Hohe Wechselkurse: Fluch und Segen für Schwellenländer

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Das Wachstum der Schwellenländer geht sichtbar zurück. Was beispielsweise für asiatische Entwicklungsländer bereits vor über zehn Jahren erwartet wurde, nämlich Wachstumsengpässe wie knappe Umweltressourcen, fehlende Weiterentwicklung von Institutionen, regulierte Finanzmärkte oder unzureichendes Humankapital, scheint jetzt Realität zu werden. Der Übergang vom schnellen investitions- zum langsameren innovationsgetriebenen Wachstum wird in längeren Zeiträumen erfolgen und vor allem wird er nicht friktionslos von statten gehen.

Die Bäume wachsen nicht in den Himmel. Das Wachstum der Schwellenländer geht sichtbar zurück. Was beispielsweise für asiatische Entwicklungsländer bereits vor über zehn Jahren erwartet wurde, nämlich Wachstumsengpässe wie knappe Umweltressourcen, fehlende Weiterentwicklung von Institutionen, regulierte Finanzmärkte oder unzureichendes Humankapital, scheint jetzt Realität zu werden. Der Übergang vom schnellen investitions- zum langsameren innovationsgetriebenen Wachstum wird in längeren Zeiträumen erfolgen und vor allem wird er nicht friktionslos von statten gehen.

Zwar sind die Unterschiede zwischen den Schwellenländern gewaltig, vor allem mit Blick auf das Niveau des Wachstums und die Gründe für den Wachstumsrückgang. In China sorgen eine schwache Weltmarktnachfrage und ein verzerrter Finanzmarkt für Probleme, in Indien sind es die Infrastrukturmängel und die Bürokratie, und in Brasilien und Russland hat die Boomphase im Rohstoffsektor die Weichen gegen einen internationalen wettbewerbsfähigen Industriesektor gesetzt. Das Desaster um das Thyssen-Krupp Werk in Brasilien steht dafür Pate.

Aber jenseits dieser Unterschiede gibt es ein gemeinsames Moment, dass das Wachstum abbremst: der reale Wechselkurs. Er wird durch die Lohnentwicklung bestimmt und hat sich in allen Schwellenländern in den letzten Jahren in Richtung Aufwertung bewegt. Die Schwellenländer sind schlicht teurere Standorte geworden. Das war einerseits von vielen internationalen Beobachtern gewünscht, dämmt es doch die Exportüberschüsse in den Ländern ein, stärkt die Inlandsnachfrage und senkt damit die globalen Leistungsbilanzungleichgewichte. Anderseits kommt es für viele Schwellenländer zur Unzeit, weil negative Einkommenseffekte (schwache Weltnachfrage) und Preiseffekte (reale Aufwertung) zeitlich zusammenfallen. Dies hat auch dem in jüngster Zeit dynamischsten Teil des Welthandels, dem Handel mit Rohstoffen und Industriegütern zwischen Schwellenländern, einen Dämpfer verpasst.

Die Schwellenländer haben diese Entwicklung auch nicht durch die Abkehr von festen Wechselkursen gänzlich unterbinden können, denn auch bei anderen „Ankern“ wie Inflationsziel (Brasilien) oder Wechselkurskorb (China) () bleibt der Wechselkurs nicht gänzlich unberücksichtigt, wie empirische Studien zeigen. Als erste Faustformel lässt sich sagen, dass der reale Aufwertungstrend bei Ländern mit Bindung an einen Korb verschiedener Währungen stärker ausfällt als bei Ländern mit einem Inflationsziel. Das gilt für China vor allem deshalb, weil das Land den Anteil des US-$ im Korb offensichtlich verringert hat und aufwertende Währungen wie der Euro (in jüngster Zeit) wichtiger geworden sind. Als zweite Faustformel gilt: je stärker der Sektor ist, dessen Lohnentwicklung von Weltmarktpreisen abgekoppelt ist, etwa der öffentliche bzw. quasi-öffentliche Sektor oder ein boomender Rohstoffsektor als Lohnführer, desto mehr schlägt die reale Aufwertung durch und desto mehr verliert das Land an internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Da die Arbeitnehmer in diesen Sektoren zumeist gut organisiert und politisch vernetzt sind, können sie eine positive Lohnentwicklung auch dann noch verteidigen, wenn der Boom vorüber ist. Sie stehen ja auch nicht unter einem direkten internationalen Wettbewerbsdruck. Beides, Größe des Sektors mit so genannten nicht-handelbaren Gütern und seine politischen Hebel, sind in Russland und Brasilien wichtige Gründe für langanhaltende reale Aufwertungen.

Dieser Trend ist zeitlich asymmetrisch. Getrieben von Rohstoffboomphasen aber auch von Interventionen der Zentralbanken und von politischem Druck von außen gegen angeblichen Wechselkursprotektionismus, geht es mit dem realen Wechselkurs rasch nach oben, und die Korrektur nach unten dauert erheblich länger. Dieses Muster ist nicht neu. Es wurde bereits in den siebziger und achtziger Jahren in Lateinamerika beobachtet und schuf erhebliche Probleme beim Schuldendienst. So weit ist es heute in den Schwellenländern nicht, denn sie haben erhebliche Devisenreserven angehäuft und haben sich heute weitaus mehr in ihrer eigenen Währung als in Fremdwährung verschuldet. Das heißt aber auch, dass bei anhaltender Aufwertung der Wert ihrer Devisenreserven in heimischer Währung schwindet und damit auch ihr Beitrag zur Bedienung von Schulden in nationaler Währung. Reserven von über drei Billionen Dollar wie in China sagen daher wenig darüber aus, ob das Land seinen Verpflichtungen zuhause nachkommen kann, wenn sie diese Schulden in nationaler Währung bedienen muss. Immerhin sollte das Gerede vom Wechselkursprotektionismus endlich verstummen.

Für die Industrieländer, die sich bislang auf die Nachfrage der Schwellenländer stützten, heißt dies zweierlei: Zum einen ist die Zeit der simplen Extrapolation von Nachfragevolumen und Nachfragestruktur der Schwellenländer vorbei. Das Volumen wird zurückgehen und die Struktur wird sich in Richtung Konsumenten- und Geschäftsdienstleistungen verschieben. Statt nur Autos werden vielleicht innovativere Autofinanzierungsmodelle nachgefragt, statt nur Güter der Gesundheitstechnik vielleicht Konzepte zur besseren räumlichen Gesundheitsversorgung. Zum anderen werden Direktinvestoren aus den Industrieländern in Schwellenländern wieder mehr an der Marktentwicklung in den Gastländern selbst interessiert sein und diese Länder weniger als kostengünstige Standorte für Exportindustrien nutzen. Die ärmeren Nachbarstaaten wird es freuen. Sie werden zu besseren Exportplattformen avancieren können.

(Leicht überarbeitete Version eines Artikels im Handelsblatt vom 9. August 2013 unter dem Titel „Gut und teuer“.)