Wirtschaftspolitischer Beitrag

Empirische Studie: Globalisierung stärkt rechte Parteien

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Die Folgen der Globalisierung haben einen signifikanten Einfluss auf das Abschneiden rechter Parteien bei Bundestagswahlen. Rechte Randparteien bekommen in einer Region dann mehr Stimmen, wenn dort aufgrund des internationalen Wettbewerbs Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe abgebaut werden. Umgekehrt gehen ihre Stimmanteile zurück, wenn eine Region vom internationalen Handel profitiert und dadurch Jobs entstehen.

Die Globalisierung hat derzeit einen schlechten Stand. Jedenfalls kann man leicht diesen Eindruck gewinnen, wenn man das Erstarken populistischer Parteien in Europa oder die Polarisierung der amerikanischen Politik betrachtet. Es hat den Anschein, als würden wütende Wähler bevorzugt solche Kandidatinnen und Kandidaten unterstützen, die eine Begrenzung des internationalen Austauschs in Aussicht stellen. Selbst wenn es sich hierbei nur um Minderheitenvoten handelt, kann dies doch den politischen Willen und die Fähigkeit gewählter Mandatsträger, in eine Vertiefung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen zu investieren, effektiv beschränken. Diese Kolumne zeigt, dass Globalisierung selbst die Anti-Globalisierungsstimmen hervorbringt. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die negativ von verstärktem Import-Wettbewerb aus Niedriglohnländern betroffen sind, wenden sich rechtsextremen Randparteien mit globalisierungsfeindlichen Standpunkten zu. Profitieren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hingegen von verbesserten Exportchancen in neue Märkte, hat dies einen mäßigenden Effekt auf ihr Wahlverhalten.

Die politischen Folgen der Globalisierung

Die ökonomische Theorie wie auch die empirische Forschung stimmen weitgehend darin überein, dass Globalisierung, und insbesondere der zunehmende Welthandel, im Aggregat positive Wohlfahrtseffekte haben. Trotzdem führt Globalisierung zu Verteilungskonflikten zwischen Gewinnern und Verlierern der globalen wirtschaftlichen Vernetzung. Bislang hat sich die ökonomische Forschung hierbei vor allem auf die Arbeitsmarkteffekte der internationalen Handelsintegration konzentriert (Autor et al., 2013; Dauth et al., 2014; Pierce und Schott, 2016). Während diese Forschung bestätigt, dass zunehmender Handel mit Niedriglohnländern zu Friktionen auf den Arbeitsmärkten in Hochlohnländern führt, zeigt sich auch, dass positive Arbeitsmarkteffekte die negativen überwiegen. Die politischen Konsequenzen der durch Globalisierung verursachten Arbeitsmarkanpassungen fanden bislang allerdings nur wenige Beachtung in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung.

Erst in letzter Zeit, befeuert vom Aufstieg populistischer Parteien in vielen europäischen Ländern und von der zunehmenden Polarisierung der amerikanischen Politik, beschäftigen sich einige wissenschaftliche Arbeiten mit den politökonomischen Auswirkungen zunehmenden Welthandels. Die meisten Forschungsarbeiten konzentrieren sich dabei auf die USA und darauf, wie gewählte Repräsentanten im Zweiparteiensystem auf die zunehmend kritische Haltung der Wahlbevölkerung gegenüber Globalisierungsprozessen reagieren (Feigenbaum und Hall, 2015; Jensen et al., 2016; Che et al., 2016; Autor, et al., 2016). Die Ergebnisse legen nahe, dass Politiker ihre Standpunkte anpassen: in Richtung weniger liberaler Politiken im Allgemeinen, und in Richtung eher protektionistisch ausgerichteter Wirtschaftspolitiken im Besonderen. Wir nutzen deutsche Daten, um die Frage: „Wen wählen die Gegner der Globalisierung?“ zu beantworten. Das ermöglicht es, auch Gründe für die zunehmende Nachfrage nach populistischen Politikangeboten auf Seiten der Wähler zu beleuchten.

Does Globalisation Fuel Fringe Politics? - Robert Gold, EEA 2016

Deutsche Regionen sind unterschiedlich von der Globalisierung betroffen

Wir konzentrieren uns auf die Entwicklung des deutschen Außenhandels mit China und Osteuropa über den Zeitraum 1987 bis 2009. Aufgrund zweier historischer Ereignisse nahm der Handel mit diesen Ländern eher unerwartet zu. Der Fall des Eisernen Vorhangs öffnete plötzlich die osteuropäischen Märkte, und mit dem Beitritt zur WHO wurde China schlagartig zum Global Player. Entsprechend verdreifachte sich Deutschlands Handel mit Osteuropa und China über die erste Periode der Betrachtung von 1987 bis 1998, und verdreifachte sich nochmals in der zweiten Periode von 1998 bis 2009 (siehe Abbildung 1). Die Konzentration auf Deutschlands Außenhandel mit diesen Ländern hat zwei Vorteile. Methodisch hilft sie dabei, den Einfluss von Welthandel auf Wahlverhalten zu identifizieren, unabhängig von anderen polit-ökonomischen Entwicklungen die mit der weltweiten Handelsintegration in Zusammenhang stehen. Würde man beispielsweise die Entwicklung des deutschen Handels mit Frankreich oder Großbritannien über denselben Zeitraum betrachten, wäre diese Entwicklung untrennbar verbunden mit der früheren Entwicklung der Europäischen Union, was die Ergebnisse verzerren würde. Darüber hinaus erlaubt der Fokus auf Osteuropa und China einen Vergleich der Ergebnisse mit der bereits bestehenden Literatur zu den Arbeitsmarkteffekten internationalen Handels (Autor et al., 2013, Dauth et al. 2014), welche zur Erklärung der Handelseffekte auf Wahlverhalten herangezogen werden können.

Aus der o.g. Literatur ist bekannt, dass lokale Arbeitsmärkte in Hochlohnländern sehr unterschiedlich vom Handel mit Niedriglohnländern betroffen sind. Einige Regionen profitieren von der Globalisierung, während andere Regionen mit Arbeitsplatzverlusten zu kämpfen haben. Die Unterschiede in den Arbeitsmarkteffekten sollten sich in unterschiedlichen Handelseffekten auf das Wahlverhalten in den betroffenen Gebietseinheiten widerspiegeln. Auf Grundlage der ursprünglichen regionalen Industriestruktur berechnen wir daher, wie stark die einzelnen deutschen Kreise vom zunehmenden Welthandel betroffen sind. Wenn eine Region im Jahr 1987 auf Produktion in Industriesektoren spezialisiert war, die plötzlich in Konkurrenz zu Produzenten in Osteuropa und China stehen, ist diese Region verstärktem Import-Wettbewerb durch günstige Waren aus diesen Ländern ausgesetzt, was Druck auf die lokalen Arbeitsmärkte ausübt. Wenn eine Region hingegen auf Sektoren spezialisiert war, die plötzlich neue Absatzmärkte für ihre Produkte finden, verzeichnet diese Region Export-Möglichkeiten, was stimulierend auf die lokalen Arbeitsmärkte wirkt. Saldiert man die Effekte von Import-Wettbewerb und Export-Möglichkeiten erhält man ein Maß für die regionale Betroffenheit von Handelsintegration insgesamt. Die regionale Verteilung dieses Netto-Maßes ist in Abbildung 2 für die beiden Analyseperioden dargestellt.

Verlierer der Globalisierung wählen rechts

Wir untersuchen den Einfluss der regionalen Betroffenheit von Handelsintegration auf die Ergebnisse von Bundestagswahlen in 408 deutschen Kreisen. Unter Berücksichtigung des gesamten politischen Spektrums, von äußeren linken bis zum äußeren rechten Rand, zeichnen sie ein eindeutiges Bild. Ausschließlich die Wahlergebnisse rechter Randparteien sind signifikant vom internationalen Handel beeinflusst. Eine Zunahme der regionalen Betroffenheit von Handelsintegration führt zu einer Zunahme der politischen Unterstützung für rechte Randparteien. Dies deutet darauf hin, dass es rechten Parteien in Deutschland gelungen ist, die Anti-Globalisierungsstimmen auf sich zu vereinen, indem sie eine nationale Alternative zum — von diesen Parteien so bezeichneten — „vaterlandslosen Raubtierkapitalismus“ unter der „Weltdiktatur des großen Geldes“ propagieren (zitiert nach Stöss 2010, S.40).

Um zu verifizieren, dass Wähler ihr Stimmverhalten in Reaktion auf die Zunahme des Welthandels verändern, betrachten wir die im Sozio-ökonomischen Panel erfassten individuellen Parteipräferenzen. Die regionalen Ergebnisse werden durch die Analysen auf Individualebene bestätigt. Die Betroffenheit von Handelsintegration hat einen signifikanten Einfluss auf die individuelle Unterstützung rechter Randparteien, während die Unterstützung anderer Parteien unbeeinflusst bleibt. Darüber hinaus enthüllen die Individualdaten aber auch, wer genau seine Parteipräferenz in Reaktion auf zunehmenden Welthandel verändert. Es sind vor allem geringqualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aus dem Verarbeitenden Gewerbe, die rechte Randparteien unterstützen, wenn sie von Handelsintegration betroffen sind. Das ist exakt die Gruppe von Individuen, die gemäß der Literatur am ehesten mit negativen Arbeitsmarkteffekten durch Handelsintegration konfrontiert ist. Wir stellen in unserer Analyse einen kausalen Zusammenhang zwischen zunehmender Handelsintegration, Arbeitsmarktanpassungen und Wahlverhalten her und weisen nach, dass Arbeitsmärkte der zentrale Wirkungskanal für die Effekte von Handelsintegration auf das Wahlverhalten sind.

Auf der Basis theoretischer und empirischer Forschungsergebnisse würde man einen zweiteiligen Effekt internationalen Handels auf lokale Arbeitsmärkte erwarten. Zunehmende Importe aus Niedriglohnländern sollten zu Jobverlusten führen, da Arbeitsplätze bei Produzenten im Inland durch Arbeitsplätze bei Produzenten im Ausland ersetzt werden. Im Gegensatz dazu erfordern zunehmende Exporte in neue Märkte einen erhöhten Faktoreinsatz und sollten sich stimulierend auf lokale Arbeitsmärkte auswirken. Exakt diese Effekte zeigen sich in den Daten: Wenn Regionen stark von Import-Wettbewerb betroffen sind werden Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe abgebaut und der Stimmanteil rechter Randparteien bei Bundestagswahlen steigt. Wenn Regionen von verbesserten Export-Möglichkeiten profitieren werden Jobs geschaffen und die Stimmanteile rechter Randparteien gehen zurück. Eine formale kausale Mediationsanalyse zeigt, dass sich gut zwei Drittel des Gesamteffektes der regionalen Betroffenheit von Handelsintegration auf rechte Wahlstimmen durch Arbeitsmarktanpassungen erklären lassen. Dies findet wiederum Unterstützung in der Individualanalyse. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die von Import-Wettbewerb aus Niedriglohnländern betroffen sind, unterstützen signifikant häufiger rechte Randparteien. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hingegen, die von verbesserten Export-Möglichkeiten profitieren, entziehen rechten Randparteien ihre Unterstützung. Somit hat zunehmender internationaler Handel sowohl einen radikalisierenden als auch einen mäßigenden Effekt auf das Wahlverhalten, je nachdem, welche Arbeitsmarktanpassungen Handel auslöst.

Die Verlierer der Globalisierung dürfen nicht vernachlässigt werden

Unsere Ergebnisse zeigen, dass Globalisierung selbst die politische Opposition gegen Globalisierung befeuert. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die negativ von Handelsintegration betroffen sind, wenden sich rechten Randparteien zu – also Parteien, die eine nationale Alternative zur fortschreitenden Globalisierung propagieren. Selbst wenn diese Randparteien keine parlamentarischen Mehrheiten erringen, können moderatere Parteien doch versucht sein, auf das Wählerpotential der Globalisierungsgegner zu reagieren (Feigenbaum und Hall, 2015; Jensen et al., 2016; Che et al., 2016; Autor, et al., 2016). Gewählte Entscheidungsträger könnten folglich davor zurückschrecken, in eine weitere Vertiefung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen zu investieren, wenn sie eine zunehmende Opposition der Wählerschaft erwarten müssen. Vor dem Hintergrund der insgesamt positiven volkswirtschaftlichen Effekte internationalen Handels dürfte eine solche Entwicklung mit Wohlfahrtsverlusten einhergehen. Um ihr zu begegnen, dürfen die Verlierer der Globalisierung nicht vernachlässigt werden. Gerade bei im Aggregat positiven Wohlfahrtseffekten müssen Unterstützungsmaßnahmen für diejenigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die negativ von zunehmendem Import-Wettbewerb betroffen sind, ausgebaut werden. Die positiven Effekte verbesserter Export-Möglichkeiten eröffnen hierfür politischen Spielraum.

Eine englische Version dieses Beitrages ist bei VoxEU erschienen. Globalisation and anti-globalisation voters: Evidence from Germany
Zur Originalstudie (Englisch)

Literatur:
Autor, D., D. Dorn, und G. Hanson (2013). The China Syndrome: Local Labor Market Effects of Import Competition in the United States. American Economic Review 103(6), 2121–68.
Autor, D., D. Dorn, G. Hanson, und K. Majlesi (2016). Importing Political Polarization? The Electoral Consequences of Rising Trade Exposure. NBER Working Paper 22637.
Che, Y., Y. Lu, J. R. Pierce, P. K. Schott, und Z. Tao (2016). Does Trade Liberalization with China Influence US Elections? NBER Working Paper 22178.
Dauth, W., S. Findeisen, und J. Suedekum (2014). The Rise of the East and the Far East: German Labor Markets and Trade Integration. Journal of European Economic Association 12(6), 1643–1675.
Dippel, C., R. Gold, und S. Heblich (2015). Globalization and Its (Dis-) Content: Trade Shocks and Voting Behavior. NBER Working Paper 21812.
Feigenbaum, J. J. und A. B. Hall (2015). How Legislators Respond to Localized Economic Shocks: Evidence from Chinese Import Competition. Journal of Politics 77(4), 1012–30.
Jensen, J. B., D. P. Quinn, und S. Weymouth (2016). Winners and Losers in International Trade: The Effects on US Presidential Voting. NBER Working Paper21899.
Pierce, J. R. und P. K. Schott (2016). The Surprisingly Swift Decline of US Manufacturing Employment. American Economic Review 106(7), 1632–62.
Stöss, R. (2010). Rechtsextremismus im Wandel. Berlin: Friedrich Ebert Stiftung (H