand betrieben, um sie empathischer, verständnisvoller und rücksichtsvoller zu machen.

Sobald diese neue Herangehensweise in den Bereichen Gesundheit, Pflege und Bildung Schule macht, werden wir erkennen, dass auch andere Sektoren davon profitieren können. Auch Verkaufs- und Reinigungspersonal muss in der Praxis empathisch und anpassungsfähig sein, um die Bedürfnisse der Kunden zu erfüllen, ebenso wie die Bedienung im Restaurant oder der Mitarbeiter an der Pforte. Anstatt zu versuchen, den Menschen zu helfen, aus ungelernten Routinejobs in qualifiziertere Routinejobs auszubrechen, die früher oder später ebenfalls von Automatisierung bedroht sind, sollten Pädagogen und politische Entscheidungsträger versuchen, die Menschen zu befähigen, bei ihren derzeitigen Arbeitsplätzen sozial wirksamer zu werden.

Diese Perspektive bietet eine neue Vision des digitalen Zeitalters – als ein Zeitalter, in dem wir unser Verständnis von Fähigkeiten verändern und auf diese Weise den derzeit niedrigqualifizierten Arbeitskräften die Möglichkeit geben, ihre Arbeit in hochgeschätzte Berufe zu verwandeln.

(Professor Dennis J. Snower ist Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und Präsident der Global Solutions Initiative. Der Text ist im Tagesspiegel Background Digitalisierung erschienen.)


Coverfoto: © kritchanut - Fotolia.com

In der Reihe Kiel Focus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autorinnen und Autoren alleine verantwortlich zeichnen. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.