Wirtschaftspolitischer Beitrag

Der Preis der Daten

Kiel Focus

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„Die Bepreisung von Daten, besonders die der Konsumenten, ist aus meiner Sicht das zentrale Gerechtigkeitsproblem der Zukunft“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Global Solutions Summit in Berlin. Es sei ungerecht, dass Menschen kostenlos Daten lieferten und andere damit Geld verdienten. Deshalb will die Kanzlerin Daten einen angemessenen Wert zuweisen – und hat die Wissenschaft zu Lösungsvorschlägen aufgefordert. Hier kommt nun einer.

Um den tieferen Sinn dieses Wunsches der Bundeskanzlerin zu verstehen, stellen wir uns einmal eine neue Form eines mittelalterlichen Schuldknechts vor, der seine Arbeitskraft gibt und dafür etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf erhält: Er darf zwar seinem Brötchengeber den Rücken kehren, wann immer er möchte. Aber wenn er es tut, muss er alles zurücklassen, was seine Identität ausmacht – seinen Besitz, seine Reputation, seine Bekanntschaften. Hätten wir die Wahl zwischen der heutigen Arbeitswelt und dieser Form der Schuldknechtschaft, würde sich wohl niemand für Letztere entscheiden.

Und doch ist genau das die Welt, in der wir uns in der digitalen Sphäre bewegen: Um unsere digitalen Grundbedürfnisse zu befriedigen, müssen wir sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram, Snapchat oder WhatsApp beitreten. Wir nutzen Google, um Informationen zu finden und Amazon, um jene Produkte einzukaufen, die wir gerade brauchen. Überall wird uns eine kostenfreie Dienstleistung angeboten – im Tausch für unsere Daten. Dabei gibt es keine Garantie, dass der Wert unserer Daten den Wert der Dienstleistung auch nur annähernd widerspiegelt. Aber wir haben keine Wahl: Wir müssen diese Form der digitalen Schuldknechtschaft akzeptieren, weil es keine Alternativen gibt. Dabei laufen wir Gefahr, ausgebeutet zu werden – für manipulative Werbung etwa. Wir können die digitalen Netzwerke zwar jederzeit verlassen, müssen dann aber alles zurücklassen, was wir dort an Wissen akkumuliert haben: Unsere Kontakte und sämtliche Informationen über uns, die wir dort einmal eingegeben haben.

Jeder wird zum Identity Provider

Die Kanzlerin hat dieses Problem erkannt – und vorgeschlagen, dass Daten einen Preis bekommen sollen, so dass Verbraucher sie nutzen können, um damit für digitale Dienstleistungen zu bezahlen. Das kommt mit Blick auf die Debatte um Eigentumsrechte in der digitalen Welt einer Revolution gleich. Diese Revolution ist technisch bereits möglich – das bekannteste Mittel dazu wird als „Self Sovereign Identity System“ (SSIS) bezeichnet. Dabei handelt es sich quasi um das digitale Äquivalent zum Geldbeutel.

In der SSIS-Welt ist jeder Mensch sein eigener „Identity Provider“: Er hält seine Identitätsdaten selber und hat – mithilfe eines privaten digitalen Schlüssels – volle Kontrolle, wem er Zugriff gewährt. Für den Zugang zu den zahlreichen Webshops und sozialen Netzwerken, bei denen heute jeder von uns zahlreiche Bruchstücke seiner Identität verstreut hat, ist das ein sehr mächtiger Mechanismus. Um damit an ernsthaften Geschäftsprozessen teilnehmen zu können, bedarf es aber noch eines komplementären Instrumentes, um die Korrektheit der Daten zu garantieren. Zum Beispiel darf es nicht – wie heute oft – für eine Altersüberprüfung bei einem Online-Shop ausreichend sein, dass der Benutzer sein Geburtsdatum selber einträgt – man braucht eine Bestätigung von einer Instanz, auf die sich der Shop-Betreiber verlassen kann.

Blockchain als Verifizierungs-Instrument

Für eine solche Verifizierung von Daten und Transaktionen ist die Blockchain-Technologie geeignet, die vor allem als Basistechnologie für die Digitalwährung Bitcoin bekannt geworden ist. Die Blockchain funktioniert vereinfacht gesagt wie ein dezentral geführtes, verschlüsseltes Protokoll, in dem Daten und Transaktionen transparent festgehalten und verifiziert werden. Es ist über einen mit dem privaten Schlüssel korrespondierenden öffentlichen Schlüssel zugänglich aber nicht veränderbar.

Die Schweizer Stadt Zug etwa hat in einem Pilotprojekt ein SSIS-System für ihre Bewohner eingeführt, das mit einer entsprechenden Beglaubigungsmöglichkeit via Blockchain-Technologie ausgestattet ist. Microsoft arbeitet ebenfalls mit seinem Authenticator daran, die für das System notwendige dezentrale Identifizierung zu ermöglichen.

SSIS könnte die Basis sein für ein System, mit dessen Hilfe man seine Daten als Zahlungsmittel einsetzen und ihnen auf diese Weise einen monetären Wert beimessen kann – ähnlich wie man für seine Arbeitskraft eine monetäre Gegenleistung in Form von Lohn beziehungsweise Gehalt erhält. Die Erlöse, die mithilfe von Nutzerdaten erwirtschaftet werden, könnten wiederum besteuert werden, die Steuereinnahmen sollten für den weiteren Breitband-Ausbau sowie möglicherweise auch vergünstigten Internetzugang für benachteiligte Personengruppen verwendet werden.

Daten werden häufig als Rohstoff der Zukunft bezeichnet. In dem Sinne wären die Digitalkonzerne vergleichbar mit einem Bergwerk, das Daten aus dem Internet fördert. Ein Bergwerk bezahlt für den Abbau von Rohstoffen, indem es die Schürfrechte erwirbt. Gleiches muss künftig auch für die Internetkonzerne gelten – indem sie die entsprechenden Rechte von den Nutzern erwerben, den wahren Eigentümern der Daten.

Wettbewerb um den erzielbaren Daten-Mehrwert

Nun argumentieren Google, Facebook und Co. gerne, dass der Wert individueller Nutzerdaten minimal sei und erst die große Masse an Daten einen Wert hätte, weil man sie nutzen könnte, um neue Angebote und Services zu kreieren. Wenn das wirklich stimmt, wäre das SSIS-System perfekt, weil es für mehr Wettbewerb sorgen würde: Die Digitalfirmen würden dann ihren Wettbewerb darüber austragen, wie viel Mehrwert sie auf Grundlage der Nutzerdaten schaffen. Zugleich hätten sie einen Anreiz, die Nutzer adäquat für jene Informationen zu entschädigen, die diese den Unternehmen zur Verfügung stellen – beispielsweise durch einen vergünstigten Internetzugang oder Gutscheine.

Märkte funktionieren dann besonders effizient, wenn der Kunde wirklich König ist und die verschiedenen Anbieter darüber im Wettbewerb stehen, die Bedürfnisse der Kunden möglichst effizient zu befriedigen. Das gilt in der analogen wie auch in der digitalen Welt. Das SSIS-System bietet den Internetnutzern die Möglichkeit, König zu sein – indem es ihnen die Macht über ihre Daten zurückgibt und den Digitalkonzernen ihr Monopol nimmt.

SSIS kommt aber nicht automatisch. Schließlich haben die Digitalkonzerne ein Interesse daran, ihren freien Zugang zu den Nutzerdaten zu behalten. Die Schuldknechtschaft verschwindet eben nicht von alleine. Daher muss es eine gesetzliche Regelung geben, mit deren Hilfe SSIS verpflichtend eingeführt wird. Die Zukunft der sozialen Marktwirtschaft und unserer Demokratie hängt davon ab, denn SSIS nimmt den digitalen Netzwerken ihren manipulativen Einfluss und gibt uns unsere Freiheit zurück: Die Freiheit, selbst entscheiden zu können.

Dennis Snower ist Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und Präsident der Global Solutions Initiative.

(Leicht geänderte Fassung eines Gastkommentares, der am 11. Juni 2018 unter dem Titel „Wie man Daten einen Wert beimessen kann“ auf Zeit Online erschienen ist.)

In der Reihe Kiel Focus veröffentlicht das Institut für Weltwirtschaft Essays zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen für deren Inhalte die Autorinnen und Autoren alleine verantwortlich zeichnen. Die in den Essays abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen spiegeln nicht notwendigerweise die Empfehlungen des Instituts für Weltwirtschaft wider.

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