Fachkräftemangel in der Wissenswirtschaft

Kiel Focus, 133

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Seit geraumer Zeit wird der Begriff ‚Fachkräftemangel‘ immer wieder diskutiert. Industrievertreter, Verbandsfunktionäre, Wissenschaftler (wie etwa die Mitglieder der Expertenkommission Forschung und Innovation) und selbst die Bundeskanzlerin konstatieren einen sich abzeichnenden Mangel an hoch qualifizierten Arbeitskräften in Deutschland.

Seit geraumer Zeit wird der Begriff ‚Fachkräftemangel‘ immer wieder diskutiert. Industrievertreter, Verbandsfunktionäre, Wissenschaftler (wie etwa die Mitglieder der Expertenkommission Forschung und Innovation) und selbst die Bundeskanzlerin konstatieren einen sich abzeichnenden Mangel an hoch qualifizierten Arbeitskräften in Deutschland. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf künftig oder bereits heute fehlenden technischen Kompetenzen der Arbeitnehmer (Stichwort: Ingenieurlücke). Nur selten wird bislang die Notwendigkeit der Fähigkeiten jenseits von Naturwissenschaft und Technik thematisiert, wenn über die Zukunftsperspektiven und Entwicklungsdeterminanten hochentwickelter Industrieländer diskutiert wird. Die starke Fokussierung auf technische Kompetenzen und damit verbunden die häufig genannte Forderung nach einem Umbau des Bildungssystems zu Gunsten der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften) und einer verstärkten Attraktion von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern aus dem Ausland greift dabei aus unserer Sicht zu kurz.

Jüngere wirtschaftswissenschaftliche Studien zeigen, dass die ‚erforderliche‘ Qualifikation von Arbeitskräften vom Entwicklungsstand eines Landes abhängt. So kann es beispielsweise für sich entwickelnde Länder wichtig sein, möglichst schnell zur sogenannten Welttechnologiegrenze aufzuschließen. Hierfür ist es zunächst notwendig, sich anderswo bereits bestehendes Wissen anzueignen bzw. es zu imitieren. Anders ist es, wenn es darum geht, durch die Generierung von neuem Wissen die Welttechnologiegrenze zu verschieben, wofür Innovationen eine zwingende Voraussetzung sind. Dass hierfür mehr als nur technologisches Wissen und Können erforderlich ist, macht das sogenannte ‚European Paradoxon‘ deutlich: Der Begriff wurde 1995 durch die Europäische Kommission geprägt und beschreibt das Phänomen, dass europäische Ingenieure und Naturwissenschaftler zwar sehr erfinderisch sind (gemessen etwa an der Zahl der Patente pro Kopf), dass die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Erträge dieser Erfindungen jedoch vielfach an anderen Orten der Welt realisiert werden. Erfindungsreichtum und technologisches Können sind in diesem Zusammenhang zwar notwendig, aber längst nicht hinreichend für ökonomischen Erfolg Ein gängiges Beispiel ist das mp3-Format, welches zwar in Deutschland durch die Fraunhofer Gesellschaft entwickelt wurde, jedoch erst durch seine Implementierung im iPod durch die US-Firma Apple Computers in großem Umfang ökonomische Erträge abgeworfen hat.

Ein wichtiger, gegenwärtig zu beobachtender Entwicklungstrend ist die zunehmende Verknüpfung von industrieller Fertigung und Dienstleistungen. Es geht hierbei nicht allein um eine vermehrte Bereitstellung von Dienstleistungen an sich, sondern diese werden in zunehmendem Maße wissensintensiv. Damit verbunden sind bestimmte Anforderungen an die Qualifikation der Beschäftigten, wobei es bei der Erbringung der Dienstleistung meist weniger um die Technologieentwicklung als vielmehr um die Anwendung von Technologien geht. Zwar bestimmt die Technologie vielfach die Möglichkeiten im Bereich der Dienstleistungen; zugleich wird die Technikentwicklung aber zunehmend durch die Bedarfe nach Dienstleistungen vorangetrieben. Die Innovationsprozesse zwischen sekundärem und tertiärem Sektor in der so beschriebenen Wissenswirtschaft sind mithin interdependent. In dieselbe Richtung geht die sogenannte „Hybridisierung von Wertschöpfungsprozessen“, d.h. die Verzahnung von Industrieprodukten mit innovativen Dienstleistungen, indem Produkte und Dienstleistungen gebündelt entwickelt, produziert und vertrieben werden. Beispielhaft seien die sogenannten ‚smart environments‘ erwähnt, die sowohl im privaten als auch im professionellen Bereich zunehmend Bedeutung gewinnen. Übertragen auf die Ebene von gesamten Volkswirtschaften lässt sich hierbei das Folgende konstatieren:

Moderne Wissensgesellschaften operieren gleichsam an der Welttechnologiegrenze. Es geht mithin um die Frage, wie Innovationen im industriellen, aber auch zunehmend im Dienstleistungssektor erfolgreich organisiert werden können. Zentral in diesem Kontext ist dabei nicht ausschließlich die Höhe der Qualifikation der Fachkräfte, sondern auch deren Zusammensetzung innerhalb einer Volkswirtschaft. Anders formuliert: Es geht nicht allein um das technologische Können, sondern auch um übergreifende Kenntnisse wie das Erkennen von wirtschaftlichen Potenzialen, die Weiterentwicklung eines Produkts gemeinsam mit einer begleitenden Dienstleistung oder auch die konsequente Umsetzung einer Idee in einem gegebenen rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Umfeld. Hierfür braucht es neben technologischen Spezialisten auch Umsetzungsspezialisten, und dies sind in der Regel Menschen mit einem breiten Spektrum an Kenntnissen und Fähigkeiten auch jenseits von rein naturwissenschaftlich-technischem Verständnis. Diese umfassendere Sicht des Innovationsprozesses erfordert, wie die OECD in ihrem jüngst erschienenen Science, Technology and Industry Outlook 2012 feststellt, bildungspolitische Maßnahmen “… that aim at fostering creativity and thinking skills, as well as non-disciplinary skills such as entrepreneurial capacities, in a wide number of contexts and for all pupils and students, irrespective of their field of study.“

Auch perspektivisch betrachtet sind die Erträge von breit ausgerichtetem Können vermutlich nicht zu unterschätzen. Gerade in dynamischen Umwelten und im Übergang zur (alternden) Wissensgesellschaft sind Kompetenzen gefragt, welche die Anpassung an sich ändernde ökonomische, politische und gesellschaftliche Randbedingungen möglich machen. In einer Gesellschaft, in der Wohlfahrt zunehmend nicht nur von materiellen Gütern bestimmt wird, kommt sozialen und integrativen Fähigkeiten eine zunehmende Bedeutung zu.

Unser Fazit lautet daher: Die Diskussion über den Fachkräftemangel, verstanden als Diskussion über die Fähigkeiten und Kompetenzen, die in der wissensorientierten Gesellschaft der Zukunft benötigt werden, ist wichtig und notwendig. Sie sollte aber nicht auf Ingenieure, Techniker und Naturwissenschaftler verengt werden.

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